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Selbst ist der Hype:
Yorkshire rockt
Der New Musical Express, selbsternannte
Bibel der britischen Popmusik, hat's zuerst gerochen: In Yorkshire
braut sich was zusammen. Ein neuer Trend der Popmusik. Wenn nicht gar
eine Revolution. Mindestens! Die Revolution hat Namen, und der NME
nennt einige davon, gern und immer wieder. Die Kaiser Chiefs zum
Beispiel, ¡Forward
Russia! oder die Arctic Monkeys . Yorkshire rockt und bebt, hat der
NME erkannt, und der Rest Britanniens hypet inzwischen kräftig
mit.
Natürlich ist nichts davon
wirklich neu. Aus Yorkshire ist immer schon gute Popmusik gekommen.
Auch das lässt sich an Namen festmachen. Schon mal was von Gang
of Four, Sisters of Mercy, Saxon, Def Leppard, Wedding Present,
Chumbawamba, Heaven 17, Moloko oder Human League gehört? Eben.
Neu an der neuen Yorkshire Pop-Szene ist daher vor allem, dass einige
Bands neu für Londoner Ohren sind. Das wiederum, so zumindest
der Verdacht in Yorkshire, hat das Londoner Magazin derart verblüfft,
dass zur Erklärung des Phänomens gleich ein Trend aus dem
Hut gezaubert werden musste. Typisches Hauptstadtdenken sei das,
spötteln sie nun in Leeds ebenso wie in Sheffield. Ab und zu
werde NME-Schreibern eben bewusst, dass es noch Land, Leute und Musik
außerhalb Londons gibt, und diese Erkenntnis wirke dann
irgendwie bewusstseinserweiternd.
Verwirrend? Sicher. Also noch einmal
von vorne. Yorkshire ist derzeit im Trend auf der Insel. Vorher war's
mal Manchester, irgendwann auch Glasgow und ganz früher sogar
Liverpool. Jetzt also Yorkshire. Was auch schon wieder ganz schön
irreführend ist. So unterschiedliche Musikszenen wie die von
Sheffield und Leeds, den beiden Hauptorten der Grafschaft, kann man
nun wirklich nicht in einen Topf werfen, auch wenn's die Londoner
Medien verzweifelt versuchen. Das wäre so, als versuchte man
Kraftwerk mit den Scorpions, Sido und Tokio Hotel zu kreuzen. Oder
Hamburg mit München. Schreckliche Vorstellung.
Vorwärts Leeds und ¡Forward Russia!
Sezieren wir die Szenen also lieber und
beginnen mit Leeds. Leeds ist nicht nur die Heimatstadt der Kaiser
Chiefs und von den neuen Kultstars ¡Forward
Russia!, die lokale Szene hätte auch ihren ganz eigenen,
ungeteilten Hype verdient. Vor allem, weil sie wesentlich mehr zu
bieten hat als die paar Gitarrenbands, die der NME in Yorkshire
entdeckt hat und die seitdem weltweit als prototypisch für den
Yorkshire-Sound angesehen werden. Viel interessanter nämlich ist
die neue, experimentielle Popszene von Leeds, die sich um die kleine
Plattenfirma Dance to the Radio entwickelt. Das Label, von Musikern
von ¡Forward Russia! vor
einigen Jahre gegründet, ist das Epizenztrum eines sehr
spezifischen Leeds-Sounds, der fast schon ein eigenes Genre ist. Man
nehme harte, ekstatische Gitarren, mathematische Präzision,
ausgetüftelte Elektronik, vertrackte Soundcollagen, derbe
Discobeats und manchmal sanfte, öfter aber rabiate Melodien –
fertig ist der Mathe-Disco-Electro-Punk, der das neue Markenzeichen
von Leeds ist. Sofern man überhaupt von Markenzeichen sprechen
kann. Denn auch das ist symptomatisch für die neue Leeds-Szene:
sie lässt sich schwer in Begriffe fassen; wer in Schubladen
denkt, möge bitte woanders suchen. Ein gutes Beispiel ist The
Sunshine Underground. Das innovative Quartett ist offen nach beinahe
allen Seiten. Die Rhythmus-Sektion mag in manchen Momenten an
Vorbilder aus dem nahen Manchester erinnern, vor allem Happy Mondays
fallen da ein, doch nur einen Augenblick später kommt die Band
psychedelisch einher, rockt dann wieder wie die Feuerwehr, nur um
einen anderen Moment später plötzlich Dancefloor-Mucke vom
Allerfeinsten zu bieten. Auf der Bühne entfesseln The Sunshine
Underground, benannt nach einem Stück der Chemical Brothers,
eine Randale, der sich kaum ein Publikum entziehen kann. Wie
vielseitig und kreativ die Popszene von Leeds ist demonstrieren auch
Duels. Von eingängigem, psychedelischem Indie-Pop bis zu
bittersüßen, sinfonischen Balladen reicht die musikalische
Bandbreite, mit der sich die Band schnell weltweit Freunde gemacht
hat.
DIY-Pop nennen sie das alles in Leeds, mach's dir selbst ist die Devise. Weil aus der ebenso fernen wie inzestiösen Hauptstadt, von den dort ansässigen Medien und Plattenfirmen, kaum mehr als flüchtige Beachtung zu erwarten war, haben lokale Musiker und ihr Umfeld die Sache kurzerhand selbst in die Hand genommen und sich eine eigene Infrastruktur für ihre Veröffentlichungen geschaffen. Dance to the Radio ist da nur eine, wenn auch die schillerndste, der vielen Blüten, die die Szene inzwischen ausgetrieben hat. Dass sowas heutzutage dann beinahe sofort auch auf nationaler und letztlich internationaler Ebene funktioniert, ist den neuen Kommunikationsplattformen wie MySpace, YouTube und den unzähligen Internetradios zu verdanken. Wie effektiv das Netzuniversum genutzt werden kann, hatten ja die Arctic Monkeys aus der anderen Yorkshire-Metropole Sheffield bereits vorgemacht.
Schön ist da natürlich auch, dass die lokalen Bands, die bereits einen Schritt weiter sind auf dem Weg zum internationalen Popstar-Ruhm, sich nicht gleich in Richtung London oder Los Angeles absetzen, sondern weiter in die Heimatszene investieren. Wie eben ¡Forward Russia!, The Sunshine Underground oder die Kaiser Chiefs in Leeds, aber auch die Arctic Monkeys in Sheffield.
Downloadhelden Arctic Monkeys
Die Arctic Monkeys waren die Sensation der vorvorherigen Saison und in gewisser Weise auch die Kickstarter des ganzen Yorkshire Hypes, der seitdem um die Grafschaft mit ihren lieblichen Dales, Hügeln und Mooren tobt. Seit sie unter Missachtung aller bis dahin gängigen Marketing- und Promotiongesetze des Musikgeschäftes und ausschließlich aufs Internet gestützt die Musikwelt im Sturm erobert haben, gelten die Rotzlöffel aus der Stahlstadt Sheffield als die Avantgarde des Yorkshire-Sounds. Mehr als jede andere Gruppe seit den Heavy Metal-Großvätern Saxon und den glattpolierten Melodic-Rockern Def Leppard stehen die Arctic Monkeys für einen spezifischen Sheffield Sound. Nur dass es den selbstverständlich ebensowenig gibt wie den archetypischen Leeds-Sound.
Wohl aber gibt es stilistische
Unterschiede zu den Bands aus Leeds. In Sheffield steht die Gitarre
wesentlich deutlicher im Vordergrund als in Leeds. In Sheffield wird
auch weit mehr Gewicht auf klassisches Songwriting gelegt. Kurze,
prägnante Stücke, die auf den Punkt kommen und auf
überflüssige Spielereien und vertrackte Arrangements
durchaus verzichten können, sind eher eine
Sheffield-Spezialität, ebenso wie die häufig
sozialkritischen und beinahe immer witzigen Texte. Eine von den
Bands, die nahezu exemplarisch für diesen Sheffield-Sound
stehen, ist Bromheads Jackets. Noch mehr als die Kollegen von den
Arctic Monkeys oder Milburn setzen die Bromhead Jackets heftige
Gitarren, konzentrieren sich aber ansonsten ebenfalls auf
traditionelles Songwriting ohne überflüssigen Firlefanz.
Dabei kommen dann witzige Songs wie „What if's + maybes“ heraus,
mit denen die Band seit einiger Zeit Furore macht.
Do It Yourself steht in Sheffield eher noch höher im Kurs als in Leeds. Eine Vielzahl von kleinen und kleinsten Labels kümmert sich, oft amateurhaft, häufiger noch aber erstaunlich professionell um den Nachwuchs aus den eigenen Stadtmauern. Die Ferne von der popkulturell übersättigten Hauptstadt entpuppt sich wie in Leeds als Standortvorteil. Lange weitgehend unbeachtet von den nationalen Popmedien konnte sich eine eigenständige Musikszene entwickeln, deren Traditionen weit bis in die Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreichen.
Wenn die nationalen und internationalen Medien dann doch mal einen Trend entdecken und zum Hype aufblasen, dann freuen sich Leeds und Sheffield und der Rest von Yorkshire über die Aufmerksamkeit, klagen auf der Höhe des Hypes vielleicht auch schon einmal über das Seattle-Syndrom, wurschteln aber ansonsten genauso weiter, wie vor dem Hype. Gute Bands, das ist hier Allgemeinwissen, hat es in Yorkshire schon immer gegeben. Und gute Bands werden auch dann noch aus der Grafschaft kommen, wenn die Londoner längst wieder anderswohin schielen.