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URBIS – Die moderne
Stadt auf vier Etagen
Als
1996 im englischen Manchester die Fußball-Europameisterschaft
ausgetragen wurde, wollte auch die IRA ihren Beitrag leisten und ließ
eine Bombe platzen. Die vorgewarnte Polizei konnte noch rechtzeitig
evakuieren, verletzt wurde niemand, deutsche Spielerfrauen auf
Shopping-Tour kamen ebenso mit dem Schrecken davon wie der
Eiskrem-Verkäufer in der Market Street. Der Schaden allerdings, den die
Bombe an den umliegenden Gebäuden anrichtete, war beträchtlich. Große
Teile der Innenstadt mussten planiert oder aufwendig restauriert
werden, Manchester hatte plötzlich ein Wiederaufbauproblem am Hals, das
die Stadt in den folgenden Jahren zur nach Berlin zweitgrößten
Baustelle Europas machen sollte.
Als sich Stadtplaner und Experten zum ersten
Mal trafen, um über den Um- und Wiederaufbau der City zu
beratschlagen, standen auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Manchesters zur Debatte. Die Vergangenheit Manchesters, das war in
erster Linie die Industrielle Revolution, wild wuchernder, brutaler
Kapitalismus und die Transformation eines einst beschaulichen Örtchens
in Lancashire in die erste Industriemetropole der Welt, die erste
moderne Stadt. Eine Entwicklung, die wenig später dann in anderen
Weltteilen nachvollzogen wurde. Singapur zum Beispiel wurde bewusst
nach dem Vorbild von Manchester geplant und aufgebaut. Die Gegenwart
war eine graue Industriemetropole mitten in einem schmerzhaften
Strukturwandel, gebeutelt von hoher Arbeitslosigkeit, in der es immer
noch schroffe Kontraste zwischen Arm und Reich gab. Aber auch ein
urbaner Mega-Komplex mit einem pulsierenden Kunst- und Kulturleben, mit
fünf Universitäten, Galerien, Theatern und dem schillerndsten
Nachtleben Großbritanniens. Die Zukunft sollte eine neue Stadt sein,
befreit von den Altlasten der Industrieepoche.
Das Nachdenken über das Wesen der modernen
Stadt und ihrer Entwicklung während der letzten 150 Jahre führte direkt
zu URBIS, dem weltweit ersten Museum der modernen Stadtzivilisation.
URBIS ist
zunächst einmal ein eigentümlicher Glasbau, errichtet auf einem
ehemaligen Parkplatz. Wie eine schimmernde Skischanze ragt er im Herzen
von Manchesters Millenium Quarter auf. Auf den ersten Blick wirkt der
Bau deplaziert inmitten der umgebenden klotzigen
Ziegelstein-Industriearchitektur aus dem späten 19. und frühen 20.
Jahrhundert. Doch gerade dieser Kontrast zwischen strikter
Zweckarchitektur und spielerisch-wagemutigem Umgang mit Form und
Material verleiht dem Gebäude einen unwiderstehlichen, spektakulären
Reiz. Die Sprungschanze, an ihrem höchsten Punkt 35 Meter hoch,
besticht auch im Detail. Die einzelnen Glaselemente sind individuell
ausgestaltet, spiegeln die Topographie ihrer Umgebung im wörtlichen wie
im übertragenen Sinn wieder. Das Gebäude verändert sein
Erscheinungsbild mit dem Standort des Betrachters. Das Londoner
Architektur-Büro Ian Simpsons Architects hat es entworfen und gebaut
und von der ersten Planungsphase an die künftige Verwendung im
Sinn gehabt. 
Um 1800,
vor Ausbruch der Industriellen Revolution, lebten gerade einmal
fünf Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2020 werden es
rund 75 Prozent sein. Die Stadt hat das Land als Lebensraum abgelöst,
städtische Zivilisation hat neue Werte geschaffen, ist der Ursprung
einer globalen Kultur. Die Stadt ist ein wuchernder Moloch, ein
Alptraum aus Verkehrschaos, Luftverschmutzung und Millionen
sinnverwirrender, widersprüchlicher Signale. Die Stadt ist aber auch
Arbeitsplatz, Zufluchtsort, Stätte der Hoffnung, ein Hort der
Freiheit, ein Versprechen, das nie ganz erfüllt wird, enorm fruchtbare
Brutstätte neuer Verhaltensweisen, Ideen, Lebensformen und
Entwicklungen, voller Reibungsflächen und Bruchstellen. Die moderne
Stadt ist die nur auf den ersten Blick unwahrscheinliche Umsetzung der
Theorie von der Permanenten Revolution; sie ist aufregend, abstoßend,
liebenswert, unverzichtbar und unberechenbar, kontinuierlich in
Bewegung, sich ständig verändernd - die einzige Wirklichkeit für das
Gros der Weltbevölkerung, zugleich aber auch eine Realität, die nie
ganz zu fassen und selbst für die schwer zu verstehen ist, die in ihr
gefangen sind.
Diese Wirklichkeit ins Museum zu stecken, sie
zu kategorisieren, auf Schnappschüsse zu reduzieren ohne dabei
kulturelle, soziologische und historische Kontexte zu sprengen oder zu
verlieren, ist ein ambitioniertes, eigentlich unmögliches Unterfangen.
URBIS hat den Versuch dennoch gewagt. Und er ist erstaunlicherweise im
Großen und Ganzen gelungen.
Auf
vier Ebenen - ARRIVE, CHANGE, ORDER und EXPLORE - bietet die
interaktive Multimedia-Exhibition Einblicke in das Wesen der Megastädte
unserer Zeit. An den Fallbeispielen Manchester, Sao Paulo, Singapur,
Los Angeles, Paris und Tokio werden städtische Lebenswirklichkeiten
dokumentiert. Die Ausstellung spiegelt ihr Subjekt, sie ist verwirrend,
komplex, sinnbetäubend, verspielt. Straßenmusikanten schmettern
Beatles-Songs, Schauspieler lehnen aus Fensterattrappen und lamentieren
über die Nachbarschaft. Eine Reihe von öffentlichen Telefonen klingelt
unentwegt, wer abnimmt, erhält Informationen über Notrufsysteme in
aller Welt und die Probleme, die deren Einrichtung und Betrieb in den
Megastädten mit sich bringt. Friedrich Engels äußert sich über das
Manchester, in dem er über 20 Jahre gelebt hatte, und seine Kommentare
klingen erstaunlich zutreffend für die Gegenwart von ... New York,
Tokio, Hamburg oder Berlin. Die Ausstellung lässt kaum ein Element
städtischer Zivilisation außer Acht. Das Mit- und Gegeneinander von
Einwanderern und Zuzüglern aus unterschiedlichen Regionen, Ländern und
Kulturen, die Rolle und Macht der Medien, den ganz normalen Alltag in
den Straßen der Moloche. Eine Fülle von Informationen wird auf
spielerische, alle Sinne fordernde Weise vermittelt, Hi-Tech-Multimedia
und Interaktion sind die Werkzeuge. Der Besucher wird in Momenten der
Verwirrung jedoch nie allein gelassen, auf allen Ebenen stehen
Museumsmitarbeiter bereit um zu erklären, Wege durch die Ausstellung zu
weisen oder um weitere Hintergrundinformationen zu vermitteln.
Der, aller
Wahrscheinlichkeit selbst ein Städter, sieht sich mit der eigenen
Alltagswirklichkeit konfrontiert – und reagiert fast immer
entsprechend: Auf einer Parkbank lungern Obdachlose herum und sprechen
Vorbeiflanierende direkt an: „Hasse mal 'n bisschen Kleingeld?“ Die
Obdachlosen sind Schauspieler, Teil der Ausstellung, und die Besucher
wissen es. Trotzdem funktionieren die Reflexe wie geschmiert: Den Blick
zu Boden gesenkt oder bemüht auf das erstbeste Exponat in Sichtweite
konzentriert, schlendern fast alle weiter als sei nichts gewesen,
ignorieren die Ansprache genauso wie sie's von draußen
gewohnt sind. In einem Raum stehen mannshohe Säulen, in der Form grob
russischen Babuschka-Puppen nachempfunden. Tritt man näher, erwachen
diese zum Leben. Ein Pariser Graffiti-Künstler erscheint und erzählt
von seiner Kunst, dem Leben in der Straße, den Problemen mit der Zeit.
Eine andere Säule erweckt eine Studentin in Tokio zum Leben.
Urbis,
designed von den drei Londoner Firmen At Large, Land Design Studio und
Event Communications, ist in der Tat einzigartig. Man kann sich leicht
verlieren und Stunden über Stunden herumwandern, spielen, ausprobieren,
aufnehmen und verdauen. Und sieht am Ende die eigene Stadt vielleicht
mit anderen Augen. Ein ambitioniertes Projekt? Sicher. Ein gelungenes
allerdings auch.
Die IRA
dürfte 1996 allerdings einen anderen Ausgang im Sinn gehabt haben.
© 2003 Edgar
Klüsener/ MuzikQuest
Erstveröffentlichung
2002 in SPIEGEL Online
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