|
URL
hinzufügen
|
Innen ist das Apollo ganz Plüsch und Grandeur,
ein großartiges altes Theater mit großzügigem Innenraum, überbordendem
viktorianischen Stuckdekor, Balkonen und Emporen und enormer Bühne.
3.000 Zuschauer fasst das Apollo und ist damit nach der hypermodernen
MEN-Arena mit ihrem Fassungsvermögen von rund 20.000 Besuchern nur die
zweitgrößte Konzertstätte der Stadt. Klaus Meine ist nicht zum
ersten Mal hier. Vor zwei Jahren waren die Scorpions noch im
Vorprogramm von Judas Priest nach Manchester gekommen, im vergangenen
Jahr dann bereits als Headliner. Und jetzt also erneut als Headliner.
Vom lokalen Rockradio wurde das Konzert seit Wochen euphorisch
angekündigt, und das Publikum an diesem kalten Abend im ganz und gar
nicht goldenen Spätoktober scheint erwartungsfroh – und erstaunlich
gemischt. Damen und Herren gesetzteren Alters, die ihre Vorliebe für
harten Rock aus den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen
Jahrhunderts in das frühe dritte Jahrtausend hinüber gerettet habe,
mengen sich mit Teenagern, die locker ihre Enkelkinder sein könnten,
aber, wie sich später zeigen wird, Scorpions Uralt-Hits wie „Fly To The
Rainbow” oder „The Zoo” Wort für Wort mitsingen können.
Als sie 1965 begannen, ihre Verstärker mit dem
Handkarren durch Hannovers Vorstadtstraßen zum Übungsraum und zu den
ersten Konzerten zu zerren, war die Vinylplatte noch der ultramoderne
technische Standard für die Verbreitung von Musik als Massenware.
Computer deren rechnerische Leistungsfähigkeit nur unwesentlich
höher als die eines heutigen simplen Taschenrechners war, hatten noch
die Ausmaße von Frachtcontainern. Nicht einmal hundert Kilometer von
ihrem Wohnort entfernt durchschnitt eine verminte,
stacheldrahtbewehrte Grenze das Land, auf der Ostseite bewacht
von schwerbewaffneten Grenzern, die Schießbefehl hatten und diesen auch
oft genug ausführten. Der Mörtel in der Mauer, die Berlin in zwei
Hälften schnitt, war kaum richtig trocken, und während sich der Osten
Deutschlands selbst zum sozialistischen Paradies der Arbeiter und
Bauern erklärte, wurde im Westen vor allem Verdrängung geübt. Die BRD
war da nur dem Namen nach eine Demokratie, doch Widerstand gegen die
verkrusteten Strukturen formierte sich bereits allerorten. Die erste
große Veränderung der Nachkriegszeit bahnte sich zunächst allerdings
vor allem in den USA an, wo der Schatten, den der Vietnamkrieg über das
Land warf, von Tag zu Tag länger wurde. Jeder Einberufungsbescheid, der
an Schulabgänger und Studenten rausging, verstärkte das Unwohlsein der
Nation mit einem Krieg, der nicht nur von Tag zu Tag mörderischer und
ungerechter erschien, sondern auch immer mehr junge Amerikaner als
Opfer forderte. Eine Protestwelle erfasste vor allem die Jugend
Amerikas, die sich nicht nur gegen den Krieg richtete, sondern auch
gegen eine amerikanische Gesellschaft, die geprägt war von Rassismus,
der politischen und gesellschaftlichen Repression und den
Kommunistenjagden der McCarthy-Ära, von Bigottrie und moralischer
Rigidität. Die Marschmusik der Jugendrebellion, die eine
Antikriegs-Bewegung war, eine sexuelle Revolution, eine utopistische
Weltveränderungsbewegung, war Rock'n'Roll.
Für all das war Rock'n'Roll die
Begleitmusik. Die Jugendbewegung war eine internationale Bewegung, und
Rock'n'Roll war die erste wahrhaft internationale Musik. Zumindest was
die Hörerschaft anging. Die Musiker hingegen waren für viele Jahre
beinahe ausschließlich anglo-amerikanischer Herkunft. Trotzdem
regte sich in Westdeutschland allerorten was. Als 1969 Woodstock den
Höhepunkt und zugleich das Ende der Hippiebewegung markierte, spielten
längst auch westdeutsche Bands in Jugendheimen, auf lokalen Festivals,
in Kneipen und auf Demonstrationen auf. Rockmusik war in Deutschland zu
der Zeit auch der Aufstand gegen eine Elterngeneration, die nach dem
kollektiven Blutrausch der Hitlerjahre vor allem eins wollte: Heile
Welt, und davon so viel wie möglich.
Rock'n'Roll war undeutsch. Diese Ansicht
vertraten merkwürdigerweise nicht nur die erklärten konservativen
Gegner der neuen Musik, sondern auch die erste Generation linker
intellektueller westdeutscher Musikjournalisten, die sich schlicht
nicht vorstellen wollten, dass Deutsche rocken konnten. Und wenn doch,
dann ganz gewiss nicht so gut und so authentisch wie englische und
amerikanische Musiker. Deutsche Rockmusik wurde im Westen nur als gut
empfunden, wenn sie entweder bleischwer, teutonisch-avantgardistisch
einher kam oder sich ausgesprochen politisch gebärdete. Bands der
ersteren Kategorie wie Amon Düül, Can, Tangerine Dream, Eloy oder Faust
scherten sich, obwohl zähneknirschend zumindest anerkannt, häufig
herzlich wenig um die Anschauungen, Regeln und Theorien der
Geschmackspolizisten, sondern zogen einfach ihr Ding durch und errangen
damit auch im Ausland Anerkennung. Einige wie Kraftwerk landeten
gar weltweite Hits. Musikalisch grandiose Bands der zweiten Kategorie
wie Ton, Steine, Scherben sahen sich häufig in ein Erwartungskorsett
gezwängt, das ihnen Atemnot bereitete. Auch in der DDR wurde seit den
frühen Sechzigern kräftig gerockt, auch wenn der Westen davon nicht
viel mitbekam. Bands wie die Puhdys wagten den Spagat zwischen
offiziell akzeptiertem Beat und einem kleinen Hauch von Widerstand,
während Gruppen wie die Klaus Renft- Combo, die einzige echte
Rocklegende, die die DDR hervorgebracht hat, vor allem aneckten, dafür
jedoch echte musikalische Pionierarbeit leisteten, die erst heute so
recht anerkannt wird. Und dann gab's noch Bands wie die Scorpions, die
eigentlich nur eins wollten: Nach Amerika. Aber das ging ja nun mal gar
nicht. Eine deutsche Band, die amerikanische Musik spielte und diese
auch noch den Amerikanern, immerhin die Erfinder des Rock'n'Roll,
verkaufen wollte? Aber Hallo!
Revolutionen sind weder gut noch böse. Wie auch
immer sie enden, ob mit einer Republik, mit einer Demokratie, einem
sozialistischen Staat oder einer islamischen Republik – ihr
eigentliches Wesen ist die radikale Veränderung, nicht die neue Ordnung
danach. Wir befinden uns zur Zeit mitten in einer Revolution. Alte
Gewissheiten werden einfach über den Haufen geblasen, Weltordnungen
zerstört und neu zusammengefügt. Das gilt in selbem Masse für
technologische Revolutionen. Wer, außer Nostalgikern und
Hardcore-Sammlern, erinnert sich heute noch an Vinylplatten, an
Tonband-Kassetten, klobigen Vierspur-Tonbandmaschinen (mit exzellentem
Sound!), an VHS-Videos oder Bildplatten? Wer wird sich morgen noch an
CDs erinnern, an DVDs oder an mechanische Computerfestplatten? Als die
Scorpions ihr erstes Album „Lonesome Crow“ aufnahmen galten
Vierspur-Analog-Studios noch als Hightech und Klangnachbearbeitung war
beinahe unmöglich. Ein Plattenvertrag war das erstrebte Wunschziel
aller ambitionierten Musiker, der Verkauf von Platten die beinahe
einzige Möglichkeit, die eigene Musik unters Volk zu bringen. Radio und
Fernsehen waren, zumindest in Europa, eine Staatsaffäre und
Musikzeitschriften zumeist das einzige verfügbare Medium, Informationen
über Gruppen und ihre Musik zu bekommen. Neue Plattenveröffentlichungen
wurden mit ausgedehnten Tourneen promotet. Der typische Zyklus bestand
aus den Stationen Stücke schreiben, Aufnahme, Vorab-Promotion, Tournee.
Geld verdienten Musiker vor allem mit ihren Plattenverkäufen.
Oder 3.000 wie an diesem Abend in Manchester.
Die erleben eine Vollbedienung und die nächste Generation aus dem
Scorps-Umfeld auf der Bühne. Uli Jon Roth, der mit seiner Band nicht
nur das Vorprogramm bestreitet, sondern später auch mit seiner alten
Band noch einmal auf die Bühne gehen wird, hat seine kleine Tochter
mitgebracht, die für einen Song ebenfalls auf die Bühne kommt.
Irgendwann später stehen dann die Scorpions mit einer Gitarrenarmada
auf der Bühne – Matthias Jabs, Rudolf Schenker, Michael Schenker und
Klaus Meine (!) -, die das altehrwürdige Haus endgültig zum Kochen
bringt. Es sind vor allem die ganz Jungen in den ersten Reihen, die
völlig ausrasten, Teenager, die nicht einmal geboren waren, als Songs
wie „Rock You Like A Hurricane”, „The Zoo”, oder „Fly To The Rainbow”
geschrieben wurden. Die Scorpions spielen einen reinen Rock-Gig, die
Balladen bleiben im Reisegepäck. Geflötet wird ebenfalls nicht, der
„Wind of Change” ist auch so fühlbar. Mitten in Israel, in Tel
Aviv, verkaufen die Scorpions, immerhin eine deutsche Band, eine Band
aus dem Land der Gaskammern und des Holocaust, ein Fußballstadion
restlos aus. Die Welt staunt, den deutschen Medien ist's nicht einmal
eine Schlagzeile wert. In den USA geht der Obama-Wahlkampf in die
Endphase, rund um die Welt brechen die Banken zusammen, Island steuert
in den Staatsbankrott und die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise
seit den Zwanzigern des vergangenen Jahrhundert und in Afghanistan
erweist sich ein Krieg immer deutlicher als nicht gewinnbar, in dem
auch deutsche Soldaten sterben. Georgiens zwielichtiger Präsident
Saakaschwili hat gerade gelernt, dass man sich selbst mit
klammheimlicher US-Unterstützung nicht unbedingt militärisch mit
Russland anlegen sollte, und im Iran ist Heavy Metal, wie jede Art von
Rockmusik, immer noch strikt verboten.