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MuzikQuest Reportagen




The Scorpions
Jenseits von Raum und Zeit?

Von außen wirkt das Apollo so schäbig wie sein Umfeld. Am äußersten Rande der Innenstadt von Manchester gelegen, in einem heruntergekommenen Schattenland zwischen den Glitzerfassaden, Bürohochhäusern und Nobelrestaurants der geschäftigen City, den wohlhabenden Vororten und den Universitäten, gleicht es beinahe einem Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Die graue Betonfassade ist gerade mit weißer Fassade frisch übertüncht worden, über dem Eingang prangt seit einiger Zeit eine digitale Leuchttafel, die auf die Attraktionen des Abends hinweist, der Gesamteindruck ist trotzdem kalt und abweisend. Und doch, dieser rohe Klotz ist einer der legendären Rock'n'Roll-Tempel Englands. Die Beatles aus der Nachbarstadt Liverpool haben hier aufgespielt, die Rolling Stones waren hier und Led Zeppelin, The Who, und natürlich auch alle lokalen Größen von den Hollies bis zu Oasis. Die exponierte Lage im städtebaulichen Niemandsland lässt das Gebäude seltsam zeitlos erscheinen. „The Scorpions” kündigt die Leuchttafel als Attraktion des Abends an, und Uli Jon Roth als „special guest”.

Klaus MeineInnen ist das Apollo ganz Plüsch und Grandeur, ein großartiges altes Theater mit großzügigem Innenraum, überbordendem viktorianischen Stuckdekor, Balkonen und Emporen und enormer Bühne. 3.000 Zuschauer fasst das Apollo und ist damit nach der hypermodernen MEN-Arena mit ihrem Fassungsvermögen von rund 20.000 Besuchern nur die zweitgrößte Konzertstätte der Stadt.  Klaus Meine ist nicht zum ersten Mal hier. Vor zwei Jahren waren die Scorpions noch im Vorprogramm von Judas Priest nach Manchester gekommen, im vergangenen Jahr dann bereits als Headliner. Und jetzt also erneut als Headliner. Vom lokalen Rockradio wurde das Konzert seit Wochen euphorisch angekündigt, und das Publikum an diesem kalten Abend im ganz und gar nicht goldenen Spätoktober scheint erwartungsfroh – und erstaunlich gemischt. Damen und Herren gesetzteren Alters, die ihre Vorliebe für harten Rock aus den Sechzigern und Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts in das frühe dritte Jahrtausend hinüber gerettet habe, mengen sich mit Teenagern, die locker ihre Enkelkinder sein könnten, aber, wie sich später zeigen wird, Scorpions Uralt-Hits wie „Fly To The Rainbow” oder „The Zoo” Wort für Wort mitsingen können.

Das geht jetzt schon seit einiger Zeit so,” sagt Klaus Meine. „Vor allem im Ausland kommen in letzter Zeit zu unseren Konzerten auch die ganz Jungen wieder.” Die Hannoveraner als Brückenschläger zwischen den Generationen, die Scorpions im Dritten Frühling? Sollte es so sein, und alle Anzeichen sprechen dafür, zumindest an diesem Abend in Manchester, wäre ein Grund sicherlich, dass die Band für bemerkenswerte und in dieser schnelllebigen Zeit beinahe anachronistische musikalische und persönliche Kontinuität steht. Etikettenschwindel ist nicht das Metier der Hannoveraner, seit 43 Jahren gilt: wo Scorpions draufsteht, ist auch Scorpions drin. Die Mischung aus brillanter Gitarrenarbeit, gefühligen Harmonien, explosivem Hardrock und griffigen Melodien verbunden mit enormer Spielfreude und effektiver Bühnenschau ist das Markenzeichen, das sich seit  den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr verändert hat. Paradoxerweise ist es gerade diese Gruppe, deren prägendes Charakteristikum doch das Beharren auf sich selbst scheint, die die weltweit anerkannte Hymne auf die umwälzenden Veränderungen geschrieben hat, die die Welt in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Grund auf verändert haben. Wenn die britische BBC zum Beispiel heute historische Dokumentationen über den Fall der Mauer, den Untergang der Sowjetunion, die Osterweiterung der EU oder verwandte Themen bringt, dann greift sie mit höchster Wahrscheinlichkeit auf „Wind Of Change” als Titelmelodie zurück. Von Buenos Aires bis New Delhi, von Hongkong bis Teheran werden die Flötentöne inzwischen als musikalisches Synonym für Veränderung anerkannt und akzeptiert.

Die Fassade mag geblieben sein...

Als Rockgruppe sind die Scorpions sich durch die Jahre treu geblieben, sie tun heute noch das, was sie schon vor 40 Jahren taten. Sie schreiben Lieder, nehmen diese im Studio auf, gehen auf die Bühne, spielen. Das ist ihr Leben, und letztlich auch der einzige Zweck der Band. Wer so arbeitet, ist auf gewisse Weise festgefroren in der Zeit. Die Welt mag sich verändern, die Routine nicht. Zumindest nicht an der Oberfläche. Vielleicht ist es gerade dieses Losgelöstsein von Zeit und Raum, dieses Verharren in einer eigenen Wirklichkeit, die die schizophrene Rolle des distanzierten Beobachters, der sich zugleich mitten im Geschehen befindet, überhaupt erst ermöglicht. Denn mittendrin waren sie oft. „Wind of Change” entstand in Moskau als Mikhail Gorbatschov sich gerade anschickte, die UdSSR – und damit gleich die gesamte Nachkriegsordnung – zu beerdigen. Im damals besungenen Wind der Veränderung war der Orkan noch kaum zu erahnen, der uns heute von einer Ungewissheit in die nächste bläst.


Der Eindruck trügt natürlich. Die Fassade mag geblieben sein, doch die Rolle des distanzierten Beobachters war nie eine wirklich mögliche. Im Gegenteil, wer so durch die Lande zieht, sich im wahrsten Sinne des Wortes in der Weltgeschichte herumtreibt, der empfindet und erlebt die Veränderungen womöglich intensiver als selbst der interessierteste Nachrichtenjunkie, der die Welt hauptsächlich aus der Bildschirmperspektive kennt. Und selbst die Fassade, schwört Klaus Meine, habe sich dramatisch verändert. Das beginnt mit den Arbeitsbedingungen: „Unser Leben als Musiker hat sich buchstäblich auf den Kopf gestellt. Wenn wir früher Platten aufgenommen haben, dann mussten die Songs im Studio so lange gespielt werden, bis sie hundertprozentig saßen. Heute gibt’s Computer und Pro-Tools. Um jetzt einen Song aufzunehmen, müssen wir nicht einmal mehr gemeinsam im Studio sein. Jeder kann in seiner eigenen kleinen Studioeinheit basteln.” 

Marshall TurmAls sie 1965 begannen, ihre Verstärker mit dem Handkarren durch Hannovers Vorstadtstraßen zum Übungsraum und zu den ersten Konzerten zu zerren, war die Vinylplatte noch der ultramoderne technische Standard für die Verbreitung von Musik als Massenware. Computer deren rechnerische  Leistungsfähigkeit nur unwesentlich höher als die eines heutigen simplen Taschenrechners war, hatten noch die Ausmaße von Frachtcontainern. Nicht einmal hundert Kilometer von ihrem Wohnort entfernt durchschnitt eine verminte, stacheldrahtbewehrte  Grenze das Land, auf der Ostseite bewacht von schwerbewaffneten Grenzern, die Schießbefehl hatten und diesen auch oft genug ausführten. Der Mörtel in der Mauer, die Berlin in zwei Hälften schnitt, war kaum richtig trocken, und während sich der Osten Deutschlands selbst zum sozialistischen Paradies  der Arbeiter und Bauern erklärte, wurde im Westen vor allem Verdrängung geübt. Die BRD war da nur dem Namen nach eine Demokratie, doch Widerstand gegen die verkrusteten Strukturen formierte sich bereits allerorten. Die erste große Veränderung der Nachkriegszeit bahnte sich zunächst allerdings vor allem in den USA an, wo der Schatten, den der Vietnamkrieg über das Land warf, von Tag zu Tag länger wurde. Jeder Einberufungsbescheid, der an Schulabgänger und Studenten rausging, verstärkte das Unwohlsein der Nation mit einem Krieg, der nicht nur von Tag zu Tag mörderischer und ungerechter erschien, sondern auch immer mehr junge Amerikaner als Opfer forderte. Eine Protestwelle erfasste vor allem die Jugend Amerikas, die sich nicht nur gegen den Krieg richtete, sondern auch gegen eine amerikanische Gesellschaft, die geprägt war von Rassismus, der politischen und gesellschaftlichen Repression und den Kommunistenjagden der McCarthy-Ära, von Bigottrie und moralischer Rigidität.  Die Marschmusik der Jugendrebellion, die eine Antikriegs-Bewegung war, eine sexuelle Revolution, eine utopistische Weltveränderungsbewegung, war Rock'n'Roll.

Umbrüche und Revolutionen

Die Rebellion erfasste auch Europas Jugend. In Paris  probten Studenten den Aufstand und den Schulterschluss mit der Arbeiterschaft aus den Vororten und brachten damit 1968 die Republik gefährlich ins Wanken. In England, das immer noch an den Kriegsfolgen litt, den Verlust seines Weltreichs erleben musste und an schweren Selbstzweifeln litt, wurde London zur Hauptstadt einer neuen weltweiten Jugendkultur, die zunächst die Künste von Film über Malerei bis hin zu Musik und Literatur grundlegend veränderte, und dann die Gesellschaft.


In Westdeutschland löste die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Kriminalobermeister  Karl-Heinz Kuras am 2. Juni 1967 landesweite Studentenunruhen aus und markierte den eigentlichen Beginn einer linken deutschen Jugendbewegung, deren radikalste Teile bald darauf in den Untergrund gingen, den Staat mit Waffengewalt zu bekämpfen suchten und dabei den eindimensional-mörderischen Faschisten, die sie doch zu bekämpfen vorgaben, selbst immer ähnlicher wurden. Kein Wunder, dass später Horst Mahler mit solcher Leichtigkeit von linksradikaler RAF zu rechtsradikaler NPD hinüberwechseln konnte.

Scorpions LiveFür all das war Rock'n'Roll die Begleitmusik. Die Jugendbewegung war eine internationale Bewegung, und Rock'n'Roll war die erste wahrhaft internationale Musik. Zumindest was die Hörerschaft anging. Die Musiker hingegen waren für viele Jahre beinahe ausschließlich anglo-amerikanischer  Herkunft. Trotzdem regte sich in Westdeutschland allerorten was. Als 1969 Woodstock den Höhepunkt und zugleich das Ende der Hippiebewegung markierte, spielten längst auch westdeutsche Bands in Jugendheimen, auf lokalen Festivals, in Kneipen und auf Demonstrationen auf. Rockmusik war in Deutschland zu der Zeit auch der Aufstand gegen eine Elterngeneration, die nach dem kollektiven Blutrausch der Hitlerjahre vor allem eins wollte: Heile Welt, und davon so viel wie möglich.

Klaus Meine: „Die Generation, die den Krieg erlebt hat, die hat sich nach all dem Schrecklichen wirklich nach heiler Welt gesehnt. Die hat dann das Gefühl gehabt, dass diese neue Musik, die Rockmusik, ihre Welt in den Grundfesten erschüttert und Tür und Tor öffnet für das Chaos, für Anarchie. Diese Generation hat sich in heile Schlagerwelten geflüchtet. Mit diesen Schlagern sind wir aufgewachsen, und die waren todlangweilig. Als dann all diese Bands nach Deutschland kamen, The Yardbirds, die Beatles, Stones, The Who und wie sie alle hießen, da kam das einer Kulturrevolution ziemlich nahe. Uns hat Rock'n'Roll total erfasst, er wurde zum Soundtrack unseres Lebens.”

Rock'n'Roll war undeutsch!

Rudolf SchenkerRock'n'Roll war undeutsch. Diese Ansicht vertraten merkwürdigerweise nicht nur die erklärten konservativen Gegner der neuen Musik, sondern auch die erste Generation linker intellektueller westdeutscher Musikjournalisten, die sich schlicht nicht vorstellen wollten, dass Deutsche rocken konnten. Und wenn doch, dann ganz gewiss nicht so gut und so authentisch wie englische und amerikanische Musiker. Deutsche Rockmusik wurde im Westen nur als gut empfunden, wenn sie entweder bleischwer, teutonisch-avantgardistisch einher kam oder sich ausgesprochen politisch gebärdete. Bands der ersteren Kategorie wie Amon Düül, Can, Tangerine Dream, Eloy oder Faust scherten sich, obwohl zähneknirschend zumindest anerkannt,  häufig herzlich wenig um die Anschauungen,  Regeln und Theorien der Geschmackspolizisten, sondern zogen einfach ihr Ding durch und errangen damit auch im Ausland Anerkennung. Einige wie Kraftwerk  landeten gar weltweite Hits. Musikalisch grandiose Bands der zweiten Kategorie wie Ton, Steine, Scherben sahen sich häufig in ein Erwartungskorsett gezwängt, das ihnen Atemnot bereitete. Auch in der DDR wurde seit den frühen Sechzigern kräftig gerockt, auch wenn der Westen davon nicht viel mitbekam. Bands wie die Puhdys wagten den Spagat zwischen offiziell akzeptiertem Beat und einem kleinen Hauch von Widerstand, während Gruppen wie die Klaus Renft- Combo, die einzige echte Rocklegende, die die DDR hervorgebracht hat, vor allem aneckten, dafür jedoch echte musikalische Pionierarbeit leisteten, die erst heute so recht anerkannt wird. Und dann gab's noch Bands wie die Scorpions, die eigentlich nur eins wollten: Nach Amerika. Aber das ging ja nun mal gar nicht. Eine deutsche Band, die amerikanische Musik spielte und diese auch noch den Amerikanern, immerhin die Erfinder des Rock'n'Roll,  verkaufen wollte? Aber Hallo!


Es ging doch. Anfang der Siebziger waren die Hannoveraner schon „big in Japan”, wie das  grandiose Live-Doppelalbum Tokyo Tapes belegt. Bereits kurz darauf bereisten sie dann erstmals die großen Venues Nordamerikas und entwickelten sich zu Vorbildern für eine ganze nachwachsende Generation von amerikanischen Hardock- und Metalmusikern von Van Halen bis zu Metallica.

Punk, Anarchie und ein grenzenloses Europa

Daheim in Deutschland merkte davon kaum jemand was. Wohl aber merkte Deutschland schnell, dass sich in England die nächste musikalische Revolution anbahnte: Punkrock. Die hochgradig medienwirksame Mischung aus schrägem Londoner Fashion-Design, schierer Aggressivität, vagem Anarchismus, Lust am Skandal und „Leckt mich doch alle am Arsch”-Attitüde in Verbindung mit musikalischem Dilettantismus  beendete nicht nur handstreichartig das Zeitalter der in schwülstigem Bombast erstarrten Rock-Dinosaurier, sie reflektierte auch eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die im krisengeschüttelten England mit seinen schroffen Klassengegensätzen um einiges rauer war als die auf dem europäischen Festland.


Das Festland sah damals noch ganz anders aus. Wer mal kurz von Moers über die nahe Grenze ins holländische Venlo huschen wollte, musste da immer noch langwierige Ausweiskontrollen über sich ergehen lassen, wurde auch schon mal von harschen Grenzern gefilzt, vor allem wenn er lange Haare hatte. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hatte zwar bereits einen einheitlichen  Wirtschaftsraum verwirklicht, die Grenzen allerdings noch längst nicht abgebaut. Wer durch Europa reiste, brauchte nicht nur Personalausweis und Reisepass, sondern auch jede Menge Bargeld für die jeweiligen Wechselstuben. Eine Menge, die mit jedem Umtausch dank teilweise horrender Gebühren und mieser Wechselkurse weniger wurde – bevor überhaupt der erste Einkauf getätigt wurde! Für englische und amerikanische Musiker war eine Tournee durch Westeuropa in den Siebzigern und Achtzigern noch ein Alptraum von Zollformalitäten und Problemen an den Grenzen, von denen eine sich eine der unüberwindlichsten der ganzen Länge nach durch Deutschland zog. An Konzertreisen nach Osteuropa war da noch gar nicht zu denken.

Klaus Meine: „Das ist eine von den vielen Veränderungen, die so gravierend sind, dass sie in der Rückschau beinahe unvorstellbar erscheinen. Das Zusammenwachsen Westeuropas, das Hineinwachsen der osteuropäischen Länder und Völker in ein gemeinsames Europa, der Wegfall der Grenzen und schließlich auch der Euro. Wenn wir heute in Griechenland, Frankreich oder Deutschland spielen, dann sind das zwar verschiedene Länder, verschiedene Sprachen und Kulturen, aber eben auch ein gemeinsames Europa, mit einer einzigen Währung. Das macht Europa stark. Die Menschen wachsen zusammen, sie entdecken gemeinsame Interessen, gemeinsame Vorlieben.

Die Achtziger waren nicht nur das Zeitalter gewaltiger weltpolitischer Umwälzungen, sie waren auch das Jahrzehnt, in dem eine technologische Revolution anfangs kaum merklich Fahrt aufnahm, die am Ende die Musikindustrie in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Erschüttert und über den Haufen geworfen wurde auch ein für alle Mal die Art und Weise in der Musik gehört, erlebt, empfunden und konsumiert wird. Als 1987 der Metal Hammer als erste europäische Musikzeitschrift per Modem und Datex-P-Leitung die Redaktionen in London und Dortmund und die Ardschok-Redaktion in Eindhoven miteinander vernetzte und die Arbeitsplätze der Redakteure mit Computern ausstattete, die direkt mit der Fotosatzmaschine im Nebenraum verbunden waren, schuf er so ganz nebenbei auch eins der ersten privaten transnationalen elektronischen Datennetze. Ein erster, stolpernder DFÜ-Schritt in eine Zukunft war getan, in der heute ein weltumspannendes Computernetzwerk bereits die traditionellen Massenmedien zu ersetzen droht und von der Film- über die Musikindustrie bis hin zu Buchverlagen und Printmedien komplette Branchen in ihrer nackten Existenz gefährdet. Der Wind of Change, von den Scorpions im weltbewegenden Sommer 1989 geschrieben, in dem in Moskau das erste Rockfestival mit westlichen und östlichen Bands im Herzen der damals noch realen Sowjetunion stattfand, ist seitdem zu einem Orkan angewachsen.

Viva la Revolution


Michael SchenkerRevolutionen sind weder gut noch böse. Wie auch immer sie enden, ob mit einer Republik, mit einer Demokratie, einem sozialistischen Staat oder einer islamischen Republik – ihr eigentliches Wesen ist die radikale Veränderung, nicht die neue Ordnung danach. Wir befinden uns zur Zeit mitten in einer Revolution. Alte Gewissheiten werden einfach über den Haufen geblasen, Weltordnungen zerstört und neu zusammengefügt. Das gilt in selbem Masse für technologische Revolutionen. Wer, außer Nostalgikern und Hardcore-Sammlern, erinnert sich heute noch an Vinylplatten, an Tonband-Kassetten, klobigen Vierspur-Tonbandmaschinen (mit exzellentem Sound!), an VHS-Videos oder Bildplatten? Wer wird sich morgen noch an CDs erinnern, an DVDs oder an mechanische Computerfestplatten? Als die Scorpions ihr erstes Album „Lonesome Crow“ aufnahmen galten Vierspur-Analog-Studios noch als Hightech und Klangnachbearbeitung war beinahe unmöglich. Ein Plattenvertrag war das erstrebte Wunschziel aller ambitionierten Musiker, der Verkauf von Platten die beinahe einzige Möglichkeit, die eigene Musik unters Volk zu bringen. Radio und Fernsehen waren, zumindest in Europa, eine Staatsaffäre und Musikzeitschriften zumeist das einzige verfügbare Medium, Informationen über Gruppen und ihre Musik zu bekommen. Neue Plattenveröffentlichungen wurden mit ausgedehnten Tourneen promotet. Der typische Zyklus bestand aus den Stationen Stücke schreiben, Aufnahme, Vorab-Promotion, Tournee. Geld verdienten Musiker vor allem mit ihren Plattenverkäufen.

Grundsätzlich”, sagt Klaus Meine, hat sich daran nicht viel geändert. Musiker veröffentlichen immer noch CDs, gehen immer noch auf Tournee.” Die Scorpions sind da ein gutes Beispiel. Ihre derzeitige Welttournee ist nach der aktuellen CD „Humanity” benannt. Bei genauerem Hinsehen hat sich allerdings eine Menge geändert. Im Zeitalter der schnellen Downloads, der universellen Verfügbarkeit von Musik auf Dutzenden von verschiedenen Medien und der beliebigen Kopierbarkeit  ist es längst nicht mehr der Verkauf der konservierten kreativen Momentaufnahme, mit dem Musiker ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Stattdessen sind es Livekonzerte, Merchandise und Kopier-, Sende- und digitale Rechte, die die Existenz zumindest ansatzweise zu sichern helfen.

Wir haben Glück gehabt, dass wir zu einer Zeit groß geworden sind, in der man mit Plattenverkäufen noch richtiges Geld verdienen konnte. Heute kann man zwar alles machen, und das ist auch großartig für die junge Generation von Musikern. Aber wenn man sich dann das Musikgeschäft anschaut, dann erkennt man, dass junge Musiker heute schlechte Karten haben. Das Verständnis vieler junger Leute ist doch heute, das Musik umsonst ist und auch umsonst zu sein hat. Diese Einstellung verkennt völlig, dass damit neuen Talenten im Grunde die Möglichkeit entzogen wird, etwas wirklich Großartiges zu produzieren und zu veröffentlichen. Denn es gilt doch wohl nach wie vor, dass Qualität nicht umsonst ist. Nur gibt es jetzt eben keine Industrie mehr, die wirklich langfristig plant und Künstler über Jahre hinweg aufbaut. Dafür fehlt schlicht die Kohle.

Ein Gutes allerdings habe die gegenwärtige Situation dann aber doch, findet Klaus Meine. „Livemusik erlebt einen wahren Boom. Gerade weil der Konsum von aufgezeichneter Musik so beliebig geworden ist, scheint eine neue Sehnsucht nach Authentizität zu wachsen. Eine Authentizität, die nur live noch wirklich garantiert ist. Die Leute wollen wieder echte, schweißtreibende Aktion auf der Bühne, sie wollen pure Energie und Dynamik, aber auch das Gemeinschaftserlebnis, das nur Livekonzerte bieten kann. Wir merken mit Freude und Erstaunen, dass unsere Konzerte immer besser besucht werden. Da kommen dann plötzlich wieder 30.000 und mehr Leute wie kürzlich in Mexiko.”

Livemusik ist wieder in Mode

Uli John RothOder 3.000 wie an diesem Abend in Manchester. Die erleben eine Vollbedienung und die nächste Generation aus dem Scorps-Umfeld auf der Bühne. Uli Jon Roth, der mit seiner Band nicht nur das Vorprogramm bestreitet, sondern später auch mit seiner alten Band noch einmal auf die Bühne gehen wird, hat seine kleine Tochter mitgebracht, die für einen Song ebenfalls auf die Bühne kommt. Irgendwann später stehen dann die Scorpions mit einer Gitarrenarmada auf der Bühne – Matthias Jabs, Rudolf Schenker, Michael Schenker und Klaus Meine (!) -, die das altehrwürdige Haus endgültig zum Kochen bringt. Es sind vor allem die ganz Jungen in den ersten Reihen, die völlig ausrasten, Teenager, die nicht einmal geboren waren, als Songs wie „Rock You Like A Hurricane”, „The Zoo”, oder „Fly To The Rainbow” geschrieben wurden. Die Scorpions spielen einen reinen Rock-Gig, die Balladen bleiben im Reisegepäck. Geflötet wird ebenfalls nicht, der „Wind of Change” ist auch so fühlbar.  Mitten in Israel, in Tel Aviv, verkaufen die Scorpions, immerhin eine deutsche Band, eine Band aus dem Land der Gaskammern und des Holocaust, ein Fußballstadion restlos aus. Die Welt staunt, den deutschen Medien ist's nicht einmal eine Schlagzeile wert. In den USA geht der Obama-Wahlkampf in die Endphase, rund um die Welt brechen die Banken zusammen, Island steuert in den Staatsbankrott und die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise seit den Zwanzigern des vergangenen Jahrhundert und in Afghanistan erweist sich ein Krieg immer deutlicher als nicht gewinnbar, in dem auch deutsche Soldaten sterben. Georgiens zwielichtiger Präsident Saakaschwili hat gerade gelernt, dass man sich selbst mit klammheimlicher US-Unterstützung nicht unbedingt militärisch mit Russland anlegen sollte, und im Iran ist Heavy Metal, wie jede Art von Rockmusik, immer noch strikt verboten.


© 2009 Edgar Klüsener/ MuzikQuest
Zuerst veröffentlicht: ROCKS Magazin 12/2009
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