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Rock'n'Roll Hotels
Sex And Drugs und weiche Betten

Manche Hotels sind halt anders. Rock'n'Roll-Hotels eben, die bevorzugten Absteigen reisender Musiker in den Metropolen dieser Erde. Herbergen, in denen Herr Gitarrist auch schon mal einen Fernseher durchs Fenster werfen kann, während Herr Sänger sich mit zwei Groupies im Bett vergnügt. Zum Beispiel. Eine kleine Rundreise durch einige der wichtigsten Rock'n'Roll-Hotels der letzten fünfzig Jahre.

Ich hätte gern Zimmer 1015.“ Die junge Dame an der Reception des Hyatt on Hyatt on SunsetSunset lächelt mich fröhlich an, bewegt die Maus ein wenig, schaut flüchtig auf den Computerbildschirm und sagt dann immer noch fröhlich: „Nix zu machen, das Zimmer ist schon vergeben. Aber wir hätten da noch 371.“ Schade, 1015 hätte was gehabt. Immerhin ist das das Zimmer, durch dessen Fenster einst Rolling Stones-Gitarrist Keith Richards einen Fernseher auf die Straße gepfeffert hatte. Ein Beispiel, dem wenig später im selben Hotel sein Landsmann Keith Moon von Led Zeppelin folgte. Jedesmal wenn ich im Hyatt on Sunset absteige, versuche ich die 1015 zu bekommen. Geklappt hat's noch nie.  Aber es ist eigentlich egal, in welchem Zimmer man unterkommt, weil in so ziemlich jedem irgendwann schon einmal ein Rockstar genächtigt und gefeiert und randaliert hat. Das Hyatt on Sunset ist eben ein Rock'n'Roll-Hotel. Mehr noch, es ist der Prototyp des Rock'n'Roll-Hotels.


Von außen sieht man das der Bettenburg gar nicht so an. Auf den ersten Blick wirkt sie wie jedes x-beliebige höherklassige Kettenhotel anderswo auch. Das Interieur ist gediegen zeitgemäß, und das elegante CHI-Restaurant, dessen Miteigentümer ein gewisser Justin Timberlake ist, ist eins der besten der Stadt. Was einiges heißen will in Los Angeles. Gebaut wurde das Hotel 1958 und war ursprünglich nach dem singenden Hollywood- Cowboy Gene Autrey benannt, bevor es  1966 an die Hyatt Gruppe verkauft und in Continental Hyatt House und schließlich in Hyatt West Hollywood umbenannt wurde. Berühmt und berüchtigt geworden aber ist es als Hyatt on Sunset oder das Riot House. Es war das Einfallstor der britischen Popinvasion der Sechziger und Siebziger und hat so ziemlich jede Rockgruppe dieses Planeten beherbergt, die auch nur halbwegs auf sich hält. Doors-Sänger Jim Morrison hat hier eine Weile als Dauergast gelebt, während Led Zeppelin für ihre Aufenthalte immer gleich eine ganze Etage angemietet und auf dieser dann wilde Parties gefeiert hatten. Aber warum gerade das Hyatt on Sunset, warum nicht eins von den unzähligen anderen Hotels in Hollywood oder Beverly Hills oder sonstwo in Sherman Oaks? Gut, es liegt auf dem legendären Sunset Strips, und die großen Rockclubs von Los Angeles, das legendäre Whiskey-A-Gogo, das Roxy, das Rainbow oder der Viper Room sind alle nur ein paar Minuten bequemen Fußweges entfernt. Aber das kann nicht der einzige Grunde sein, warum ein Hotel zum Rock'n'Roll-Hotel wird.

Rockmusiker sind die moderne Variante der fahrenden Musikanten früherer Jahre. Auch wenn sie längst nicht mehr per pedes oder mit dem Pferdewagen, sondern im komfortablen Reisebus oder per Flugzeug unterwegs sind, an den grundlegenden Lebensbedingungen während ihrer Konzertreisen hat sich erstaunlich wenig geändert. Jeden Tag steht eine neue Stadt auf dem Programm, ein anderes Land und nicht selten gar ein anderer Kontinent. Konzerte finden immer noch in den Abendstunden statt und enden manchmal erst in den frühen Morgenstunden. Nach dem Konzert sind sie noch bis unter die Haarspitzen voll mit Adrenalin, müssen erst langsam wieder runterkommen, wollen essen, trinken, ein bisschen feiern. Entsprechend die Anforderungen an die Hotels, in denen sie absteigen. Die Bar zum Beispiel sollte schon noch geöffnet sein und ebenso die Küche.

Plattencover Extrabreit Hotel MonopolDas Londoner Columbia Hotel ist nicht zuletzt wegen seiner Bar die bekannteste Rock'n'Roll-Herberge der britischen Hauptstadt geworden. Die hatte selbst in den schlechten alten Tagen, als auf den Inseln nach elf Uhr Abends gar nichts mehr lief – und schon gar nicht die Zapfhähne – bis um zwei, drei oder gar vier Uhr morgens an Hotelgäste Alkohol ausgeschenkt. Was das Columbia, dessen leicht herunter gekommener imperialer Schick ansonsten sicherlich nicht jedermanns Sache gewesen wäre, zur ersten Hotel Chelsea, New YorkAdresse für fahrende Musiker aus aller Herren Länder  machte. Für das Columbia im Übrigen ein lukratives Geschäft, da für fahrende Musiker Hotels auch Inseln der Vertrautheit in der Fremde sind, sie also immer gerne wiederkommen, wenn's ihnen einmal gefallen hat. So ganz nebenbei ist der Mythos, der jedes Rock'n'Roll-Hotel umgibt, auch gut fürs sonstige Geschäft. Mancher Tourist steigt nur aus dem einen Grunde im Columbia ab, weil er auf die eine oder andere Berühmtheit in der Bar hofft.

Von seinem Ruf als Rock'n'Roll-Hotel profitiert natürlich ebenso das Hyatt on Sunset. Weswegen es durchreisenden Bands auch Sondertarife anbietet. Und es ist längst nicht mehr die einzige Rock'n'Roll-Herberge in Los Angeles. Fast ebenso berühmt wie das Hyatt ist das Marquis on Sunset. Heute eine Nobelherberge, war es in früheren Jahren eher leicht herunter gekommen und ebenfalls berüchtigt für wilde Parties. Aber selbst in unseren Tagen kann es einem dort noch passieren, dass  sich in einem der Liegestühle am Pool Gene Simmons fläzt, während im Foyer ein englischer Popfotograf eine Boyband ablichtet.

Das ebenfalls auf dem Sunset Boulevard gelegene Mondrian Hotel, bevorzugte Absteige von Guns 'N Roses, The Who oder den Gypsy Kings, hat sogar einen deutschen Bezug. In eben diesem Hotel nämlich hatte Milli Vanilli-Akteur Rob Pilatus 1991 versucht sich das Leben zu nehmen, nachdem herausgekommen war, dass  der Sänger gar kein Sänger war. Pilatus wollte  auf Nummer Sicher  gehen, schluckte zunächst eine Überdosis Pillen, schnitt dann seine Handgelenke auf und machte abschließend noch Anstalten, aus dem Fenster seines Zimmers im neunten Stock zu springen. Die Polizei verhinderte den Sprung, wofür Pilatus heute wohl dankbar sein dürfte. Die Skybar im  Mondrian, gestaltet von Cindy Crawfords Ehemann Randy Gerber, ist derzeit einer der heißesten Nachtclubs Hollywoods.

Hotel Monopol HamburgRockmusiker haben oft eine besondere Beziehung zu Hotels. Manche machen sie zur ständigen Wohnstatt, wie Udo Lindenberg das Hamburger Hotel Atlantik. Andere widmen ihren Lieblingshotels Lieder oder ganze Schallplatten, wie Extrabreit dem Hamburger Hotel Monopol, in dem ebenfalls schon seit Jahrzehnten Rocker aus aller Welt absteigen. Durch ein Lied von den Eagles weltberühmt wurde das Hotel California. Ausgerechnet dieses Hotel allerdings hat nie wirklich existiert. Zwar steht am Strand von Santa Monica ein Hotel mit dem Namen California, doch ist es nicht das im Lied besungene.

Jimi Hendrix Statue in SeattleKlassische Rock'n'Roll-Hotels finden sich in vielen Großstädten. Im amerikanischen Seattle ist es das direkt ans Wasser des Seattle Sound gebaute Edgewater Inn, in dem Jimi Hendrix einst immer dann lebte, wenn er seine Familie und seine Freunde in der Stadt besuchte. Im Edgewater Inn haben auch die Beatles oft genächtigt, stets im selben Zimmer, und Nirvana der Weltpresse Interviews gegeben. Und Led Zeppelin haben sich natürlich auch im Edgewater Inn daneben benommen.

Zu eher traurigem Ruhm ist das New Yorker Chelsea gekommen, in dem die melodramatische Liebesgeschichte zwischen Sex Pistols-Bassist Sid Vicious und seiner Freundin Nancy ein tödliches Ende fand. Sex, Drogen, Rock'n'Roll und Gewalt – damals wie heute die perfekten Zutaten für garantierte  Rock'n'Roll-Mythen. Doch schon lange vor Sid und Nancy war das Chelsea ein Hotel, in dem bevorzugt Künstler, Freigeister und Rock'n'Roller einkehrten. Milos Forman ist ein Stammgast, und für die New York Times ist es schlicht einer der wenigen zivilisierten Orte in New York, eben weil in seinen Zimmern mit den hohen Decken ein Hauch von Freiheit und geistiger Unabhängigkeit zu spüren ist.

Hotel Rossija in MoskauDas erste Moskauer Hotel, das Erfahrungen mit westlicher Rockkultur machte, war das inzwischen leider abgerissene Rossija. Das war zu Zeiten, in denen beim Besuch von amerikanischen Rockstars wie Bon Jovi die Behörden noch kurzerhand die Straße vom Moskauer Flughafen zum Hotel Rossija auf voller Länge für den Verkehr sperrten und die Musiker in Luxuslimousinen, eskortiert von mehreren Polizeieinheiten, direkt zum Eingang des Rossija chauffierten. Das war im Winter 1988. Seitdem hat sich in Moskau einiges geändert. Vor allem müssen sich in unseren Tagen auch Rockstars und ihre Begleitung dem immer dichter werdenden Verkehr der russischen Hauptstadt ohne Absperrungen und Eskorten stellen. Im Sommer 1989 hatte das Rossija eine Horde von westlichen Bands zu Gast, die im Rahmen des Moscow Music Peace Festivals gegen Drogen- und Alkoholmissbrauch anspielten. Später an der Hotelbar, wo russische und westliche Musiker Verbrüderung feierten, waren die Aufrufe zur Abstinenz allerdings schon längst wieder vergessen. Damit war das Rossija auch als erste Adresse für rockende Moskau-Besucher etabliert. Irgendwann im Rahmen dieses Festivals kam Klaus Meine und Rudolf Schenker übrigens die Idee zu einem Song, den sie später „Wind of Change“ tauften.

Ein anderes Hyatt Hotel hat sich ebenfalls redlich einen weltweiten Ruf als ausgemachtes Rock'n'Roll – Hotel erworben. Es liegt in Köln, auf der anderen Rheinseite, genau gegenüber dem Dom, und war während der Jahre, in denen in Köln die Musikmesse PopKomm stattfand, der zentrale Anlauf- und Übernachtungspunkt für Musiker, Plattenfirmenleute, Manager, Medien und Fans. Das Hyatt ist freilich nicht das einzige Rock'n'Roll-Hotel der Domstadt. Vor allem unter englischen und amerikanischen Musikern beliebt ist auch das Hotel Chelsea, in dem an jedem xbeliebigen Wochentag mindestens eine Band, ein paar Maler und der eine oder andere Schauspieler zu Gast ist. Um ein Zitat aus der New York Times auf Köln zu übertragen: Das Chelsea ist einer der wenigen zivilisierten Orte in Köln.

photos:  © Schoschi (Hotel Rossija), Gyrofrog (Hotel Chelsea NY), Bleachers (Hendrix-Statue in Seattle),
Text: © 2007 Edgar Klüsener/MuzikQuest
Erstveröffentlichung: SpiegelOnline , Juni 2007