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Nationalpark Plitvice:|
ein Ausflug ins Paradies
S
o muss es einst im Paradies gewesen
sein. Das Wasser der Seen und Bäche ist glasklar und schimmert
türkis im Sonnenlicht. Dichte Fischschwärme treiben behäbig am
Ufer entlang und beäugen neugierig die Menschen, die sich auf
schmalen Plankenwegen am Wasserrand bewegen. Der Plankenweg
überbrückt nun eine Engstelle. Links neben mir stürzt das Wasser
anderthalb Meter tief in einen anderen See. Eine prächtige Forelle
schwebt scheinbar mühe- und schwerelos in der sprudelnden Strömung
und schaut zu mir hoch. Ich nestele umständlich die Kamera hervor,
visiere den Fisch an. Der hält geduldig still, bis das Bild im
Kasten ist und dreht erst dann ab.
Der Plankenweg führt weiter um kleine und größere Seen herum, überkreuzt Bäche und Teiche, verläuft meistens in den tiefen Schatten, die die saftig grünen Laubbäume werfen, zwischen denen der weiße Karst hervorschimmert, schwingt aber auch manchmal hinaus in die gleißende Hitze der Augustsonne. Der Weg beschreibt eine weite Kurve, nun wieder am Wasserrand entlang, dann für ein kurzes Stück in die Kühle des Waldes hinein, bevor er sich erneut an den Rand eines weiteren Sees schmiegt. Ein kleines Schiff gleitet, unter Wasser von schweren Ketten gezogen, geräuschlos über den spiegelglatten See und transportiert Wanderer von einem Ufer zum anderen. Dieses kleine Passagierschiff und seine zwei oder drei Geschwister sind die einzigen Wasserfahrzeuge, die auf den insgesamt sechzehn Plitvicer Seen verkehren dürfen. Wassersport ist ebenso verboten wie Baden und Schwimmen. Auch Autos sind aus dem riesigen Naturschutzgebiet im Herzen Kroatiens strikt verbannt, nur die Busse, die die Besucher von den Parkplätzen am Rande des Nationalparks zu den Seen transportieren, dürfen hier auf genau vorgeschriebenen Routen verkehren.
Wer hätte gedacht, dass das Paradies
mitten in Kroatien liegt, nur ein paar Autostunden weit weg von
München und fast in Steinwurfweite zur Sonnenküste der istrischen
Adria.
Der Weg verschwindet nun in den Wald hinein. Endlos lange Treppen erstrecken sich vor mir. Anfangs beschwingt, dann immer mühseliger schleppe ich mich Stufe für Stufe höher und höher hinauf in die bewaldeten Hügel, die den Nationalpark Plitvice bilden. Die Höhenunterschiede sind beachtlich, 912 m vom tiefsten zum höchsten Punkt des Nationalparks. Der Mühe Lohn allerdings ist spektakulär: Mit dumpfem Grollen kündigt sich am Ende der Treppen der Veliki Slap an, ein atemberaubender Wasserfall, der sich mit donnerndem Getöse vorbei an tiefen Höhlen im weißen Karstgestein 78 Meter in die Tiefe stürzt. Der Blick vom Rand des Wasserfalls hinunter in den Talgrund, über den die Gischt einen Schleier aus feinem Dunst legt, ist schwindelerregend. Und das ist nur einer von mehreren mächtigen Wasserfällen. Beinahe ebenso spektakulär, wenn auch mit 25 m Gefälle erheblich kleiner, ist der Galovački buk.
Die atemberaubende Schönheit der Seen und des Karsts weckt Erinnerungen an Jugendtage in einem schummrigen Vorstadtkino; an Winnetou, Old Shatterhand und Nscho-tschi, die bildschöne Schwester des edlen Apachenhäuptlings, die in weißen Felsen herumturnen und an türkisfarbenen Seen entlang spazieren. Die Erinnerung trügt nicht, denn an den Plitvicer Seen wurden in der Tat Szenen von Winnetou I (mit Marie Versini als Nscho-tschi) und große Teile von Winnetou II und III (mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand) gefilmt. Und der Schatz im Silbersee war in Wahrheit der Schatz in einem Plitvicer See. Umso erstaunlicher, dass trotzdem nur relativ wenige deutsche Touristen den Weg in den Nationalpark finden. Es sind hauptsächlich Italiener, die mal eben über die Grenze huschen, auch viele Engländer, Österreicher, Slowenen, Tschechen oder Serben, die sich die wilde und doch so harmonische Szenerie erwandern. Bis zu zehntausend Touristen können es an einem Sommerwochenende sein, die sich in dem Gelände verlieren. Und rund 900,000 zieht es im Jahresdurchschnitt in den Nationalpark, den die UNESCO 1979 zum Weltnaturerbe erklärt hat, eine Zahl, auf die die Verwaltung stolz ist.
I
m Plitvicer Seenland treffen, bedingt
durch die großen Höhenunterschiede, verschiedene Klimazonen
aufeinander. Von beinahe mediterran in den Niederungen bis zu
gemäßigtem Gebirgsklima im überwiegenden Teil des Areals reicht
das Spektrum. Die besonderen klimatischen Bedingungen begünstigen
eine pflanzliche und tierische Artenvielfalt, die in Europa
weitgehend einzigartig ist. Wer viel Glück hat, kann Braunbären in
der Ferne im Gehölz verschwinden sehen, Wölfe heulen hören oder
gar Spuren von Luchsen entdecken. Eine direkte Begegnung mit dem
scheuen Raubwild freilich muss niemand fürchten; Bär, Wolf und
Luchs halten sich lieber fern von den störenden Zweibeinern.
Herumgesprochen haben sich die Reize
der Plitvicer Seen mittlerweile auch unter
Sportlern. So treffen sich
hier zum Beispiel Ende Mai Orientierungsläufer aus ganz Europa zu
einem Wettkampf. Sie werden sich das Gelände nicht nur mit den
Scharen von Eintages-Touristen teilen müssen, sondern auch mit jenen
Wandervögeln und Naturfreunden, die sich und ihre Familien gleich
für zwei oder drei Wochen in einer der vielen Ferienwohnungen, in
den Pensionen oder Hotels rund um den Nationalpark eingenistet haben.
Die genießen das Beste gleich mehrerer Welten: die naturbelassene
Wunderwelt des Nationalparks, das angenehme Klima, aber auch die
Möglichkeit, mal eben in die Städte und Badeorte an der kroatischen
und slowenischen Adriaküste hinunter huschen zu können. Die uralte
Stadt Zadar zum Beispiel, schon lange vor dem Aufstieg Roms zur
Vormacht auf dem Balkan eine bedeutende Metropole der antiken Welt,
ist nur eine knappe Autostunde entfernt und durchaus mehrere
Tagesausflüge wert.
Die Winter können empfindlich kalt sein im Plitvicer Naturreservat. Dann überziehen dünne Eisschichten die Seen, und die Schneedecke reicht bis tief in die Niederungen ab. Doch schon im Frühjahr, sobald das erste Laub auf den Bäumen erscheint, öffnet sich das Paradies wieder in seinem ganzen Liebreiz. Der Öffnung sind allerdings ganzjährig Grenzen gesetzt: Von 20 Uhr bis 8:00 Uhr gehört der Park ganz allein seinen Bewohnern.
Links und Infos:
http://www.mein-kroatien.info/Nationalpark_Plitvicer_Seen
http://www.adriagate.com/de/kroatien-riviera/Plitvice.aspx