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Nordirland
Windumtost und atemberaubend schön

Schau doch mal nach unten, ist das nicht ein fantastischer Anblick?“
HängebrückeNach unten schauen? Den Teufel werde ich!

Dreißig Meter unter mir schäumt der Atlantik um eine der nördlichsten Klippen Nordirlands, und nur einige schmale, dünne Planken und Drahtseile trennen mich von der wilden Strömung, die sich tosend an schroffen Felsen bricht. Die Hängebrücke ist 20 Meter lang, einen Meter breit und verbindet die Mini-Insel Carrick-a-Rede mit den steil abfallenden Kliffs des Festlandes.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich an schrecklicher Höhenangst leide?

Nach unten schauen? Hah, nie und nimmer! Und dann tu ich's doch; ich schaue, und prompt werden mir die Knie weich. Der Augenblick währt nur den Bruchteil einer Zehntelsekunde. Ausgerechnet in diesem Moment, zu kurz selbst für ein schnelles Augenzwinkern und doch länger als so manche Ewigkeit, beginnt dieses Teufelswerk von einer Brücke auch noch vom Wind getrieben zu schaukeln. Mit schnellen, stolpernden Schritten rette mich auf den felsigen Untergrund von Carrick-a-Rede, atme erleichtert auf, schaue zurück auf die nun einfach nur noch malerisch im Nichts schwebende Brücke und genieße die Postkarten-Aussicht. Dann fällt mir ein, dass ich ja irgendwann auch mal zurück aufs Festland muss. Über eben diese Brücke.

Örtliche Fischer haben die Hängebrücke vom Festland auf das windgepeitschte Eiland zum ersten Mal vor rund 200 Jahren gespannt. Jedes Jahr im Frühling wird die Brücke neu gezogen. Inzwischen ist die Konstruktion ein wenig dauerhafter; Stahldrähte haben die ursprünglichen Hanfseile ersetzt. Trotzdem bleibt die Brücke auch heute noch bei höheren Windstärken geschlossen. Die Insel selbst ist kaum mehr als ein riesiger, mit anspruchslosem Gras begrünter Felsbrocken, dessen Ränder schroff in die See abfallen. Sie lässt sich in fünf Minuten locker umrunden. Ein Haus klebt unweit von der Brücke auf halber Strecke zwischen der Oberfläche und der See im Fels. Von hier aus lauern die Fischer seit Generationen den vorbeiziehenden Lachsschwärmen auf.

Der Eingang zur BrückeIrgendwie schaffe ich den Rückweg. Für die Überquerung gibt’s sogar ein Zertifikat, eine Art Ehrenurkunde für besonders wagemutige Höhenverängstigte, das am Ausgang des Naturschutz-Areals in Empfang genommen werden kann.

Es ist ein Tag spät im März, laut Kalender hat der Frühling gerade erst begonnen, doch das nordirische Klima nimmt den Kalender nicht so genau. Die Sonne strahlt bereits kräftig von einem wolkenlos blauen Himmel, nur der scharfe Wind trägt noch die Ahnung eines winterlichen Eishauches mit sich. Nordirland profitiert vom Golfstrom; das Klima ist ganzjährig mild, Frost ist im Winter nahezu ebenso unbekannt wie übermäßig heiße Sommertage im Juli oder August. Das erklärt die Palmen, die vor beinahe jedem Haus stehen, aber auch die überraschende Vielfalt von Pflanzen und Vögeln. Die Küstenlandschaft ist atemberaubend schön. Steile Kliffe wechseln mit langen weißen Sandstränden in sanft geschwungenen Buchten und auf einsamen Weiden grasen verstreuten Schafherden, während Raubvögel am gleißenden Himmel langsam ihre Kreise ziehen. Das Land wirkt seltsam menschenleer, selbst Touristenattraktionen wie The Giant's Causeway, nur einige Kilometer von Carrick-a-Rede entfernt, sind auch am Wochenende vor Ostern kaum überlaufen.

Irland ist ein klassisches Auswanderungsland. Seit mehr als zweihundert Jahren verlassen die Iren ihre Insel, vertrieben von Armut, Hungersnöten oder schlicht den englischen Besatzern. Erst seit jüngstem hat zumindest die irische Republik den Trend umkehren können, ist zum Einwanderungsland geworden. Und erst seitdem in Nordirland die Waffen endgültig schweigen, erlebt auch die widerspenstige Provinz ihre ersten kleinen Einwanderungswellen.

Trennlinien in LondonderryDer Friedensprozess ist im März in die entscheidende Phase getreten. Gezwungen von den eigenen Wählern, mehr aber noch von den Regierungen in London und Dublin, haben sich die Sinn Fein, der politische Arm der IRA,  und die militanten Loyalisten um den protestantischen Reverend Ian Paisley endlich darauf geeinigt, die Macht in der britischen Provinz Nordirland gemeinsam auszuüben. Das beinahe fünf Jahre lang leerstehende Parlamentsgebäude Stormont am Rande von Belfast ist wieder von Leben erfüllt.

Die große Koalition der einstigen Erbfeinde von Sinn Fein und Ian Paisleys Democratic Unionist Party (DUP) wird freilich nicht von allen Nordiren unbedingt als ideal gesehen. „Früher kamen beide und wollten Schutzgelder von uns kassieren“, schimpft ein Angehöriger der Künstlergemeinschaft Workshops Collective im Universitätsviertel Belfasts, „heute teilen sie sich die Macht und die Steuereinnahmen. Gesund ist das nicht fürs Land.“

LandschaftAber für den Tourismus. Anders als die benachbarte Republik war Nordirland bis vor kurzem noch touristisches Niemandsland. Bilder von Bomben und brennenden Häusern und von Straßenschlachten zwischen Katholiken und Protestanten waren beinahe alles, was aus dem Norden der grünen Insel in die Außenwelt drang. Das Image Nordirlands war entsprechend mies.

Das habe sich in den vergangenen zwei Jahren enorm geändert, findet Melanie Ward. Die Künstlerin betreibt mit ihrem Mann in Armoy den Limepark, eine Ansammlung von liebevoll restaurierten und superb mit geräumigen Schlafzimmern, hochmodernen Küchen und Kaminecken ausgestatteten Cottages für Selbstverpfleger mitten auf dem Land. Eine Windturbine auf einer kleinen Anhöhe hinter den Cottages, Solarkollektoren auf dem Dach des Traktorschuppens und eine Erdwärmeanlage machen den Limepark zu einem ökologischen Musterbetrieb, in dem es sich besser leben lässt als in vielen Fünfsterne-Hotels des Planeten. Zumal im Übernachtungspreis Breitband-Internet-Anschlüsse ebenso inbegriffen sind wie das atemberaubend schöne Umland.

SeasideDer Bürgerkrieg hat, anders als in den Städten Belfast und Londonderry, selbst in seiner heißesten Phase kaum sichtbare Spuren hinterlassen in den pittoresken Landschaften des Nordens. Vom Massentourismus noch weitgehend unberührte dramatische Küstenlandschaften kontrastieren mit den lieblichen Glens von Antrim mit ihren kühlen Flußauen, wilden Wasserfällen und einer  einzigartigen Vegetation.

BelfastIn den Städten vernarben die Wunden des Bürgerkriegs ebenfalls schnell. Belfast zum Beispiel ist heute eine weltoffene, vor Lebensfreude übersprudelnde Großstadt mit einem riesigen kulturellen Angebot, mit Clubs und Kneipen und gemütlichen kleinen Cafés. Hier erwächst Dublin auf der eigenen Insel eine charmante Konkurrenz.

Die beiden Hauptstädte sind gerade mal drei Stunden Autofahrt voneinander entfernt. Die Fahrt wird längst nicht mehr von Schlagbäumen oder Passkontrollen unterbrochen. Dass man vom einen Irland ins nächste fährt, merkt man nur noch eher beiläufig, wenn auf den Straßenschildern die Entfernungsangaben plötzlich in Kilometern statt in Meilen gemacht werden.

Europäische Normalität ist endlich auch in allen Teilen Irlands angekommen.


© 2007 Edgar Klüsener/MuzikQuest
Erstveröffentlichung: SpiegelOnline, Mai 2007