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MuzikQuest Reportagen




Professor Johnny Marr
Querdenker, Außenseiter und die Mythen des Musikgeschäfts

Professor Johnny Marr und DJ John RobbAls Johnny Marr zum letzten Mal zu Gast in der Maxwell Hall war, musste das Gebäude  anschließend  runderneuert werden. 1986 war das, und Johnny Marr war da noch Gitarrist der Smiths. Die Band hatte im total überfüllten Saal im Obergeschoss aufgespielt und das Publikum vom ersten Ton an in ekstatische Rage versetzt. Das rhythmische Stampfen von rund zweitausend Füssen beschädigte im Laufe des Konzerts den Fußboden so massiv, dass der Einsturz des Saales befürchtet wurde. Vier Jahre sollte es anschließend dauern, bis die strukturellen Renovierungsarbeiten an dem Gebäude, das zum Campus der Universität von Salford gehört, endgültig abgeschlossen waren. Live-Konzerte allerdings waren auch danach noch viele weitere Jahre nicht erlaubt.

Am Abend des 4. November ist der Gitarrist erneut zu Gast in der Maxwell Hall. Wieder in der Haupthalle im Obergeschoss. Die ist auch diesmal bis auf den letzten Platz gefüllt. Das sind aber auch schon die einzigen Parallelen zu jenem denkwürdigen Abend vor 24 Jahren. Die Smiths sind längst in der Rubrik „Es war einmal” der Rockgeschichte gelandet, und Johnny Marr steht nicht als Musiker auf dem Podium, sondern als Professor im Fachbereich „Music, Media and Performance” der University of Salford.

Seine Berufung, erstmals annonciert im Oktober vergangenen Jahres, hatte schon lange vor diesem grauen und erbärmlich kalten Novemberabend Schlagzeilen auf der Insel gemacht. Ausgerechnet die Universität von Salford, eigentlich das Stiefkind unter den Universitäten von Greater Manchester, die immer ein wenig im Schatten der University of Manchester steht, hatte sich den heimischen Gitarrensuperhelden angeln können. Von Publicity-Stunt war anschließend oft die Rede gewesen, und der Universität wurde unterstellt, nur so sei es ihr möglich, Studenten in ihre Kurse zu locken. Was natürlich nicht stimme, sagt John Sweeney, der Geschäftsführende Direktor des „Music, Media and Performance”-Departments. Immerhin sei es an der Tagesordnung, dass das Department professionelle Musiker und Dozenten von anderen Universitäten für Meisterklassen verpflichte.

Große Namen in Salford

In der Tat, die Liste der großen Namen, unter ihnen auch Robert Fripp und Brian Eno, die in der Vergangenheit Gastvorlesungen und Master Classes gehalten haben, ist beachtlich. Trotzdem habe auch er anfangs so seine Bedenken gehabt, erklärt Johnny Marr, und für eine reine PR-Aktion wäre er sich auch zu schade gewesen. Aber „... ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder mit Musikern und Produzenten zusammengearbeitet, die Absolventen der University of Salford waren. Ich habe mich mit einigen von denen unterhalten, auch weiter recherchiert und schnell herausgefunden, dass Salford es nicht nötig hat, Studenten mit PR-Aktionen anzulocken. Im Gegenteil, die Nachfrage nach den Kursen ist so groß, dass die Uni seit Jahren Studenten ablehnen muss.”

Dass es überhaupt zum Kontakt zwischen Uni und Musiker kam, ist sowieso eher einem Zufall zu verdanken. Oder besser, den Kindern von John Sweeney und Johnny Marr, die rein zufällig beide in dieselbe Schule geben. John Sweeney und Johnny Marr waren sich bereits einige Male bei Elternabenden über den Weg gelaufen. „Die meisten der Eltern wussten nicht einmal, wer Johnny Marr überhaupt war,” erinnert sich Sweeney. „Ich wusste es zwar, machte mir aber auch keine weiteren Gedanken. Es war der Fernsehautor Paul Abbott, dessen Sohn ebenfalls in diese Schule geht, der mich überhaupt erst auf die Idee brachte, Johnny Marr einfach mal anzusprechen.” Abbott, der Mann hinter der englischen Kultserie Shameless und vielen anderen Film- und TV-Produktionen und derzeit wohl der bekannteste Drehbuchautor Britanniens, ist ebenfalls eng mit der University of Salford verbunden.

Tatsächlich hat sich die kleine Universität in Manchesters Nachbarstadt Salford in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einer britischen Topadresse in den Bereichen Medienstudien – Schwerpunkt Film und Fernsehen – und Performing Arts gemausert. Ihrem neuen neuen Professor räumt die Universität einige Freiheiten ein, wie der in einem Interview mit Radio 4 erläutert: „Ich mag die Universität, ich mag die Atmosphäre und ich mag die Leute. Bevor ich meine endgültige Entscheidung traf, habe ich erstmal ein wenig herumgeschnuppert, mich mit Studenten unterhalten, mit künftigen Kollegen, mir die Einrichtungen angeschaut und langsam Ideen entwickelt. Die Verantwortlichen haben mir klugerweise erlaubt, für mich selbst herauszufinden, wie ich denn in dieses Umfeld am besten hineinpasse, welche Ideen ich einbringen kann.”Von Querdenkern und Innovatoren

Von Querdenkern und Innovatoren

Der Prozess hat über ein Jahr gedauert, inzwischen hat weiß Johnny Marr genau, in welcher Form und mit welchen Lehrinhalten er sich einbringen will. „Mein Schwergewicht”, erzählt er dem Guardian, „ist nicht so sehr die Theorie, sondern die Praxis. Ich habe mich gefragt, welches Wissen mir in den verschiedenen Stadien meiner musikalischen Entwicklung wirklich weitergeholfen hätte, und dieses Wissen will ich nun in meinen Kursen vermittelt. Da wird’s um Produktion und Studioarbeit gehen, um die Mechanismen der Musikindustrie, um die Arbeit mit moderner Technologie und ähnliches. Ich werde ganz sicher auch viele der Seifenblasen platzen lassen, diese Mythen, durch die die eher raue Wirklichkeit der Musikszene immer noch verschleiert werden.”

Den Anfang macht er gleich in seiner Einführungsvorlesung. Die steht unter dem Motto: „Always from the outside: mavericks, innovators and building your own ark.” Johnny Marr ist ein guter Dozent, sein Vortrag ist engagiert, witzig und pointiert. Dass er von der Musikindustrie nicht allzu viel hält, wird auch sehr schnell klar. Noch nie in ihrer Geschichte, behauptet er, habe diese aus eigenen Ressourcen heraus etwas Neues geschaffen, wohl aber mit ihrer Finanzkraft viele Künstler nachhaltig kompromittiert. Und von TV-Casting-Shows wie The X-Factor (das britische Äquivalent zu Pop Idols, American Idol oder DSDSS) hält er überhaupt nichts. Es seien immer Außenseiter gewesen, Musiker wie Bob Marley, Kurt Cobain oder The Sex Pistols, die der populären Musik neue Impulse gegeben hätten.

Nach der Vorlesung darf das Publikum dann auch Fragen stellen. Er beantwortet sie bereitwillig. Nur wenn nach den Smiths gefragt wird, nach seinem Verhältnis zu Morrissey und nach den wirklichen Gründen für den Split, wird er plötzlich sehr einsilbig und lenkt ab.

Ansonsten jedoch ist die Vorlesung ein voller Erfolg. Der Professorenalltag kann beginnen, und die Maxwell Hall hat den zweiten Auftritt von Johnny Marr auch schadlos überstanden.


© 2008 Edgar Klüsener
photo: Professor Johnny Marr und DJ und Musikjournalist John Robb, University of Salford
Erstveröffentlichung: SpiegelOnline 2008