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Hoffen auf das Tafelsilber

Jahrzehntelang war der Manchester City FC das Fußball-Aschenputtel im Nordwesten Englands, beinahe ein Synonym für permanente Krise. Aber der Club hatte auch immer die treuesten Fans. Deren galliger Galgenhumor machte sie inselweit berühmt und beliebt. Doch nun ist alles ganz anders. Erst kam ein gestürzter thailändischer Premierminister, dann eine Investorengruppe aus Abu Dhabi, und plötzlich ist Manchester City der reichste Club der Welt, schnappt Chelsea Robinho vor der Nase weg, schaltet im UEFA-Cup ganz locker Schalke aus und trifft nun auf den Hamburger SV.



Die Fans wissen immer noch nicht, was sie von all dem nun halten sollen. „Wir Fußballfans”, sagt Nigel, „sind keine Schönwetter-Shopper. Wir haben uns für einen Verein entschieden, meistens schon als Kinder, und dann bleiben wir diesem Verein eben treu. Durch dick und dünn, arm und reich.” Nigel bildet zwar in Oxford Gewerkschaftsvertreter aus, kommt aber eigentlich aus Manchester und ist mit Leib und Seele Fan von Man City. Wie die meisten Fans des in den vergangenen beiden Jahrzehnten arg gebeutelten Traditionsclubs muss er sich momentan daran gewöhnen, dass sein Club plötzlich reich ist. Nicht einfach nur reich, sondern superreich. Der erste Geldregen setzte mit der Übernahme durch den früheren thailändischen Premierminister Thaksin Shinawatra am 6. Juli 2007 ein. Die Herkunft von Shinawatras Vermögen? Nun, die Frage danach bereitete Manchester City-Fans durchaus Kopfzerbrechen. Ebenso wie die Person von Shinawatra selbst. Das große Geld, das Shinawatra brachte, schien so recht zur jüngsten Entwicklung des Clubs passen, der Anfang des Jahrtausends aus dem baufälligen Maine Road-Stadion in das funkelnagelneue Commonwealth Games- Stadium umgesiedelt war.

Schmuddelverein auf dem Weg zum Glitzerclub?

Thaksin ShinawatraDer Schmuddelverein auf dem Weg zum Glitzerclub? Sportlich zumindest war es eine Phase der Konsolidierung auf einem Niveau, das noch 1998, da hatte City gar ein kurzfristiges Gastspiel in der dritten Liga gegeben, undenkbar erschienen wäre. Aber selbst damals waren im Schnitt rund 30.000 Fans zu den Heimspielen aufgetaucht und hatten sich auch von Fußball auf manchmal erschreckend schlechtem Niveau nicht abschrecken lassen. City-Fans sind treu. „Wir gehen mit dem Verein durch dick und dünn,” sagt Nigel. Und „City ist nicht nur ein Fußballclub, sondern auch eine identitätsstiftende Idee. Wir City-Fans sind eine Spezies für sich. Als City-Fan hast du einen Stammplatz auf der Achterbahn gebucht. Auf Momente absoluter Brillanz folgen mit tödlicher Sicherheit grottenschlechte Perioden und rasante Abstürze.

Dem kann Michael nur zustimmen. Wie für Nigel, ist City auch für Michael eine Familien- und Herzensangelegenheit. Der Endzwanziger versucht immer noch mit einer Wirklichkeit klar zu kommen, in der sein Verein plötzlich zum reichsten Fußballclub der Welt geworden ist. Denn im September 2008, nur knapp ein Jahr nach der Übernahme durch Thaksin Shinawatra, hat City erneut den Eigentümer gewechselt. Besitzer des Traditionsvereins ist jetzt eine Investorengruppe aus Abu Dhabi um Sulaiman Al Fahim. Die Ölmilliarden, die nun nach Manchester fließen, lassen selbst die Ressourcen von Chelseas Abramovich beschränkt erscheinen. Als erstes schnappte Al Fahim dem FC Chelsea den brasilianischen Superstar Robinho vor der Nase weg. Vierzig Millionen Euros kostete ihn das Schnäppchen. Die seien erst ein Anfang, erklärte er wenig später ungerührt der Presse. Schließlich brauche man noch weitere 18 Spieler in derselben Preisklasse. Beim traditionellen Erzfeind United hatte 2005 die Übernahme des Vereins durch ausländische Investoren eine Fan-Revolte ausgelöst. Ein Beispiel für City-Fans?

Keine Fanrevolte bei ManCity

ERobinhoine Fanrevolte als Reaktion auf Thaksin Shinawatra und auf die Ölmilliarden aus Abu Dhabi ist bisher ausgeblieben. Sehr zur Verwunderung der abtrünnigen United-Fans, aber auch der örtlichen und nationalen Medien. Den Fans ist aber die Ambivalenz ihrer Lage bewusst. „Natürlich erkenne ich, dass mein Idealbild vom Club und von Fußball im allgemeinen, schon vor Jahren in Scherben gegangen ist,” sagt Michael. ,,Aber als City-Fan ist man sich halt immer bewusst gewesen, dass die Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt hat, ein wenig vom nationalen oder internationalen Tafelsilber abzuräumen. Das sei beinahe ausschließlich den vier Spitzenclubs Chelsea, United, Arsenal und Liverpool vorbehalten gewesen.” Dann fügt er hinzu: „Ich wünschte mir nichts mehr auf dieser Welt, als dass City endlich mal einen Titel gewänne. Und sei's nur, um den United-Fans mal für fünf Minuten das Maul zu stopfen. Natürlich besorgt es mich, dass nun ausländisches Kapital das Sagen im Verein hat. Die Gefahr ist gegeben, dass wir Fans am Ende auf der Strecke bleiben und nur noch als Beigabe gesehen werden.” Die Fans seien derzeit vorsichtig optimistisch, bestätigen beide, Michael und Nigel, und hoffen vor allem auf glorreiche City-Zeiten. Sie seien sich aber auch sehr wohl bewusst, dass, in bester City-Manier, jederzeit alles fürchterlich schief gehen könne. Eine kleine Finanzkrise hier, eine miese Saison da, und City könne schnell wieder mit Vollgas über die Achterbahn rasen. Dass die Gefahr durchaus gegeben ist, trotz der schwindelerregend dicken Kapitaldecke und der millionenteuren Neueinkäufe, belegt das aktuelle Abschneiden EastlandsCitys in der Premier-League: Statt leichtfüßig die Spitze zu erobern und die Liga nach Belieben zu dominieren, stolpert City derzeit eher orientierungslos im Mittelfeld herum. Manchmal brilliert die Mannschaft auf dem Feld, dann wieder erinnert sie an schlechte alte Zeiten, in denen nichts, aber auch gar nichts lief. Was dem HSV einiges Kopfzerbrechen bereiten sollte, denn es lässt sich kaum vorhersagen, welches Gesicht das Team von Mark Hughes beim Aufeinandertreffen der beiden Clubs im UEFA-Cup zeigen wird. Nur eins ist klar: präsentiert sich City von der brillanten Seite, wird es schwer, sehr schwer werden für die Hamburger. 

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Manchester City

© 2008 Edgar Klüsener/ MQ
Erstveröffentlichung: SpiegelOnline 2008

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