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Manchester
Eine kleine Weltstadt in neuer Blüte

Der Zug ist ein ganz normaler Nahverkehrszug, einer von der Sorte, die an jeder Pommesbude hält. Er fährt von Manchester Piccadilly nach Hadfield, eine Ortschaft am Rande von Greater Manchester, in der malerischen Hügellandschaft des Peak Districts gelegen. Der Zug ist modern, funktional und fährt meistens strikt nach Fahrplan, was in England alles andere als selbstverständlich ist. Außerdem ist er einmal im Monat der Folktrain nach Glossop. Das Der Folktrain - ein ganz normaler Bummelzugwissen allerdings nur die regelmäßigen Pendler an Bord und die Folkfreunde in Manchester und Umgebung. Wenn der planmäßige Nahverkehrszug zum außerplanmäßigen Folkzug wird, passiert folgendes: Einige Musiker steigen in ein Abteil ihrer Wahl, das sich dann schnell mit Folkfreunden füllt. Andere Passagiere, die weder pendeln noch eingeweiht sind, blicken spätestens in dem Moment irritiert von Zeitung, Laptop oder iPod hoch, wenn die Musiker ihre Instrumente auspacken und die ersten Songs anstimmen. Dass man englische Folkmusik keinesfalls mit der nur im Gattungsnamen ähnlich klingenden deutschen Volksmusik verwechseln sollte, beweist der Vortrag der beiden trinkfesten Barden, die während meines Ausfluges nach Glossop aufspielen. Außer alten und neuen Klassikern wie „Whiskey In The Jar“ (die Rockversion hat einst Thin Lizzie berühmt und Metallica später schwer metallisch gemacht) oder „Dirty Old Town“ von den Pogues und „Finnegan's Wake“ haben sie noch eine Menge traditioneller englischer Arbeiter- und irischer Sauflieder sowie etliche absolut nicht jugendfreie Eigenkompositionen im Programm. In Glossop steigen Band und Publikum dann aus und spazieren zum örtlichen Labour-Club, wo das Konzert Pint auf Pint weiter geht. Pünktlich 15 Minuten vor der Abfahrt des letzten Zuges zurück nach Manchester marschieren alle wieder zum Bahnhof, steigen in den Zug, das Konzert geht weiter bis zur Endstation Piccadilly, wo sich schließlich die durchaus nicht mehr nüchterne Reisegruppe in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Bis zum nächsten Mal, dann mit anderer Band....

Im Labour Club von GlossopDer Folktrain hat sich im Laufe der letzten Jahre von der ursprünglichen Schnapsidee einiger Musiker und Enthusiasten zu einem lokalen Geheimtipp und schließlich zur gar nicht mehr so klammheimlichen Touristenattraktion gemausert. Immer mehr Manchester-Touristen, die andernfalls kaum Ausflugsziele wie Edale, Glossop oder Hathersage in ihr Besuchs- und Aktivitätenprogramm aufnehmen würden, investieren mittlerweile die 1,50 englischen Pfund (ca. 2,20 €) für eine Rückfahrkarte nach Glossop oder nach Hathersage. Früher auch nach Edale. Der Folktrain von Manchester nach Edale war das Original, der erste fuhr schon vor einem guten Jahrzehnt. Bald war er so erfolgreich, dass weitere Strecken hinzu kamen. Heute gibt's keinen Zug von Manchester nach Edale mehr, stattdessen wird nun das Städtchen im Peak District von Sheffield aus angefahren.

Der Folktrain ist freilich nur eine der touristischen Attraktionen Manchesters. Die Metropole im Nordwesten Englands ist in nahezu jeder Beziehung die einzige ernst zu nehmende Konkurrentin zu London und längst auch das nach der Hauptstadt bedeutendste Touristenziel auf der britischen Hauptinsel. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die Stadt, die der Welt einst zuerst die industrielle Revolution und mit ihr Kapitalismus der brutalen Sorte, aber kurz darauf auch das kommunistische Manifest beschert hatte, ziemlich am Ende schien. Die Industrien, die Manchester groß gemacht hatten, lagen seit den Sechzigern im Sterben, die Stadt siechte dahin und machte nur noch durch Musik und Fußball von sich Reden. Ansonsten bestimmten vor allem Negative das Bild, das der Rest der Welt sich von der Stadt und ihrem Umland machte: Regen, grauer Himmel, graue Fassaden, graue Menschen, graue Ruinen und Verfall. Schon damals allerdings hatte Manchester diese bemerkenswert andere Seite, die die Stadt selbst dann noch faszinierend machte, als die ganze Welt sie eigentlich schon abgeschrieben hatte.

Amplifier - Rock aus ManchesterDie war – und ist – zunächst mal ein unglaubliches kreatives Potenzial. Die Liste weltweit bekannter Pop- und Rockkünstler, die die Stadt hervor gebracht hat, ließe sich beinahe endlos fortschreiben. Die Bee Gees haben Wurzeln in Manchester, Graham Nash, The Hollies, Take That, Thin Lizzie, Joy Division, M People, 10 CC, Robbie Williams, Oasis, The Smiths, Ultravox, Simply Red, Badly Drawn Boy, Barclay James Harvest und Joy Division ebenfalls – um nur einige wenige zu nennen. Musik war und ist allgegenwärtig in Manchester, an jedem beliebigen Wochentag finden in den unzähligen Clubs und Venues Dutzende von Livekonzerten statt. Und natürlich die endlosen Clubnächte, die Manchester seit den Tagen der legendären Hacienda den Beinamen Madchester eingetragen haben. Die Hacienda, einst ein weltweit Trends setzender Club – hier wurde unter anderem der Acid House erfunden, hatte Madonna ihren ersten Auftritt in Europa und Take That einige Übungsstunden -, ist heute übrigens ein sündhaft teurer Apartmentblock.

Dass die innere Vielfalt und Schönheit der Stadt sich in den letzten Jahren auch nach außen entfalten konnte, hat Manchester in gewissem Maße der IRA zu verdanken, die zur Fußball EM 1996 eine eigene Bombe platzen ließ. Die war ein ganz schön dicker Brocken, zündete während der Einkaufszeit mitten in der Innenstadt und hinterließ eine beachtliche Verwüstung. Die IRA hatte vorgewarnt, weshalb es der Polizei gelungen war, das fragliche Areal rechtzeitig zu evakuieren. Dennoch wurden weit über 200 Personen verletzt, die meisten davon durch umher fliegende Trümmerstücke und Glassplitter. In der Stadt waren zu der Zeit übrigens auch einige Ehefrauen deutscher Fußball-Nationalspieler, deren Ehemänner in Manchester um die Europameisterschaft mitkickten.

Rund 20.000 Quadratmeter Innenstadt waren anschließend reif für die Abrißbirne. Für die Stadtplaner im Rathaus von Manchester allerdings war die Situation fast ein Göttergeschenk, und insgeheim mag manch einer aller offiziellen Empörung zum Trotz eine gewisse Dankbarkeit gegenüber der IRA empfunden haben. Denn die Trümmerfläche im Herzen der Stadt eröffnete die Möglichkeit, ein atemberaubendes städtebauliches Wiederauf- und Umbauprogramm zu starten, das in seinem Ausmaß und in seiner Ambitioniertheit in Europa wohl nur von Berlin übertroffen wurde und wird. Der Wiederaufbau ist inzwischen abgeschlossen, der Umbau allerdings hat sich verselbständigt, die Stadt verändert ihr Antlitz Manchester im Bauboomweiter mit einer Geschwindigkeit, dass sich selbst alte Mancunians manchmal nicht mehr auf Anhieb zurecht finden, wenn sie mal für einige Monate nicht in der City waren. Heute ist Manchester farbenprächtig, vielfältig, glitzernd, mondän und schillernd. Grau in grau sind nur noch manche Außenbezirke, aber selbst die sind in Veränderung. Außerdem wächst Manchester, und zwar rasant. War die Stadt eins von Stadtflucht geplant, ist sie, und vor allem ihr Zentrum, neuerdings Lebens- und Wohnziel einer neuen Generation von jungen, wohlhabenden Professionals, die dort hausen wollen, wo die Aktion ist. Das Hausen hat freilich seinen Preis. 1,2 Millionen Pfund (ca. 1,8 Millionen Euros) zum Beispiel kostet ein mittelgroßes Apartment in Deansgate No. 1, der derzeit besten Adresse in der Innenstadt, obgleich wohl nicht mehr für lange, denn in unmittelbarer Nachbarschaft schießen bereits weitere Luxus-Wohnblocks in die Höhe. Wer einfach nur mieten will, muss ebenfalls über ein gesundes Bankkonto verfügen, das Mietzahlungen von durchschnittlich 1.200 Euros (ohne Nebenkosten, aber möbliert) locker wegstecken kann. Wenn er oder sie überhaupt Mietraum findet, denn der ist äußerst knapp. Und dürfte noch knapper werden, weil die BBC gerade große Teile ihrer Produktion und verschiedene Programme aus London abzieht und nach Manchester übersiedelt, die Rede ist von rund 3.000 Arbeitsplätzen, die von der Themse an den River Irwell wandern.

Manchester selbst ist übrigens gar nicht so groß, die City hat gerade mal 460.000 Einwohner, Tendenz jedoch rasant steigend. Greater Manchester, inklusive Salford, Oldham, Stockport, Wigan und Rochdale, zählt allerdings 2,5 Millionen Einwohner. Und in einem Umkreis von gerade mal 50 Kilometern leben immerhin fünf Millionen Menschen, für die Manchester schlicht das Zentrum ist. Da überrascht dann auch nicht mehr die Vielfalt von Museen, Theatern, Kunstgalerien, Opernhäusern, Musicals, Kinos und Clubs in der Stadt. Das kulturelle Leben kann sich durchaus an dem Londons – und damit jeder anderen europäischen Metropole – messen lassen, was selbst überzeugte Londoner eingestehen, wenn auch zähneknirschend.

Northern Quarter ManchesterAußerdem hat Manchester seit September 2004 die größte Universtät Großbritanniens. Entstanden ist sie aus den ehedem selbständigen Hochschulen „The University of Manchester“ und „The University of Manchester Institute of Science and Technology (UMIST)“. Das neu geschaffene Lehr-, Forschungs- und Verwaltungs-Monstrum, das sich selbst ganz bescheiden als Super-Uni bezeichnet, wird vom Herbstsemester 2004 an 34.000 Studenten haben, 9.000 Mitarbeiter beschäftigen und vom Start weg Einkünfte in Höhe von rund 420 Millionen Pfund erzielen. Das lässt nicht nur die anderen verbleibenden lokalen Hochschulen ziemlich mickrig aussehen, sondern etabliert vor allem auch im Nordwesten Englands einen akademischen Moloch, der zur ernsthaften Konkurrenz für das traditionelle „Goldene Dreieck“ London und Oxbridge wird.

Zumal Manchester als Unistadt längst die ausgesprochene Favoritin in- wie ausländischer Studenten ist. Nach einer kürzlich veröffentlichten Statistik der zentralen Vermittlungsstelle UCAS gilt die „24 hours party- Metropole“ mit ihren unzähligen Clubs und Venues als die mit Abstand coolste Studier-Adresse der Insel. Rund zwei Drittel aller Neustudenten würden UCAS zufolge am liebsten in Madchester studieren; Oxford, Cambridge und die Hauptstadt London hingegen sehen sich mit stagnierenden oder gar sinkenden Bewerberzahlen konfrontiert. Die rund 60.000 Studenten sind längst zu einem eigenen gewichtigen ökonomischen und kulturellen Faktor in der Region geworden.

Noch weit mehr als die Studenten prägen die vielen ethnischen Minderheiten, die zum Teil seit Jahrhunderten in Manchester angesiedelt sind, das Stadtbild. In China Town zum Beispiel. Die China Town liegt im Herzen der Innenstadt, ist eine der currymile manchesterältesten chinesischen Gemeinden Europas und beherbergt neben chinesischen Banken, Handelskammern, Großhändlern, Supermärkten und Industrievertretungen auch eine enorme Zahl von Restaurants, darunter einige, die zu den anerkannt besten Großbritanniens gehören. Wer's lieber indisch oder zentral-asiatisch mag, wird auf der Curry Mile bestens bedient. Wo die Oxford Road ihren Namen in Wilmslow Road ändert, beginnt die Curry Mile. Auf etwa eineinhalb Kilometern Strecke drängen sich indische, pakistanische, persische, bengalische, arabische, afghanische und andere asiatische Restaurants; zwischen ihnen finden sich Sari-Händler, islamische Cafés, Juweliere und Frischgemüse-Händler. Die Curry Mile ist zu jeder Tages- und Nachtzeit enorm geschäftig und eine jener kulinarischen Attraktionen, die Manchester den ehrenvollen Beinamen Menuchester eingetragen haben.

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Ach ja, die Viertel. Jeder hat so sein Viertel in Manchester. Die Chinesen haben ihres, die Asiaten haben eins, die Jugend- und Gegenkultur hat ihres im Northern Quarter, die jüdische Gemeinde konzentriert sich in Cheetham Hill, Afro-karibische und Afro-Engländer in Moss Side und Whalley Range und die Superreichen – Popstars und Fußballspieler inklusive - in exklusiven Gemeinden wie Alderley Edge.

Dann wären da noch Schwule und Lesben. Die haben die Gay Village an der Canal Street, ein eigenes Viertel, in dem sich viele der angesagtesten Clubs der Stadt finden, und in das – vor allem an den Wochenenden – zehntausende Menschen pilgern um ausgiebig zu feiern. Die Gay Village, in der in Großbritannien und den USA extrem erfolgreichen Fernseh-Serie Queer as Folk verewigt, ist mittlerweile weltweit ein Synonym für schwule Extravaganz und Lebensfreude und damit zu einer der herausragenden und zugkräftigsten Touristenattraktionen der Stadt geworden.

summer in the cityManchester war nicht nur die erste moderne Industriemetropole des Planeten, es war auch die Geburtsstätte der Eisenbahn, von Rolls Royce und der britischen Luftfahrtindustrie und hier stand der erste kommerziell verwertete programmierbare Computer der Welt. Die Stadt hat Technik- und Technologiegeschichte geschrieben wie kaum eine andere. Weswegen sie auch ein außergewöhnliches Technologie-Museum hat, mit Ausstellungsstücken, die, wie Stevensons erste Lokomotive, wahrhaft einmalig sind. Außerdem leistet sich die Stadt das URBIS-Museum, das erste Museum, das sich ausschließlich der modernen Stadt widmet. Und das von Libeskind gestaltete Imperial War Museum – um nur einige der Museen zu nennen.

Urnis Center ManchesterMenuchester, Madchester, Popchester – die britische Presse hat der Stadt einige Spitznamen verliehen, die meisten davon ironische, wohlmeinende und anerkennende Chharakterisierungen dessen, was Manchester ausmacht. Treffend ist allerdings auch der weniger ehrenvolle Beiname Gunchester.

Gunchester steht für die düstere Seite der Stadt. Teile von Manchester wie das zu trauriger Berühmtheit gelangte Moss Side sind Gangland, in dem rivalisierende Gangs ihre Konflikte mit der Waffe austragen. Bewaffnete Gangs kontrollieren das Drogengeschäft, die Prostitution, das Glücksspiel und einige der Clubs und Nachtattraktionen der Stadt. Ihre Kriege, meistens geht's um Gebietsansprüche, um die Kontrolle lukrativer Turfs, sind blutig, und immer wieder geraten Unschuldige in die Schusslinie. Seit den vergangenen beiden Jahren regt sich in den betroffenen Gebieten Widerstand gegen die Gangkultur. Verschiedene Initiativen von Müttern und Angehörigen der Opfer, Familien von Gangstern, Kirchen und Gemeindevertretern, unterstützt von ausgestiegenen Gangstern und den Behörden, arbeiten auf einen dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Banden und auf eine weitgehende Entwaffnung in Verbindung mit einer Amnestie hin.

Manchester kommt übrigens von Mamuciam. Das ist Latein, bedeutet frei übersetzt 'Hügel in Form einer (weiblichen) Brust' und weist darauf hin, dass die Stadt einst von den Römern gegründet worden ist. Am Anfang war vor rund 2000 Jahren ein hölzernes römisches Fort, am Ende steht heute eine kleine Weltstadt, die sich gerade zu neuer Blüte entfaltet.

© MuzikQuest 2005/ Edgar Klüsener