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Kalan
Müzik Istanbul – Die Wieder-Entdeckung Anatoliens Ursprünglich war Hasan Saltik einfach nur auf Protest aus gewesen, auf Widerstand mit allen klingenden und singenden Mitteln. In den Achtzigern war das. In der Türkei war da gerade mal wieder das Militär an der Macht, bestrebt, das säkular-nationalistische Erbe Kemal Atatürks gegen die erstarkende islamistische Reformbewegung zu verteidigen. So zumindest damals die Lesart der Generäle. Dass die Junta bei der Gelegenheit auch gleich noch beinahe ungehemmt gegen rebellische Kurden, linke Intellektuelle, aufbegehrende Arbeiter und unbotmäßige Künstler vorgehen konnte, war ein zwar nicht explizit geplanter, aber den Generälen durchaus willkommener Nebenaspekt der Diktatur. Hasan Saltik war einer der
Unbotmäßigen. Er leistete Widerstand auf seine Art: Er
veröffentlichte linke Protestmusik. Zunächst ausschließlich türkische,
dann auch kurdische und armenische. Die Veröffentlichungen seines
Istanbuler Underground-Labels waren schon bald nicht nur landesweit
quer durch alle Bevölkerungsschichten gefragte Äußerungen des
musikalischen Widerstandes, sie begründeten auch eine Firma, die
mittlerweile weltweit Kultstatus hat. Dass es überhaupt so weit kommen
konnte, verdankt Hasan Saltik einer besonderen türkischen Eigenart, die
die letzte Militärdiktatur am Bosporus ein wenig von Juntas in
anderen Weltgegenden unterschieden hat: das Bestreben der Generäle, den
rechtsstaatlichen Schein zu wahren. Das türkische Militär versteht sich
seit ihrer Gründung als Behüter der türkischen Republik und als
Verteidiger der durch Kemal Atatürk definierten
Grundwerte der modernen
Türkei – zu denen eben auch die Rechtsstaatlichkeit gehört. Das
unliebsame Label einfach dicht zu machen, ging demnach nicht, vielmehr
mussten die Behörden jede einzelne Veröffentlichung in einem
ordentlichen Verfahren gerichtlich verbieten lassen. Da die
Justizbürokratie in der Türkei auch nicht schneller arbeitet als in
unseren Breiten, entwickelte sich ein munteres Katz-und-Mausspiel, an
dessen Ende zumeist beide Parteien gewonnen hatten. Hasan Saltik erinnert sich beinahe wehmütig zurück an diese Tage: „Wir waren immer sehr schnell. Die Zeitspanne, die die Behörden benötigten, um eine Platte zu verbieten, reichte in den meisten Fällen, die komplette Auflage zu verkaufen, bevor die Verfügung bei uns ankam. Die Leute wussten von der bevorstehenden Veröffentlichung, warteten oft schon seit Wochen gespannt darauf, und wenn sie dann kam, stürmten sie die Läden.“ Resultat: Auflage verkauft, Hasan zufrieden. Platte rechtskräftig verboten und Weitervertrieb unterbunden, Militär zufrieden. Ärgerlich war das Katz- und Mausspiel natürlich trotzdem für Saltik, der in manchen Monaten mehr Tage vor Gericht als in seinem Büro verbringen musste. Als das Militär in die Kasernen
zurück kehrte und die Türkei sich erneut zu einer Demokratie wandeln
ließ, gründete Saltik 1991 als Nachfolgerin des Underground-Labels die
Plattenfirma Kalan Müzik und erweiterte seine Produktpalette. Schon zu
Zeiten der Militärregierung hatte er neben linker türkischer
Protestmusik auch Platten in kurdischer
Sprache herausgebracht – ein
klarer Verstoß gegen das Jahrzehnte lang gesetzlich
verankerte Grundprinzip des türkischen Nationalstaates, das die
Existenz von nicht-türkischen Minderheiten in Anatolien schlicht
leugnete, und deshalb auch deren Sprachen und Kulturen nicht
anerkannte. Minderheiten, die sich erdreisteten auf ihrer eigenen
Sprache und Kultur zu bestehen, wurden im besten Falle ignoriert, in
gravierenderen Fällen wie dem der Kurden auch mit allen Mitteln
verfolgt. Nach dem Ende der Militärdiktatur konzentrierte sich Hasan Saltik zunehmend auf die Musik der anatolischen Minderheiten – und fand sich damit prompt erneut in Opposition zum mittlerweile wieder demokratischen türkischen Staat, der nur sehr zögerlich bereit war – und immer noch ist – seine ethnischen Minderheiten als eben solche zu akzeptieren. Auf der Suche nach den fast schon verlorenen musikalischen und kulturellen Schätzen Anatoliens leisten Saltik und seine Mitarbeiter seitdem Erstaunliches. Anatolien war die Heimat einiger der ältesten menschlichen Zivilisationen, war über die Jahrtausende hinweg immer auch Durchgangsland und Schmelztigel. Die Hethiter haben da geherrscht, Assyrer, Griechen, Römer, Byzantiner und schließlich die Osmanen und deren moderne Nachfolger. Jahrtausende lang war Anatolien Heimat vieler verschiedener, einzigartiger und faszinierender Völker und Kulturen gewesen, wer da heute gräbt, wird an beinahe jeder Ecke fündig. Zumindest, wenn er Archäologe ist. Wer wie Hasan Saltik weniger an Scherben und Ruinen als vielmehr an lebendiger Überlieferung interessiert ist, muss dagegen schon mühselig kreuz und quer durch das heutige Anatolien ziehen und in die hintersten Bergdörfer einfallen. Kulturelle Archäologie könnte man das nennen, und in der Tat beobachten Universitäten in mehreren europäischen Ländern und in der Türkei sehr gespannt, was das Kalan-Label da so alles zu Tage fördert. Und fündig wird es immer wieder, obwohl es den Minderheiten in der Türkei über Jahrzehnte hinweg nicht nur verboten war, ihre Sprache zu sprechen, sondern auch Aufzeichnungen ihrer eigenen Sprache oder Musik zu besitzen. Die Fundstücke werden
aufwendig
verpackt und dann auf einen Markt geschickt, der längst weltumspannend
ist. Zu CDs wie dem Doppelalbum „Süryaniler“ liefert Kalan bis zu
hundertfünfzig Seiten umfassende Büchlein mit. „Süryaniler“ ist eine
Sammlung von religiösen und folkloristischen Liedern der Syrianer, die
auch heute noch in der an Irak und Syrien angrenzenden Bergregion der
Türkei leben und dort immer wieder unter der Verfolgung durch ihre
kurdischen Nachbarn leiden müssen. In mehreren Sprachen informiert das
Booklet über die Geschichte der Syrianer oder Syrischen Christen - die
Syrische ist eine der ältesten christlichen Kirchen -, ihre Kultur und
ihre Lieder. Akribisch analysiert der Text Einflüsse in die Musik und
geht dabei weit zurück in die Zeit. Die Texte werden nicht nur im
assyrischen Original wiedergegeben, sondern auch in mehrere Sprachen
übersetzt.Akribisch und mit durchaus wissenschaftlicher Sorgfalt baut das Kalan-Label sein musikhistorisches Archiv weiter und weiter aus. Manches Liedgut schien schon unrettbar verloren, wie die Musik der Ladinos, der sephardischen Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben worden waren und im Osmanischen Reich eine neue Heimat gefunden hatten. Ihre Sprache ist ein seltsam antiquiert klingendes Spanisch, wie es um die Zeit von Cervantes auf der iberischen Halbinsel gesprochen wurde, ihre Musik eine an- und aufrührende Melange aus klassischer iberischer Folklore, arabischen, türkischen und griechischen Elementen und einer Traurigkeit, die an den Fado Portugals erinnert. Auch „Yahudice“, das Ladino-Album, kommt mit dem Kalan-typischen sorgsam zusammengestellten Begleitbuch. Mittlerweile wandelt sich das politische Klima in der Türkei. Das Land nimmt Abschied vom rigorosen Nationalismus der Vergangenheit und wendet sich mit neu erwachtem Interesse der lange unterdrückten Vielfalt innerhalb der eigenen Grenzen zu. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Kalan Müzik. Saltik: „In den letzten Jahren unterstützen uns nicht nur die türkischen Massenmedien, auch Politiker und Angehörige der etablierten Gesellschaft orientieren sich neu und entdecken Anatoliens Geschichte und seine Kulturen wieder.“ In dem Maße, in dem die türkische Gesellschaft sich öffnete, wandelte sich auch der Anspruch der Plattenfirma an sich selbst. Aus der linken Untergrundklitsche wurde das etablierte Kalan-Label, das mit schöner Regelmäßigkeit musikhistorische Kleinodien ausbuddelt und zum Bewahrer der anatolischen Kulturen geworden ist. Dass diese sich nun selbst wieder entdecken, erfüllt Saltik mit besonderer Freude. „Die ethnischen Kulturen Anatoliens mögen lange Zeit unterdrückt gewesen oder gar vom Aussterben bedroht gewesen sein, doch nun sind sie wieder sehr lebendig. Es sind vor allem junge Menschen, die neugierig auf die eigenen Wurzeln geworden sind und von sich aus die eigene Geschichte und Kultur weiter erforschen.“ So wie Kardes
Türküler, eine Gruppe
hoch begabter junger Musiker, die die verschiedenen Volksmusiken
Anatoliens neu entdeckt und auf ihre Weise arrangiert und
interpretiert. Kardes Türküler kommt es vornehmlich darauf an, die
Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, zu zeigen, dass die verschiedenen
Kulturen sehr viel mehr miteinander verbindet als nur der gemeinsame
Lebensraum. Eher nebenbei ist die Gruppe dabei zu einem der großen
Kassenmagneten Kalans geworden. Auch im Ausland. Wie überhaupt die
Produktionen aus dem Hause Kalan längst zu grenzüberschreitende
Beachtung finden. Was Saltik zwar freut, ihn aber auch gelegentlich
verärgert. Insbesondere immer dann, wenn seine Produktionen von
westlichen Kritikern oder Händlern der Sparte 'World Music'
zugeschlagen werden. Der Terminus sei Ausdruck herablassender
angelsächsischer Arroganz, schimpft er dann, und bezeuge einen latenten
Rassismus, der die anglo-amerikanische Popkultur gegen den Rest der
Welt stelle und geflissentlich ignoriere, dass der Rest der Welt schon
Kultur gehabt habe, als in Nordeuropa noch die Erdhöhle als Eigenheim
diente.Dabei hat er gegen anglo-amerikanische Populärmusik gar nichts einzuwenden und outet sich bei Gelegenheit gern als waschechter Rockfan, der seit frühester Jugend auf Led Zeppelin und Pink Floyd steht. Dass Kalan Müzik trotzdem keine anatolischen Rockgruppen im aktuellen Programm hat, hat daher auch weniger mit seinen musikalischen Vorlieben als vielmehr mit seiner Einschätzung zeitgemäßer türkischer Rockmusik zu tun: „Ich habe einige Male versucht, türkische Rockgruppen zu fördern. Doch türkische Musiker sind einfach noch nicht so weit. Die überwiegende Mehrheit kopiert einfach blind englische oder amerikanische Gruppen, es fehlt die Eigenständigkeit.“ Den Mangel an Rockmusik im Label-Repertoire macht Kalan allerdings in nahezu allen anderen Sparten mehr als wett. Die Firma hat sich in den letzten Jahren enorm in die Breite entwickelt und veröffentlicht auch Jazz, Musik vom Balkan, nahöstliche und europäische Klassik und südamerikanische Musik. Hasan Saltik kann stolz sein auf das Erreichte, zufrieden ist er jedoch längst noch nicht damit. „Die kulturelle und geschichtliche Vielfalt und Bedeutung Anatoliens ist immens, aber in Europa und Amerika kaum bekannt. Wir wollen dem Rest der Welt ein wenig davon vermitteln, was Anatolien und den Mittleren Osten kulturell ausmacht.“ Das klingt, als sei von Kalan noch viel zu erwarten. © 2004 MuzikQuest / Edgar Klüsener Erstveröffentlichung
am 12. April 2004 in SPIEGEL online
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