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Maor Appelbaum ist der Sänger, Hauptkomponist und Bassist einer Rockband. Die Band heißt Sleepless, und sie ist aus Israel. Das erkläre einiges, meint Maor Appelbaum, vor allem die Intensität und Aggressivität von Sleepless. Denn Israel sei ein schnelles Land, ein Land, in dem musikalische Stile und Trends sich in rasantem Tempo verändern. Ein Land unter Druck, in dem keine Zeit sei für Beschaulichkeit und und für Langeweile. In dem Interview mit einem amerikanischen Fanzine führt er weiter aus: „Leben in Israel ist ein Leben im Hier und Jetzt, wir können nichts auf morgen verschieben. Dieses Land ist großartig für aggressive Musik, weil es unter ständigem Druck ist, umgeben von Feinden. Und manchmal sind wir selbst unsere größten Feinde.“
Rockmusik ist seit den späten
Sechzigern die dominante Musikform Israels. International
erfolgreicher mag schräger Pop á la Dana
International
sein, oder auch israelischer Goa Trance, aber Rock, und seit kurzem
HipHop, sind die Musikformen, die den israelischen Alltag
prägen.
Was überrascht und die zionistischen Väter des
Staates
wahrscheinlich in ihren Gräbern rotieren lässt. Denn
die
hatten eine andere Musikkultur im Sinne gehabt, eine, die nicht an
englischen und amerikanischen Klängen ausgerichtet, sondern
ganz
eindeutig und unverkennbar jüdisch, zionistisch, israelisch
sein
sollte. Das Problem, dass die Gründungsväter hatten,
war
ein Identitätsproblem. Die Bevölkerung des
künftigen
Staates Israel war schon vor der Staatsgründung extrem
heterogen. Die Sephardim, europäische Juden, hatten mit den
Ashkenazim, den 'orientalischen' Juden, die aus dem Iran, aus
Marokko, Tunesien und anderen Gegenden des Nahen und Mittleren Ostens
nach Palästina strömten, nur wenige historische,
kulturelle
und sprachliche Gemeinsamkeiten. Eine umfassende kulturelle,
nationale und politische Identität musste
buchstäblich
erfunden werden.
Die Zionisten versuchten genau das. Sie
propagierten Hebräisch als die offizielle Landessprache, und
sie
machten sich daran, eine Folklore-Tradition zu begründen, die
unter dem Namen „Lieder des Landes Israel“ (Shirey
Eretz Yisrael)
bekannt werden sollte. Das Ziel war es, die Fragmente
unterschiedlichster Kulturen durch eine israelische Kultur zu
ersetzen, die durch eine gemeinsame Sprache, Literatur und Volksmusik
definiert werden konnte. Seinen Höhepunkt erlebte dieses
Unterfangen in den Dreißigern und Vierzigern des vorigen
Jahrhunderts, den entscheidenden beiden Jahrzehnten vor der
Staatsgründung. Die Ideologie der 'Nation im Werden' schuf den
Mythos einer Pionier-Jugend, die das Land der Vorväter
zurückforderte. Viele der Lieder beschrieben daher in
romantischer Verklärung die neuen, geheimnisvollen und
mythischen Landschaften, in denen die Neueinwanderer nun lebten.
Hand in Hand mit der Schaffung einer neuen, israelischen Identität ging die bewusste Ablehnung westlicher Kultur als fremdartig und potenziell feindlich. Als dann in den späten Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts der Rock'n'Roll aus Amerika nach Israel überschwappte, standen die Zionisten vor einem erheblichen Problem. Rock'n'Roll war westlich, amerikanisch, global und extrem populär auch unter Israels Jugend – das genaue Gegenteil also von der eingeborenen Kultur, der israelischen Identität, die die Gründungsväter zu etablieren hofften. Das Dilemma wurde gelöst, indem Rock'n'Roll schlicht eingemeindet wurde. Rock mit hebräischen Texten musste es sein, mit Inhalten, die Bezug hatten zur israelischen, jüdischen, zionistischen Realität des Landes. Der Ansatz ist auch von anderen Ländern her bekannt, die um ihre kulturelle Identität bangten. Frankreich kämpft noch immer gegen die Windmühlen anglo-amerikanischen Popimperialismus und quotiert seine Radioprogramme entsprechend. In Israel war die Sache auch deshalb brisant, weil die ersten, die zum Rock'n'Roll konvertierten, Kids vom Rande der Gesellschaft waren, Jugendliche aus den Siedlungen und Vorstädten der Mizrahim, die sich in der von den europäischen Juden dominierten Gesellschaft zurückgesetzt fühlten. Aus ihrer Mitte kamen Bands wie Ha-shmeni ve-haraz-im oder The Goldfingers, zu deren Konzerten beachtlichen Zuschauermengen, oft zwei- oder dreitausend Fans, strömten. Diese Beatgruppen folgten weitgehend den englischen und amerikanischen Vorbildern und sangen auch in englischer Sprache. Die Etablierung von Randkulturen im neuen Staate Israel war genau das, was die zionistischen Gründungsväter möglichst vermeiden wollten. Die Folge war eine ausgedehnte Kampagne gegen die als vulgär und zwielichtig bezeichneten Elemente, deren Bindung zum nationalen Kollektiv in Frage gestellt wurde.
Israelischer Neonazi-Rock
Anders sah die Sache ein wenig später aus, als israelische Musiker begannen, Rockmusik mit hebräischen Texten zu schreiben. Musiker wie Arik Einstein, Smulik Kraus, Shalom Hanoch oder die Band Kaveret israelisierten Rock in den Siebzigern und verankerten ihn im Mainstream des israelischen Musiklebens, aus dem er seitdem nicht mehr wegzudenken ist. Aber auch heute noch existieren verschiedene Rockkulturen mehr zwie- als einträchtig nebeneinander. Vor allem die russischen Einwanderer haben sich eine ganz eigene Rockkultur geschaffen, die eher an russischen Heavy Metal-Bands orientiert ist und sich deutlich vom Mainstream abgrenzt. Russische Einwanderer sind es auch, die Israel das nur vordergründige Paradoxon einer antisemitischen Neonazi-Rockszene beschert haben, ein Phänomen, das mittlerweile auch die Knesset (das israelische Parlament) beschäftigt hat. Seit 1975 hat Israel weit über eine Million Einwanderer aus den Staaten der früheren Sowjetunion aufgenommen, die meisten davon Juden. Doch unter ihnen eben auch 200 – 300.000 ökonomische Migranten, so die Schätzungen des Innenministeriums, die sich lediglich als Juden ausgegeben haben, und von denen einen Minderheit, obwohl Bürger Israels, antisemitisches Gedankengut offen äußert. Die musikalischen Vorbilder für die israeli-russischen Neonazis sind vor allem russische Rechtsaußen-Bands wie die dem neofaschistischen Politiker Schirinowski nahe stehenden Metal Korrosija, aber auch britische Blood & Honor-Kapellen wie Skrewdriver und neuerdings deutsche Nazikapellen.
Auf dem Weg zur Nahost-Normalität - Orphaned Land
„I
srael ist ein Land der
Extreme“,
sagt Kobi Farhi. Kobi ist Sänger einer Band namens Orphaned
Land. Orphaned Land ist eine sehr bekannte Rockgruppe in Israel und
allmählich auch in Europa, vor allem in Deutschland.
„Israel
ist ein Schmelztopf der Kulturen. Diese unterschiedlichsten Kulturen,
die den Staat Israel bilden, hatten in der Vergangenheit oft kaum
etwas gemein. Keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Kultur. Eine
echte multikulturelle Gesellschaft, so extrem wie vielleicht
nirgendwo sonst in der Welt. Diese Vielseitigkeit ist spannend und
kann sehr fruchtbar sein, wenn man sich ihr öffnet.“
Seine Band versucht diese Öffnung, will bewusst raus aus den Randgruppen-Nischen ebenso wie aus der Mainstream-Zwangsjacke. Sie bezieht nahöstliche Elemente in ihre Musik ein, singt in Arabisch, Hebräisch, Latein oder Englisch, mischt griechische Musik mit europäischem Heavy Metal, arabischen Melodien oder westlicher Klassik. Orphaned Land ist musikalisch ziemlich einzigartig. Außerdem überschreitet die Gruppe Grenzen, die gerade in diesen Tagen eigentlich unüberwindbar scheinen. Und das gelingt zu einem erstaunlichen Grad. Orphaned Land dürfte die einzige israelische Rockband sein, die auch eine breite Fanbasis in den arabischen Ländern hat. Zu einem Konzert, das die Band in der Türkei gab und das für das israelische Fernsehen dokumentiert wurde, kamen nicht nur Fans aus der Türkei selbst, sondern auch aus den arabischen Ländern, vor allem aus Syrien.
Überraschend? Nicht wirklich,
findet Kobi. Denn Orphaned Land sei mehr als nur eine israelische
Rockband. Orphaned Land, erläutert er,
„...reflektiert eine
übergeordnete kulturelle Identität, eine
Nahost-Identität,
in der sich arabische Jugendliche ebenso wiedererkennen wie junge
Israelis. Der Nahe Osten ist, seit jeher ein gewaltiger Schmelztigel
und Israel das Heilige Land für die drei großen
monotheistischen Weltreligionen. Die Band selbst zeigt den
Facettenreichtum Israels, der Region. Unsere Musiker stammen aus dem
Irak, aus dem Jemen, aus Kenya...“.
Orphaned Land propagiert eine übergreifende moderne Nahost-Rock-Kultur, die Israels mühsam entstandenen kulturellen Identitäten ebenso reflektiert wie die der arabischen Nachbarn von Syrien bis Ägypten. Augenfällig wurde der besondere Stellenwert der Band im Nahen Osten während der jüngsten Auseinandersetzung zwischen Hisbollah und Israel, als sich aus den bombardierten Städten Libanons junge Orphaned Land-Fans im Bandforum meldeten und sich mit israelischen, türkischen und westlichen Besuchern über den Wahnsinn dieses Konflikts austauschten.
Inzwischen ist die Band Vorreiter geworden in einer vorerst noch zaghaften inner-israelischen Debatte um den eigenen Standort in einer Region, die endgültig auch zur kulturellen Heimat wird.