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Irak: Verlieren Amerika und Großbritannien nach dem Frieden nun auch noch den Krieg? Dieses Interview mit dem britischen Nahostexperten Dr. Edmund Herzig wurde kurz nach dem Einmarsch amerikanischer und britischer Truppen in den Irak geführt. Es ging vor allem um die Frage, wie realistisch die amerikanischen und britischen Vorstellungen sind, im Irak einen demokratischen Einheitsstaat nach westlichem Muster aufzubauen und welche Schwierigkeiten zu erwarten wären, sollte der Versuch in die Tat umgesetzt werden. Im zweiten Teil des Interviews geht es um die künftige Politik der USA und ihrer Verbündeten gegenüber dem Iran. Die Skepsis von Dr. Herzig hat sich als
berechtigt heraus gestellt, Im Irak zeichnet sich immer deutlicher ab,
dass sich dieser Krieg - und die mit ihm verbundene totale
Fehleinschätzung der Lage im Nahen Osten - zum größten militärischen
Desaster der USA seit Vietnam entwickelt. Außerdem trägt er zu einer
gefährlichen Polarisierung der islamischen Welt gegenüber dem Westen
bei – eine Entwicklung deren Gefährlicheit gar nicht genug überschätzt
werden kann.In den Kernpunkten sind die im Interview angesprochenen Themen immer noch hoch aktuell, deshalb haben wir uns dazu entschlossen, es nicht einfach nur im Archive abzulegen, sondern es erneut im Hauptteil online zu stellen. Dr. Edmund Herzig ist Dozent im Middle Eastern Department der University Of Manchester, international anerkannter Iran-Experte und Historiker mit dem Schwerpunkt 'Geschichte des modernen Mittleren Ostens'. Das Interview wurde Ende März, Anfang April 2004 geführt. MQ: Warum hat die irakische Bevölkerung ihre Befreier bislang nicht mit offenen Armen empfangen? Dr. Herzig: Es ist nicht klar, in welchem Maße Furcht, die andauernde Bedrohung durch irakische Regimevertreter oder Kampftruppen und Misstrauen gegenüber den Invasions-Streitkräften die Reaktionen der Bevölkerung bestimmen. Um die Menschen herum tobt ein Krieg mit all seinen Schrecken, von dem die alliierten Soldaten ein Teil sind. Kein Wunder, dass sie nicht freudestrahlend begrüßt werden. Wie die Stimmung tatsächlich ist, wird sich erst zeigen, wenn größere Städte und Landstriche dauerhaft erobert und beruhigt sind. MQ: Hält nur die Angst vor dem immer
noch langen Arm des Regimes das Volk vom Jubelempfang für Amerikaner
und Briten ab?Dr. Herzig: Natürlich ist Saddams Regime in der Bevölkerung verhasst und gefürchtet. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bevölkerung fremde Armeen in ihrem Land sehen will, auch dann nicht, wenn diese sich selbst als Befreiungsarmee deklarieren. MQ: Also gibt es so etwas wie irakischen Patriotismus jenseits von Saddam und trotz der ethnischen und religiösen Zersplitterung des Landes? Dr. Herzig: Ich bin überzeugt, dass selbst die Bevölkerung künstlich geschaffener Staaten wie dem Irak mit der Zeit patriotische Gefühle entwickelt. Der Irak hat, wie jeder andere moderne Staat, die Entstehung eines irakischen Patriotismus gezielt gefördert, im Schulunterricht wie durch Einsatz der modernen Massenmedien. So zerrissen der Irak intern auch ist, nach außen hin definieren sich Iraker zunächst als Iraker. Das wurde schon während des Krieges mit dem Iran sehr deutlich. Die irakischen Schiiten waren damals nicht etwa mit fliegenden Fahnen zu ihren iranischen Glaubensbrüdern übergelaufen, sondern hatten diese – auch ohne Druck aus Bagdad – erbittert gekämpft. Im aktuellen Krieg sind die Invasoren nicht einmal Glaubensbrüder oder ethnische Verwandte, sondern Fremde, so dass der irakische Patriotismus noch wesentlich stärker sein dürfte. MQ: Amerikanische Überlegungen zielen zur Zeit darauf ab, im Irak zunächst ein Militärregime als Übergangslösung zu etablieren. Wie würde ein solches Besatzungsregime ihrer Meinung nach von der Bevölkerung aufgenommen? Dr. Herzig: Sollte der Krieg sich über
einen längeren Zeitraum hingezogen und die Amerikaner und die Briten
tausende von irakischen Zivilisten abgeschlachtet haben, dürfte es
extrem schwierig werden, ein Militärregime oder jede andere Art von
Besatzungs-Verwaltung zu etablieren. Ausländische Truppen würden dann
mit Sicherheit nicht als friedens- und ordnunsschaffende Kräfte
angesehen, sondern als feindliche Besatzer. Aber selbst im günstigsten
Fall ist meiner Meinung nach jeder Versuch zum Scheitern verurteilt,
der darauf abzielt, eine längerfristige Militär- oder
zivile Fremdregierung zu etablieren. Weder würden die
Iraker selbst sie tolerieren, noch auf Dauer die Internationale
Gemeinschaft. Und selbst die Supermacht USA kann die Internationale
Gemeinschaft nicht auf ewig ignorieren. MQ: Der Aufbau einer zivilen irakischen Regierung müsste demnach absolute Priorität haben? Dr. Herzig: Soweit ich es beurteilen kann, sind sich die USA dieser Gefahr bewusst. Ihre Strategie wird es daher wahrscheinlich sein, in den bereits eroberten und befriedeten Gebieten Verwaltungsstrukturen zu schaffen, die zwar vom Militär kontrolliert werden, aber lokale zivile Beteiligung garantieren, so dass in diesen Teilen des Irak bereits eine Regierung entsteht, während anderswo noch gekämpft wird. Nach dem Fall und der endgültigen Befriedung Bagdads soll dann zwar wohl anfangs ein Militär-Gouverneur die Macht übernehmen, doch soll der schnellstmöglich von einer zivilen irakischen Regierung abgelöst werden. MQ: Zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sind etliche Rechnungen offen, die Kurden streben zudem nach einem eigenen Staat. Droht ein Auseinanderfallen des Irak und ein Bürgerkrieg? Dr. Herzig: Da gibt es auf jeden Fall ein Problem. Die anderen Staaten der Region sind sich dessen sehr wohl bewusst – und zutiefst beunruhigt. Deshalb waren auch alle Nachbarstaaten gegen den Krieg. Niemand liebt Saddam Hussein, aber seine Herrschaft über Irak hat in der Region zumindest ein Maß an Stabilität und Berechenbarkeit garantiert. Irak unter Saddam war eine bekannte Größe. Die Vorstellung hingegen, der Irak könne nach Kriegsende auseinanderfallen löst blankes Entsetzen aus. Eine Nachkriegsregierung in Bagdad, die nicht stark genug ist, den verschiedenen ethnischen Gruppen ihren Willen nachhaltig aufzudrücken oder die, schlimmer noch, von diesen Gruppen nicht als legitime Regierung anerkannt wird, wird sich kaum halten und noch weniger den Zerfall des Landes verhindern können. Wie besorgt die Nachbarstaaten sind, haben bisher am deutlichsten die Türken zum Ausdruck gebracht. Ankara fürchtet vor allem einen unabhängigen Kurdenstaat. MQ: Eine Regierung der starken Hand
wäre aber wohl kaum eine Demokratie nach westlichem Zuschnitt?Dr. Herzig: Ich bin kein Experte in Sachen Staatengründung. Außerdem ist die Lage derzeit noch viel zu verworren und die Pläne der anglo-amerikanischen Koalition sind noch zu unklar, um wirklich eindeutige Aussagen zur künftigen Staatsform machen zu können. Sicher ist aber, dass ein Konzept, das eine zentralistische Staatsform vorsieht, eine Art Präsidial-Demokratie, in der alle Iraker einen Präsidenten mit erheblichen Machtbefugnissen wählen, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein dürfte. Wenn die territoriale Integrität des Landes erhalten bleiben soll, ist noch am ehesten ein – wie auch immer geartetes – föderales System denkbar, in dem die Regionen ein gewisses Maß an Eigenständigkeit haben und in dem Bagdad nur genau definierte Zuständigkeiten behält. Das scheint die machbarste Lösung zu sein. MQ: Nehmen wir an, der Irak entwickelt sich wirklich zu einem demokratischen Musterstaat. Würde die reine Existenz des demokratischen Vorbildes Irak dann zwangsläufig auch tiefgreifende Demokratisierungsprozesse in den Nachbarländern auslösen? Dr. Herzig: Selbst wenn Irak liberaler, am Ende vielleicht sogar eine echte Demokratie mit freien Wahlen werden sollte, sähe ich keinen Grund, warum das so radikale Auswirkungen auf die umliegenden Staaten haben sollte. Zumal in einigen Staaten des Mittleren Ostens schon seit längerem eine zunehmende Entwicklung hin zu Liberalisierung und Demokratisierung zu beobachten ist. Ich glaube daher nicht, dass es viele Experten und Analytiker gibt, die die Aktionen der Amerikaner und Briten im Irak als entscheidenden Beitrag zur Demokratisierung der Region sehen. MQ: Bleibt immer noch die Möglichkeit
der gewaltsamen Demokratisierung. US- Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld hat Staaten wie Syrien und Iran bereits vorgewarnt, und auch
Saudi Arabien soll auf der Liste sein.. Wie besorgt sind die
Regierungen dieser Länder?Dr. Herzig: Im Moment beobachten sie alle sehr aufmerksam die Geschehnisse im Irak. Vom Verlauf des Krieges wird es ganz entscheidend abhängen, wie groß der Grund zur Sorge wirklich sein wird. Entscheidend wird sein, wie sehr der Krieg im Sinne der Falken in der US-Regierung läuft und wie er am Ende von der amerikanischen Öffentlichkeit empfunden wird. Bestätigt der Kriegsverlauf die Konzepte der Falken, dann müssen sich die Nachbarstaaten ernsthafte Sorgen machen. Aber im Moment kann ich noch keine Anzeichen von Panik ausmachen. MQ: Der Iran wurde bereits von Präsident Bush der Achse des Bösen zugeordnet. Donald Rumsfeld hat in den letzten Tagen Iran mehrfach attackiert. Trotzdem keine Panik in Teheran? Dr. Herzig: Iran unternimmt derzeit Anstrengungen zu beweisen, dass vom Land keine Bedrohung ausgeht. So erhalten zum Beispiel UNO-Spezialisten und westliche Medien weitgehend unbehinderten Zugang zu nuklearen Einrichtungen. Aber die überraschende Ruhe in Teheran könnte noch mehrere andere Gründe haben. Die Iraner könnten, was ich nicht glaube, die Ernsthaftigkeit der Bedrohung schlicht unterschätzen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie berechtigte Gründe für die Annahme haben, dass die US-Regierung den Worten keine Taten folgen lässt. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die beiden Parteien hinter den Kulissen miteinander reden. Wir wissen, dass es verschiedene Kontakte zwischen den Regierungen auf operativer Ebene – militärischer und politischer - gibt. Es hat Absprachen zwischen beiden vor dem Beginn des Afghanistan-Krieges gegeben; Iran und die USA waren an den Tadjikistan-Friedensverhandlungen beteiligt, die den dortigen Bürgerkrieg beendet hatten und beide gehörten viele Jahre lang zur „Sechs plus Zwei“- Gruppe der Nachbarstaaten Afghanistans. Der Gesprächsfaden zwischen Amerika und dem Iran ist nie abgebrochen. Und ich denke, dass zwischen den beiden Regierungen auf den existierenden Kommunikations-Kanälen im Moment auch über die Zeit nach dem Krieg geredet wird. Letzteres ist natürlich bis zu einem gewissen Grad Spekulation, aber meiner Überzeugung nach sehr wahrscheinlich. MQ: Die Koalition wird den Krieg gewinnen. Wird der Westen den Frieden verlieren? Dr. Herzig: Ich denke, es wird eine vorgefasste negative Meinung, die die Mehrheit der Menschen im Mittleren Osten vom Westen, vor allem von Amerika und den Briten hat, sehr bekräftigen. Die Briten sind den meisten Völkern des Mittleren Ostens noch sehr wohl als DIE Imperialistische Macht par excellence in Erinnerung, die über einen sehr langen Zeitraum hinweg große Teile des Mittleren Ostens beherrscht, manipuliert, ausgebeutet und kontrolliert hat. Regionale Regierungen, die traditionell westlich orientiert sind, aber keine oder nur eine schwache demokratische Legitimation und kaum Kontakt zur eigenen Bevölkerung haben, werden sich daher mit massiver Unzufriedenheit unter den eigenen Bürgern auseinander setzen müssen, die am Ende ihre Herrschaft gefährden könnte. In einigen Ländern, deren Regierungen bisher erklärt antiamerikanisch – Iran ist ein gutes Beispiel , aber ebenso wenig demokratisch legitimiert waren, war die Bevölkerung bisher sehr viel amerika-freundlicher. Aber je mehr Bilder aus dem Irak zivile Opfer zeigen, desto schwächer wird auch im Iran das pro-amerikanische Sentiment von Teilen der Bevölkerung. MQ: Dr. Herzig, vielen Dank für das Interview © 2003 by
MuzikQuest/Edgar Klüsener
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Reportagen Dr.
Edmund Herzig -. Interview
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