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Ihre
Kinder
Wie
Rockmusik deutsch lernte.
Das
erste Plakat sah ich in der Nähe der Autobahnauffahrt Hagen-West. Es
war mit Tapetenkleister an die Seitenwand der Straßenbahnhaltestelle
gepappt, an der jeden Morgen mein Schulweg begann. Ihre Kinder wurden
darauf angekündigt, im Jugendheim Hagen-Haspe. Eine deutsche Band
mit deutschen Texten. Ganz am Anfang der Siebziger war das. Zu der
Zeit war die deutsche Sprache in der Rockmusik noch sehr verpönt.
Wer als westdeutscher Rocker auf sich hielt, der radebrechte denglisch,
selbst wenn die eigene Kapelle nie aus dem Dunstkreis der Jugendheime
und Schützenfeste herauskam. In den späten Sechzigern und frühen
Siebzigern des Zwanzigsten Jahrhunderts selbstbewusst deutsch zu
rocken, war in etwa so normal wie Currywurst rot-weiß bei McDonalds.
Und
jetzt also Ihre Kinder in Hagen-Haspe, eine Band die ausnahmslos auf
deutsch sang, und das lange vor Lindenberg.
So wie zu der Zeit außer
ihnen in der alten BRD nur sehr wenige andere. In der DDR gab's da
schon die inzwischen legendäre Renft-Combo oder die eher angepassten
Puhdys, aber von denen wusste im Westen kaum jemand was. Für die BRD
fallen einem da
vielleicht Floh de Cologne ein, obwohl auch die erst ein wenig später
kamen, und
die Scherben. Von beiden unterschieden sich Ihre Kinder jedoch
erheblich. Denn die Band hatte so wenig mit dem plumpen Agitprop von
Floh de Cologne am Hut wie mit den holzschnittartigen Versen der
frühen Ton, Steine, Scherben. Stattdessen setzten die Nürnberger
auf poetische Texte, eine Art psychedelischer deutscher Beatlyrik,
konnten aber auch sehr eindeutig und präzise sein, wenn sie
politische Themen aufgriffen. Musikalisch deckten sie eine enorme
Bandbreite ab, das Spektrum reichte von akustischem Folk über satten
Blues und orientalisch angehauchten Psycho-Pop bis hin zu
hammerhartem Rock. Spätestens seit 1970 die Leser des Musikexpress,
damals noch das leicht vulgäre Münchener Konkurrenzblatt zur
Hamburger Popintelligenzija-Postille Sounds und erst später mit
dieser zwangsvereint, Ihre Kinder zur besten deutschen Bluesband
erkoren hatten, war die Band auch dem Obersekundaner aus dem Hagener
Malocher-Vorort ein Begriff. Obwohl der ansonsten eher auf Jimi
Hendrix und die Velvet Underground, auf Rolling Stones, The Doors
oder The Stooges stand. Angloamerikanisch war eben cool, deutsch
dagegen diskreditiert, die Sprache der weltflüchtigen
Musikantenstadl-Jodler und seicht-rosafarbener Schlagerromantik. Die
einst blühende deutsche Vorkriegs-Populärkultur war nach Hitlers
Machtergreifung versiecht, ausgewandert oder im KZ totgeschlagen
worden, überlebt hatte im Lande beinahe nur der Chor der Jasager,
Weichwascher und Volkstumssänger.
Ein
Kommunist im Kapitalistenpelz
Deutsch war aber nicht nur
vorbelastet, es schien nach 1945 auch extrem provinziell. Die neuen
Helden der Jugend kamen aus London, Liverpool, Los Angeles, San
Francisco, Seattle, Detroit oder New York. Aber doch nicht aus
Nürnberg. Ausgerechnet Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage.
Die lagen in den Sechzigern noch gar nicht allzu weit in der
Vergangenheit. Nürnberg
war aber auch die Stadt von Photo Porst. In den Sechzigern stand
Hannsheinz Porst an der Spitze des Familienunternehmens. Eine
schillernde Figur war der, ein Kommunist im Kapitalistenpelz, der
tat, was im Wirtschaftswunder-Nachkriegsdeutschland unerhört schien:
er schenkte die Firma den Mitarbeitern, machte aus dem marktführenden
Foto-Discounter eine Mitarbeitergesellschaft. Sowas ließ einen Porst
natürlich suspekt erscheinen, vor allem, wenn der zudem noch
unverhohlene Sympathien für die angeblich realen Paradiese der
Parteibonzen und Werktätigen von Ostberlin bis Moskau hegte.
Deswegen feierte
die bundesdeutsche Presse den
Hannsheinz Porst denn
auch gern, je nach Couleur, als Verrückten, als Spion, ideologischen
Brandstifter, Spinner oder als gefährlichen Vaterlandsverräter. Auf
jeden Fall aber als Gefahr fürs noch junge West-Vaterland.
Doch um
Hannheinz geht’s hier ja gar nicht, vielmehr um seinen Sohn Jonas.
Der nämlich spielte Impresario und steckte Vaters Knete in fast
ebenso subversive Unternehmungen, darunter ein Tonstudio, das zur
bedeutenden Kernzelle bundesdeutscher Rockkultur werden sollte, und
eben in Ihre Kinder. Das
erste Album der Band, finanziert und produziert von Jonas Porst,
aufgenommen im Stommelner Tonstudio von Dieter Dierks, wurde von
deutschen Plattenfirmen zunächst mal als viel zu unkommerziell
abgelehnt. Rockmusik, das war die vorherrschende Meinung in der
Tonträgerbranche, konnten Engländer und Amerikaner viel besser. Und
dann noch deutsche Texte? Wozu gab's schließlich englisch? Wer
wollte denn da noch deutsch hören, geschweige denn singen? Wo doch
nicht einmal die international erfolgreiche deutsche Krautavantgarde
von Amon Düül II bis hin zu Can auf die schwer vorbelastete
Muttersprache setzte und lieber angelsächselte.
Am
Ende bewies dann doch eine Plattenfirma Mut: Philips brachte das
Album heraus, allerdings so halbherzig, dass es beinahe sang- und
klanglos unterging. Immerhin, Hermann Zentgraf, der zuständige
A&R-Mann bei Philips brachte die Gruppe anschließend bei dem
Münchener Independent-Label Kuckuck unter und ebnete ihr damit den
weiteren Weg im Wirtschaftswunderland.
Die Heile Welt
zerbröselt
Kuckuck
ist schon fast wieder eine Geschichte für sich. Das allererste
deutsche Independent-Label war am 1. April 1968 vom Münchener
Musikverleger Eckart Rahn gegründet worden und sollte sich in den
folgenden Jahren zu einer der wichtigsten Adressen im deutschen
Musik-Untergrund entwickeln. Zum kleinen, aber exquisiten
Kuckuck-Repertoire gehörten Krautrock-Pioniere und Avantgardisten
wie Deuter oder Out Of Focus ebenso wie die Heavy Rocker Armaggeddon
und der österreichisch-kanadische Folksänger Jack Grunsky. Und eben
Ihre Kinder, deren weitere Geschichte mit der des Kuckuck-Labels eng
verbunden bleiben sollte. Der Wechsel von Philips zu Kuckuck war
eigentlich nur folgerichtig, denn alle Songs des ersten Albums waren
bereits von Rahns Musikverlag E.R.P. verlegt worden.
„Leere
Hände“ war der Titel des zweiten Albums, das 1970 erschien und
sehr eindrucksvoll zeigte, was es mit den Nürnbergern auf sich
hatte. Ihr Ziel war es, so Jonas Porst damals, die Leute in ihrer
eigenen Sprache anzusprechen, sie zum Zuhören zu animieren. Ihre
Kinder sangen von Dingen, von denen nicht jeder unbedingt hören
wollte, selbst zu einer Zeit noch nicht, in der die beklemmend heile
Welt der Fünfziger und frühen Sechziger schon längst allerorten in
Scherben zu fallen schien. „Südafrika Apartheid Express“ zum
Beispiel war eine bedrückende Auseinandersetzung mit dem
rassistischen Apartheidregime Jahre bevor die Unruhen von 1976 in der
Township Soweto die brutale südafrikanische Rassentrennung dann
weltweit in die Schlagzeilen brachte.
Das
nächste Album trug als Titel schlicht die Seriennummer, war in ein
Jeanscover verpackt und erzielt heute unter Sammlern Höchstpreise.
Es war zugleich das stärkste Album der aus heutiger Sicht
Bestbesetzung der Band. Bei Ihre Kinder herrschte ein ständiges
Kommen und Gehen. Nur Gitarrist, Sänger und Komponist Ernst Schultz,
der Schlagzeuger Muck Groh und der Sänger Sonny Hennig konnten als
Kernbesetzung gelten. Das Jeansalbum bescherte dem Kuckuck-Label
seinen ersten Hit und war zugleich das wütendste und bissigste Album
der Nürnberger. In Liedern wie dem bedrückenden Antikriegsstück
„Toter Soldat“, dem zornigen Hartrocker „Hexenhammer“ oder
der schwermütigen Ballade vom toten Junkie-Mädel „Weißer Schnee,
Schwarze Nacht“ fingen sie den westdeutschen Alltag Anfang der
Siebziger ein und schufen so eine Momentaufnahme einer bewegten Zeit,
die auch heute noch anrührt. Neben diesen Songs standen
psychedelische Klang- und Textexkursionen wie „Mantel im Wind“
und orientalisch angehauchte Kompositionen, für die vor allem Ernst
Schultz verantwortlich zeichnete.
Letzte Ausfahrt Werdohl
Das vierte Album sollte auch schon das letzte sein. „Werdohl“, benannt nach einer grauen Industriestadt in den idyllischen Tälern des Sauerlandes, ist das musikalisch reifste und best- produzierte Werk der Nürnberger, die in der Zwischenzeit auch mit Solowerken für einiges Aufsehen gesorgt hatten. Vor allem Sonny Hennigs Alleingang „Tränengas“ war es, der Schlagzeilen machte, weil die Bayerische Staatskanzlei und der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Strauß höchstpersönlich dessen Veröffentlichung mit juristischen Mitteln zu unterbinden suchten. Dem war sauer aufgestoßen, dass er auf der Collage, die als Plattenhülle diente, in Gesellschaft mit dem Papst und prügelnden Polizisten, mit Nixon, Pinochet und Stalin abgebildet war. Nach „Werdohl“ wurde es ruhig um Ihre Kinder. Aber ihr Vorbild hatte bereits Schule gemacht. Udo Lindenberg, der sich ausdrücklich auf die Nürnberger als Vorbilder beruft, war der erste, der Rock mit deutschen Texten endgültig etablierte, viele weitere sollten folgen. Woran Jonas Porst übrigens weiter fleißig mitwirkte. In seinem Tonstudio im fränkischen Hilpoltstein nahmen etliche spätere Deutschrock-Helden ihre ersten Platten auf, unter ihnen auch Nena (mit The Stripes) und Extrabreit. Kuckuck überlebte das Ende der Band nicht lange und stellte 1976 den Betrieb ein. Das erste deutsche Independent-Label fand allerdings eine Fortsetzung im amerikanischen Phoenix, wo Eckhart Rahn heute das Label Celestial Harmony betreibt, das zuletzt vor allem mit seiner Kollektion „The Music of Islam“ aufgefallen ist.
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