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MuzikQuest Reportagen




Der Charme der Langsamkeit
Mit der Fähre von Ancona nach Patras

Segeln in den SonnenuntergangSanft gleitet das Schiff durch pures Gold, so scheint es, mitten hinein in einen grandiosen Postkarten-Sonnenuntergang. Das adriatische Meer ist spiegelglatt, nur das Kielwasser schäumt ein wenig, bringt träge Unruhe auf. In der Ferne lassen sich vage links die Küstenlinie von Kroatien und rechts die von Italien erahnen. Wir sitzen auf einem der Ruhedecks, genießen eine sanfte Brise, die langsam die Hitze des italienischen Sommertages vergessen lässt. Nur wenige der Mitpassagiere hat es hinaus ins Freie gezogen, vielleicht zwei Dutzend verlieren sich hier. Trotzdem ist das Sprachengewirr babylonisch. Es wird deutsch gesprochen, italienisch, griechisch, englisch, polnisch und sogar persisch.

PostkartensonnenuntergangDr. Fallah sei der Name, so stellt sich einer der Mitreisenden vor, ein Mittvierziger mit freundlichem Lächeln und großen, neugierigen Augen, und Professor für Physik sei er an der Universität von Isfahan im Iran. Nach und nach gesellen sich weitere seiner Kollegen zu ihm. Geographen, Theologen, Erziehungswissenschaftler, Astronomen – die akademische Elite der Universität von Isfahan auf Europatournee. Um die zwanzig iranische Akademiker sind es, die mit dem Bus eine abenteuerliche Reise unternehmen, die wohl selbst dem legendären islamischen Weltreisenden Ibn Batuta Respekt abgenötigt hätte. Vom Iran aus sind sie mit dem Bus in die Türkei gefahren, dann weiter mit dem Schiff nach Ancona, von dort nach Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich und wieder Italien. In Spanien haben sie Cordoba besucht, die Hauptstadt des einst so mächtigen maurischen Kalifats. In Deutschland die Universität Freiburg, die mit Isfahan enge Verbindungen pflegt. Universitäten haben sie in allen Ländern besucht, neue akademische Verbindungen geknüpft und alte.mit neuem Leben erfüllt. Nur die Briten wollten die Reisegruppe, unterwegs mit einem Schengen-Visa, nicht auf die Inseln lassen. Ein separates UK-Visum wurde ihnen ohne Angabe von Gründen verweigert. Da hatte die Tagespolitik, die diplomatischen Verwerfungen zwischen Teheran und London, die Professoren dann doch noch eingeholt.


Nacht an DeckÜber Tagespolitik mögen sie auch gar nicht so gern reden. Jeder von ihnen habe seine eigene politische Meinung, sagen sie. Und diese persönlichen Meinungen seien durchaus kontrovers. Aber während der Reise halte man sich halt zurück. Wozu auch die Harmonie gefährden oder gar einander den Spaß am Abenteuer verderben?

Nun steht Griechenland auf dem Programm. Athen, natürlich, und Thessaloniki, die Stadt Kemal Atatürks. Und danach geht’s dann zurück nach Isfahan, die Oasenstadt im Herzen Irans, die der Safaviden-Shah Abbas im 16. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten und schönsten Städte der damaligen Welt ausgebaut hatte.

Doch zunächst einmal ist da die Seereise von Ancona nach Patras, eine lange, laue Nacht an Bord einer Superfast Fähre. Wer bei Fähre an simple Rost-Kähne mit Ladeflächen für LKWs und PKWs und einem überteuerten Schnellimbiss an Bord denkt, der sollte spätestens jetzt schnellstens umdenken. Denn Superfast-Ferries bieten viele Annehmlichkeiten, die Reisende eigentlich eher auf Kreuzfahrtschiffen erwarten. Das Angebot reicht vom großzügig dimensionierten Schwimmbecken auf dem Oberdeck über diverse Restaurants unterschiedlicher Qualitätsstufen, Bordläden und Wireless-Internet bis hin zu Luxuskabinen. Wieviel Komfort es sein darf, darüber entscheidet allein der Geldbeutel. Wer die preiswerteste Version wählt, für zwei Personen immer noch teurer als der Billigflieger, verzichtet auf Kabine, Dormitorium oder Recliner-Abteil und nächtigt stattdessen auf dem Deck oder in einem der Cafés, die rund um die Uhr geöffnet haben.


In dieser Julinacht haben die Deckpassagiere die beste Wahl getroffen. Selbst um drei Uhr morgens ist es noch angenehm mild, der Himmel ist sternenklar und von einer Art leuchtender Schwärze, die im dicht besiedelten Herzen Europas längst der urbanen Lichtverschmutzung zum Opfer gefallen ist. Der Sternenhimmel als Bettdecke, eingelullt von einer sanften Brise und dem tiefen, kaum vernehmbaren Vibrieren der schweren Schiffsmaschinen, die das Schiff auf eine Geschwindigkeit bringen, die dem Firmennahmen durchaus gerecht wird, wird die Reise zum Traum, wird sogar der Schlaf zum Erlebnis. Da stören selbst die tiefen Bässe nicht, die von ferne aus der Borddisco herüber wummern.

Reisen mit der Kreuzfahrt-Fähre ist erfrischend gemächlich und entspannend. Einmal, früh morgens gegen drei Uhr, wird die Reise kurz unterbrochen. Die Fähre legt an im Hafen von Igoumenitsa auf der Insel Korfu, nimmt weitere Reisende an Bord. Für eine Viertelstunde ist es wieder geschäftig, dann kehrt erneut Ruhe ein. Doch nicht für lange. Denn mit dem Sonnenaufgang steigen auch bald die Temperaturen, an Deck wird es heißer und heißer. Mit den Temperaturen steigt auch die Geschäftigkeit im Schiffsinneren. In den Cafés, Restaurants und Bistros wird Frühstück serviert, die Läden öffnen zu einem letzten Bordeinkauf. Manche drehen noch eine Aufwachrunde im Swimmingpool, andere faulenzen einfach auf Deck dem Hafen von Patras entgegen und genießen den Blick auf die schroffen und zerklüfteten Felsen der griechischen Küstenlinie, die in der schon am Morgen gnadenlosen Sommersonne backen.

Und schließlich Patras. „Choda Hafez – Gott beschütze Euch“, verabschieden sich die iranischen Akademiker. Vor ihnen liegt noch eine weite Reise, wir hingegen sind am Ziel. Der Urlaub auf der Peleponnes allerdings hat bereits im italienischen Ancona begonnen.

Die erholsame, reizvolle Überfahrt mit der luxuriös ausgestatteten Fähre mag um einiges länger dauern als der schnelle Flug, mag zudem ein wenig teurer sein, bietet allerdings auch erheblich mehr Komfort und Abwechslung. Camper können übrigens auf einem eigenen Deck einen Stellplatz buchen, die Überfahrt im eigenen Wohnmobil verbringen und trotzdem alle Annehmlichkeiten an Bord genießen.


© 2009 Edgar Klüsener/ MuzikQuest


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