Logodvds-logo

This free script provided by
JavaScript Kit


Hauptseite 


News 

Interviews 

Reportagen 

CD- Rezensionen 

DVD-Rezensionen 

Konzert-Termine 

Downl./-Streams 

Archiv 

Quiz 

Forum 

Gästebuch 

Chat 

Impressum 

Kontakt 


 



Glastonbury
Impressionen aus einem Parallel-Universum

Warum müssen Hippies ständig jonglieren? Mit Bällen, Stäben, sogar mit - mein klammheimlicher Verdacht - ihren Hunden? Denn zu einem echten Hippie gehört natürlich ein Hund, in der Regel eine wilde Promenadenmischung, in selteneren Fällen auch ein reinrassiger Schäferhund. Das war schon in ferner Vergangenheit so, irgendwann Mitte der Sechziger des vergangenen Jahrhunderts, das ist im Jahr 2002 nicht anders. Ist es bereits erstaunlich genug, dass es heute immer noch Hippies gibt, so ist es noch verblüffender, dass sie alle sich ausgerechnet samt Hunden in einer verschlafenen englischen Kleinstadt im Herzen des englischen Südwestens zu treffen scheinen. Wo sie jonglieren, ihre Joints rauchen oder auf den Stühlen vor dem Backpacker-Hotel Reiseerlebnisse austauschen.


Glastonbury - die HauptstraßeDenn nichts anderes ist Glastonbury auf den ersten Blick, einfach eine verschlafene englische Kleinstadt, eingebettet in überkultivierte bäuerliche Landschaft. Eine Hauptstraße, ein zentraler Platz mit Kriegsdenkmal und einigen Geschäften, eine Kirche - man fährt durch und ist schon wieder draußen, während man noch die Innenstadt sucht. Nichts Erwähnenswertes mithin.
Trotzdem dürfte der Name Glastonbury so ziemlich jedem Briten unter 50 geläufig sein. Generationen von Popfans pilgern seit Jahrzehnten Jahr für Jahr zum traditionsreichen Glastonbury Musik- und Kunstfestival, dem längst bedeutendsten Popereignis der Inselwelt. Nur ist heute ein warmer Spätsommertag, das Glastonbury-Festival 2002 liegt schon Monate zurück, und trotzdem schaut es so aus, als habe eine Menge der Festivalbesucher vergessen wieder abzureisen. Wie wohl in jedem Jahr, denn neben Teenagern im Neo-Hippie-Outfit flanieren auch altgewordene Punks, das schütter gwordene Haar mühsam zum Stachel-Irokesen hochgeklebt, und Althippies, die schlohweiße Lockenpracht zum Pferdeschwanz gebündelt, die Hauptstraße entlang. Wo mögen nur die Einheimischen stecken, fragt sich der verwirrte Besucher, der bodenständige englische Landbevölkerung erwartet hatte. "In den umliegenden Dörfern", erklärt die Kellnerin in einem der kleinen freundlichen Cafés, das gezielt damit wirbt, dass Raucher willkommen seien. Zumindest sie ist eine Einheimische, kommt aber nur zur Arbeit nach Glastonbury.

GlastonburyDass Glastonbury anders sein könnte als andere englische Kleinstädte, hatte schon die Zimmersuche vermuten lassen. Die Website des Kreises Glastonbury listet eine ganze Reihe von Pensionen, Bed & Breakfasts und Hotels, die fast alle mit unerwarteten Besonderheiten werben. Beim Einen ist's die im Übernachtungs-Preis inbegriffene Aromatherapie, andere richten sich ausdrücklich nur an Vegetarier, wieder andere bieten spirituelle Erfahrungen - kaum eine Herberge, die sich aufs simple Kerngeschäft "gemachtes Bett und ordentliches Frühstück" beschränkt.

Valerie Smith betreibt eine dieser Pensionen, die Old Bakery. Ein kleines Bed And Breakfast, am Rande des Ortskerns gelegen. Das Haus, erbaut im 19. Jahhundert und denkmalgeschützt, ist blitzsauber, Schuhe müssen im Eingangsbereich ausgezogen werden. Das Frühstück ist strikt vegetarisch, das Obst - frische Feigen inklusive - stammt aus dem eigenen Garten und ist natürlich organisch angebaut. Die Badewanne ist von duftenden Teelichtern in verschiedenen Farben umgeben, damit die Vibrations auch bei der Entspannung in heißem Wasser noch stimmen. Oder badet man in Glastonbury etwa kalt? Frau Smith, eine freundliche, redegewandte Mittvierzigerin, die weit jünger wirkt, ist natürlich keine Einheimische. Ursprünglich stammt sie aus Bristol, hat aber viele Jahre in Kalifornien gelebt. Die Pension in Glastonbury ist denn auch ein bisschen spirituell angehauchtes Kalifornien mit keltischem Anstrich. Nach Glastonbury sei sie gekommen der einzigartigen Atmosphäre wegen, sagt sie. Mit dem Popfestival jedenfall hat sie nichts zu tun. Das ist eher ein Ärgernis, weil das Städtchen alle Jahre wieder für zehn endlose Tage lang heillos übervölkert ist. Und weil mit den Popfans auch die unerwünschten Elemente nach Glastonbury kommen, die Straßenräuber, die besoffenen Schläger, die Drogendealer, die Eckenpinkler, Taschendiebe und Randalierer. Zehn Tage lang ist dann die sonst so heile Glastonbury-Welt in absoluter Unordnung. Was sie - und viele andere Einwohner - besonders nervt: Das Festival findet gar nicht in Glastonbury statt!Grave Digger

Was kaum jemand weiß, auch die Heerscharen nicht, die Jahr für Jahr hier einfallen. Das Festivalgelände befindet sich rund zwölf Kilometer entfernt am Rande des Dorfes Pilton, zu dem es nur eine Busverbindung (einmal pro Stunde tagsüber) gibt. Kein Wunder, dass Jahr für Jahr Tausende in Glastonbury hängenbleiben und es nie bis zum Festival schaffen. Ein anderes Problem ist die alte Glastonbury Festival-Tradition des Gatecrashings. Zehntausende haben in der Vergangenheit ein fach die Zäune nieder gerissen und sich so freien Eintritt ins Festival verschafft. In diesem Jahr hat das allerdings nicht wie erwartet funktioniert. Auf behördlichen Druck hin hatte Veranstalter Michael Eavis in verbesserte Sicherheitsvorkehrungen und stabilere Umzäunungen investieren müssen - plötzlich klappte das Gatecrashing nicht mehr und frustrierte Popfans machten ihrem Unmut darüber in Glastonbury und Pilton Luft. Die öffentliche Ruhestörung nahmen die Einwohner dennoch erstaunlich gelassen.

"Das sind halt die Begleiterscheinungen. Aber am Ende ist natürlich das Festival gut für die Wirtschaft Glastonburys. Schließlich bringt es Besucher ins Städtele." Darüber sind sich Cafe´- Kellnerin, Pensionsbesucher und örtliche Buchhändler einig.
Apropos Buchhändler. Glastonbury beherbergt in seinen engen Grenzen mehr Buchhandlungen als so manche deutsche Großstadt. Und ausnahmslos alle haben überproportional große Abteilungen für esoterische Literatur, von der ein Großteil Glastonbury selbst gewidmet ist. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Stadt ist auch das Zentrum des mythischen Avalon und außerdem Fokuspunkt für diverse heidnische Kulte. Druiden tummeln sich hier, Buddhisten, Pagans – Anhänger wieder belebter alter keltischer Religionen - und Anbeter der Erdgöttin Gaia, die mitten in der Innenstadt einen eigenen Tempel hat. Für spirituelle Zirkel und alle möglichen anderen New Age-Touristen ist Glastonbury ein heidnisches Mekka, in das sie zu tausenden strömen. Busladungen voller Mystik-Pauschalreisender aus der Rheinpfalz machen Stadt und Umland unsicher, deutsche Heavy Metal-Gruppen suchen am Grab von König Arthur - sagt zumindest die Grabplatte, wer wirklich drin liegt, ist eher umstritten - Inspirationen fürs nächste Konzept-Album („Irgendwas mit Excalibur oder so“), und angehende Lehrerinnen aus dem sonnigen Kalifornien schnuppern schnell noch mal einen Hauch keltischer Mystik, bevor's dann in den Schulen von South Central Bauernmarktendgültig tödlich ernst wird.

Glastonbury hat also nicht nur während des alljährlichen Popspektakels Hochkonjunktur. Und da so viele Besucher vergessen wieder abzureisen, ist auch der lokale Immobilienmarkt seit Jahren auf dem Höhenflug. Häuser und Wohnungen werden zu Preisen gehandelt, die frappierend an die in den besseren Londoner Wohnvierteln erinnern. Normalsterbliche Engländer können da nicht mehr mithalten. Kein Wunder, dass ein Teil der Ureinwohner längst nach außerhalb abgewandert ist und die Innenstadt dem aus den Metropolen zugewanderten besser betuchten Künstler- und Esoterikvolk überlassen hat.  Die Künstler sind eine weitere Attraktion Glastonburys. Seit Jahrzehnten zieht es Maler, Dichter, Musiker und Schriftsteller in die Stadt. Angeblich weil's der Kreativität dient. Ob's nun so ist oder nicht, die Künstlerkolonie ist jedenfalls beachtlich groß – und prägt ebenfalls das Stadtbild. Jede Eckkneipe, die auf sich hält, hat eine eigene Ausstellung ortsansässiger Maler, jeder Buchladen seine eigene „Gedichtet in Glastonbury“-Ecke.

Eine Aura der Unwirklichkeit liegt über der Stadt, die in einem Paralleuniversum zu existieren scheint, das ebenso weit von der umliegenden englischen Countryside entfernt ist wie vom hektischen Alltag der britischen Großstädte. Die Hippie-Mädchen jonglieren, ein alternder Punk spricht mit verdächtig deutschem Akzent, amerikanische Touristen spielen japanische Touisten und fotografieren alles und jeden, weil's doch sooooo europäisch ist, „the history, you know“. In der alten Abbey sucht eine weitere Busladung deutscher Touristen das Grab vom König Arthur, nur der Gitarrist, der jeden Abend in einem der vegetarischen Restaurants aufspielt, träumt von Pilton. Weil da das Popfestival ist, für ihn das echte Glastonbury, und da will er auch mal auf der Bühne stehen. Wie jeder britische Musiker, der auf sich hält. Vielleicht wird's ja 2003 was. Bis dahin spielt er weiter mit seinem Kumpel im vegetarischen Restaurant auf.



Text und Fotos: © 2003 MuzikQuest / Edgar Klüsener
Glastonbury im Internet: http://www.glastonbury.co.uk
 
Reportagen





Hauptseite   News   Interviews   Reportagen   CD-Rezensionen   DVD -Rezensionen   Konzert-Termine   Downloads/Streams   Archiv   Quiz   Forum   Chat   Gästebuch   Impressum   Kontakt