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Die langsame Rückkehr der Deutschen nach Manchester

Die Deutschen haben England entdeckt, als Arbeits- und Lebensort. Auf der Flucht vor der zählebigen Krise daheim zieht es sie in Scharen in das neue Wirtschaftswunderland Europas. Auch wenn dessen ökonomischer Glorienschein gerade erste Kratzer abbekommt, Deutschland geht es immer noch um einiges schlechter. Und so kommen sie denn, die Deutschen. Nach London natürlich, und nach Manchester. Aber warum gerade Manchester? Warum nicht Leeds oder Liverpool, das sind doch auch ganz respektable Städte auf der Regeninsel?

Manchester, River Irwell Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Für die einen sind's einfach nur die guten Jobs in der Stadt. Studenten zieht es nach Manchester, weil die Stadt nicht nur drei Universitäten in ihren Mauern hat, sondern halt auch Europas Party-Hauptstadt ist. Andere kommen, weil Manchester  die Musikhauptstadt der Insel ist. Von den Bee Gees, Hollies über Joy Division, M People und New Order bis hin zu den Smiths, Take That, Oasis und Badly Drawn Boy  oder Amplifier – Manchester produziert Weltklasse-Bands wie keine andere Stadt Europas. Und auch sonst kann sich Manchester messen lassen, selbst an London. Erstklassige Galerien, Theater, Kinos, Konzertsäle, Musical-Bühnen – alles reichlich  vorhanden. Dann sind da natürlich die Jobs. Akademische zum Einen – Middle Eastern- und Theology- Departments der University Of Manchester zum Beispiel sind eine sichere deutsche Bastion -, aber auch  handwerkliche, technische, medizinische, gastronomische  – alles, was in Deutschland an Arbeitsplätzen und Karrieremöglichkeiten zur Zeit fehlt, hat die Boomtown locker zu bieten.  Nur auf gutes Wetter hoffen man wie frau hier viel zu häufig vergeblich. Man kann eben nicht alles haben.

Die deutschen Neuankömmlinge in Manchester neigen nicht zur Ghettobildung. Sie fügen sich in der Regel gut ein in die kosmopolitische Bevölkerung der Stadt. Die Einen treffen gelegentlich auf der Arbeit oder im Café 306 auf der Oxford Road auf manche Andere, aber  das ist eher zufällig, und nicht im mindestens ein Ansatz von jener Vereinsmeierei, für die Deutsche doch eigentlich so berüchtigt sind. Dann ist da natürlich noch seit einigen Jahren der Deutsche Weihnachtsmarkt.

Mit der kleinen alteingesessenen deutschen Gemeinde haben die Neuankömmlinge zumeist überhaupt keine Berührungspunkte. Weswegen auch kaum einer von ihnen weiß, dass Manchester eine lange und hoch interessante deutsche Geschichte hat, zu deren Überlebenden diese kleine Gemeinde gehört.

Prominenter Teil dieser Geschichte sind unter anderem ein junger Herr namens Friedrich und seine irische Geliebte Mary. Das liegt nun mehr als 150 Jahre zurück

Friedrich Engels
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Diese Mary Burns, fand damals Frau Marx, war nun wirklich nicht der rechte Umgang für den Friedrich. Der war immerhin aus gutem Hause, Fabrikantensohn sogar, solides Bürgertum eben, gebildet und wohl erzogen. Die Burns hingegen war sowas von irischer Arbeiterklasse, ungebildet noch dazu, konnte gerade mal lesen und ein wenig schreiben. Da konnte Frau Marx doch nur das Näslein rümpfen. Und tat es auch. In Briefen an Ehemann Karl wie auch an Karl Kautsky stichelte sie immer wieder mal dezent gegen das irische Mädchen, das das Herz des guten Friedrich im Sturm gewonnen hatte und mit diesem in unziemlich wilder Beziehung zusammen lebte. Was Karl Marx von der Burns hielt, ist nicht überliefert, wohl aber ist gewiss, dass sie durchaus einen – wenngleich eher indirekten - Einfluss auf seine Arbeit gehabt haben dürfte. Denn Mary Burns war nicht nur über zwei Jahrzehnte hinweg bis zu ihrem Tod die Lebensgefährtin des Fabrikantensohnes Engels aus dem westfälischen Barmen, sie war es auch, die ihren Friedrich mit den Lebens- und Arbeitsverhältnissen der englischen Arbeiterklasse Mitte des 19ten Jahrhunderts vertraut gemacht hat. Die Erfahrungen und Eindrücke, die er bei seinen Exkursionen unter Marys Führung in die irischen und englischen Arbeitermilieus  Manchesters und Lancashires gewinnen konnte, schrieb er dann in einem Werk nieder, das den schlichten Titel „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ trägt.

Der Ironie, dass die Familie Engels an der eher tristen Lage der arbeitenden Klasse Manchesters  durchaus Mitschuld trug, war sich Friedrich wohl bewusst.  Zu seinem leicht schizophrenen Lebensstil gehörte auch, dass ihm zwar in bester Lage eine repräsentative Firmenvilla zur Verfügung stand, er aber trotzdem den größten Teil seiner Zeit mit Lebensgefährtin Mary Burns und deren jüngerer Schwester in Mietwohnungen in weit weniger idyllischen Teilen von Zentral-Manchester hauste.

Karls Marx und Friedrich Engels Um die Lage der arbeitenden Klasse in Manchester kennen zu lernen, hätte Friedrich Engels allerdings weder Exkursionen in irische Arbeiterviertel unternehmen noch Englisch sprechen müssen. Denn eine massive deutsche Präsenz war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Manchester unüberseh- und hörbar. Und sie hatte eine lange Geschichte: Bereits 1800 waren von zwölf in der Stadt ansässigen ausländischen Firmen neun fest in deutscher Hand. 1840 waren es immerhin 97 von insgesamt 100  und 1870 noch 153 von 420. Nicht nur deutsche Unternehmer hatten zudem ihr Glück im Nordwesten Englands gesucht, sondern auch Tausende von deutschen Immigranten. Wirtschaftsflüchtlinge vor allem aus den strukturschwachen ländlichen Gebieten Norddeutschlands waren das.

Weit über 10.000 Deutsche, die zahlenmäßig größte ethnische Minderheit,  lebten gegen Ende des Neunzehnten Jahrhunderts allein in Manchester. Die überwiegende Mehrheit davon als schlichte Fabrikmalocher unter ähnlich erbärmlichen Verhältnissen wie ihre englischen, irischen, polnischen oder asiatischen Nachbarn, Welten entfernt von den Zirkeln der  wohlsituierten deutschen Groß- und Bildungsbürger in Manchester. Als Karl Marx und Friedrich Engels bei Tee und Gebäck in einem Erker der Chetham Hill Library – ihr Lieblingstisch steht da übrigens heute noch -  das Kommunistische Manifest ausheckten, schuftete der gemeine deutsche Gastarbeiter sich unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Fabriken der Stadt in überlangen Schichten zu Grunde. 

Die deutsche Ober- und Mittelschicht, darunter viele ins liberale England geflüchtete 1848er Revolutionäre, fand derweil für sich bedeutende Rollen in der ersten modernen Industriestadt der Welt. Neben Engels und dem Gelegenheits-Mancunian Marx taten sich eine Reihe weiterer Deutscher im kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Leben der Stadt hervor. Der Hagener Musiker Karl Halle, ebenfalls ein 48er, gründete das schon bald weltweit anerkannte Hallé-Orchestra und die Royal Northern School Of Music; der Chemiker Carl Schorlemmer begründete am Owens Institut die organische Chemie als eigene Disziplin und nahm später die englische Staatsbürgerschaft an. Das Owens-Institut wurde vor allem wegen der Leistungen von Schorlemmer später in den Rang einer Universität erhoben, aus der die heutige University Of Manchester hervorgegangen ist.

 Carl SchorlemmerIn der elitären Schiller-Anstalt, zu deren Präsident Engels 1864 gewählt worden war,  organisierte sich die  deutschsprachige Immigranten-Oberschicht, deren Lebensstil durchaus dem der englischen gehobenen Mittelklasse entsprach – Fuchsjagd inbegriffen. 1866 hatte das Schiller-Institut rund 300 eingetragene Mitglieder. Deren Bestreben, deutsche Kultur und deutsches Geistesgut in der englischen Diaspora nicht nur zu pflegen, sondern auch mit beinahe missionarischem Eifer weiter zu verbreiten,  glückte überraschend gut. Höhepunkte waren um die Jahrhundertwende  die international beachteten Konzertserien der Schiller-Anstalt, in deren Rahmen sich auch ein Johann Strauss durchaus mal selbst ans Piano setzte. Keine Frage, Manchester hatte im ausgehenden 19ten Jahrhundert einen deutlich spür- und sichtbaren deutschen Einschlag.

Aus den Kreisen der deutschen Unternehmer, Akademiker, Künstler und Kaufleute, die sich in Manchester im 19. Jahrhundert so zahlreich niedergelassen hatten, kamen sogar zwei spätere Oberbürgermeister der Stadt.  Den Anfang machte Philip Goldschmidt, der 1859 Bürgermeister von Manchester wurde. Der nächste Deutsche war Sir Charles Behrens, der 1909 das Amt des Lord Mayors von Manchester antrat. 

Während sich das deutsche Bürgertum schnell und beinahe nahtlos in das politische und kulturelle Leben der Stadt einfügte, organisierte sich die deutsche Gastarbeiterschaft in den armseligen Malocher-Ghettos nach Mustern, die aus der Gegenwart von türkischen Immigranten in Deutschland her bestens bekannt sind.  Die kommunalen Fixpunkte waren die insgesamt drei deutschen  Kirchen.  In einer frühkapitalistischen Gesellschaft, in der es noch keine soziales Netze gab, harte Arbeit nur so eben das nackte Überleben sicherte, waren die Kirchen nicht nur Stätten der Einkehr und Orte, an denen die Einwanderer unter sich sein konnten, sie boten auch sehr praktische Dienste. Finanziell unterstützt von einer Reihe von deutschen, jüdischen und englischen Patrizier-Familien, gründeten sie Schulen und Hilfswerke, die sich um die Ärmsten und Kränksten kümmerten. Von den drei deutschen Kirchen, die es Anfang des 20ten Jahrhunderts in Manchester gab, ist heute nur noch die in Stretford aktiv, die sich um eine rund 300 Mitglieder umfassende Gemeinde kümmert.

Urbis Die deutliche deutsche Präsenz in Manchester endete schlagartig, als das Empire und das noch junge Kaiserreich im ersten Weltkrieg militärisch heftig aneinander gerieten. Plötzlich waren die Deutschen und ihre Abkömmlinge Feinde in Feindesland – und gingen auf Tauchstation. Nach Kriegsende sahen sich die Deutschen in Manchester wie überall in England bitteren Ressentiments   gegenüber, die nur allmählich wieder zu einer angespannten Normalität im Umgang mit der englischen Bevölkerung  abflauten. Bevor Normalität allerdings endgültig wieder einkehren konnte, brach Deutschland den Zweiten Weltkrieg vom Zaume. Nach dessen Ende konnte von einer deutschen Präsenz in Manchester für etliche Jahre kaum noch die Rede sein. Zaghaft kam zuerst die deutsche Industrie zurück, ganz allmählich konstituierten sich die Reste der alten Gemeinde wieder, und erst in den letzten  drei Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends ist die Zahl der Zuwanderer  aus der inzwischen krisengeschüttelten Republik ins neue Wirtschaftswunderland Europas erneut auf nennenswerte Größenordnungen  angewachsen.

Die Deutschen kehren zurück nach Manchester, immer zahlreicher. Geschichte wiederholt sich eben doch, wenn auch in abgewandelter Form.

© 2005 by MuzikQuest/Edgar Klüsener



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