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Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Für die einen sind's
einfach nur die guten Jobs in der Stadt. Studenten zieht es nach
Manchester, weil die Stadt nicht nur drei Universitäten in
ihren
Mauern hat, sondern halt auch Europas Party-Hauptstadt ist. Andere
kommen, weil Manchester die Musikhauptstadt der Insel ist.
Von
den Bee Gees, Hollies über Joy Division, M People und New
Order
bis hin zu den Smiths, Take That, Oasis und Badly Drawn Boy
oder
Amplifier – Manchester produziert Weltklasse-Bands wie keine
andere Stadt Europas. Und auch sonst kann sich Manchester messen
lassen, selbst an London. Erstklassige Galerien, Theater, Kinos,
Konzertsäle, Musical-Bühnen – alles
reichlich
vorhanden. Dann sind da natürlich die Jobs. Akademische zum
Einen
– Middle Eastern- und Theology- Departments der University Of
Manchester zum Beispiel sind eine sichere deutsche Bastion -, aber
auch handwerkliche, technische, medizinische,
gastronomische – alles, was in Deutschland an
Arbeitsplätzen und Karrieremöglichkeiten zur Zeit
fehlt, hat
die Boomtown locker zu bieten. Nur auf gutes Wetter hoffen
man
wie frau hier viel zu häufig vergeblich. Man kann eben nicht
alles
haben.
Diese Mary Burns, fand damals Frau Marx, war nun wirklich nicht der
rechte Umgang für den Friedrich. Der war immerhin aus gutem
Hause,
Fabrikantensohn sogar, solides Bürgertum eben, gebildet und
wohl
erzogen. Die Burns hingegen war sowas von irischer Arbeiterklasse,
ungebildet noch dazu, konnte gerade mal lesen und ein wenig schreiben.
Da konnte Frau Marx doch nur das Näslein rümpfen. Und
tat es
auch. In Briefen an Ehemann Karl wie auch an Karl Kautsky stichelte sie
immer wieder mal dezent gegen das irische Mädchen, das das
Herz
des guten Friedrich im Sturm gewonnen hatte und mit diesem in
unziemlich wilder Beziehung zusammen lebte. Was Karl Marx von der Burns
hielt, ist nicht überliefert, wohl aber ist gewiss, dass sie
durchaus einen – wenngleich eher indirekten - Einfluss auf
seine
Arbeit gehabt haben dürfte. Denn Mary Burns war nicht nur
über zwei Jahrzehnte hinweg bis zu ihrem Tod die
Lebensgefährtin des Fabrikantensohnes Engels aus dem
westfälischen Barmen, sie war es auch, die ihren Friedrich mit
den
Lebens- und Arbeitsverhältnissen der englischen Arbeiterklasse
Mitte des 19ten Jahrhunderts vertraut gemacht hat. Die Erfahrungen und
Eindrücke, die er bei seinen Exkursionen unter Marys
Führung
in die irischen und englischen Arbeitermilieus Manchesters
und
Lancashires gewinnen konnte, schrieb er dann in einem Werk nieder, das
den schlichten Titel „Die Lage der arbeitenden Klasse in
England“ trägt.
Um die Lage der
arbeitenden Klasse in Manchester kennen zu lernen,
hätte Friedrich Engels allerdings weder Exkursionen in irische
Arbeiterviertel unternehmen noch Englisch sprechen müssen.
Denn
eine massive deutsche Präsenz war Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts in Manchester unüberseh- und hörbar. Und
sie
hatte eine lange Geschichte: Bereits 1800 waren von zwölf in
der
Stadt ansässigen ausländischen Firmen neun fest in
deutscher
Hand. 1840 waren es immerhin 97 von insgesamt 100 und 1870
noch
153 von 420. Nicht nur deutsche Unternehmer hatten zudem ihr
Glück
im Nordwesten Englands gesucht, sondern auch Tausende von deutschen
Immigranten. Wirtschaftsflüchtlinge vor allem aus den
strukturschwachen ländlichen Gebieten Norddeutschlands waren
das.
In der elitären Schiller-Anstalt, zu
deren Präsident
Engels 1864 gewählt worden war, organisierte sich
die
deutschsprachige Immigranten-Oberschicht, deren Lebensstil durchaus dem
der englischen gehobenen Mittelklasse entsprach – Fuchsjagd
inbegriffen. 1866 hatte das Schiller-Institut rund 300 eingetragene
Mitglieder. Deren Bestreben, deutsche Kultur und deutsches Geistesgut
in der englischen Diaspora nicht nur zu pflegen, sondern auch mit
beinahe missionarischem Eifer weiter zu verbreiten,
glückte
überraschend gut. Höhepunkte waren um die
Jahrhundertwende die international beachteten Konzertserien
der
Schiller-Anstalt, in deren Rahmen sich auch ein Johann Strauss durchaus
mal selbst ans Piano setzte. Keine Frage, Manchester hatte im
ausgehenden 19ten Jahrhundert einen deutlich spür- und
sichtbaren
deutschen Einschlag.
Die deutliche deutsche Präsenz in Manchester endete
schlagartig,
als das Empire und das noch junge Kaiserreich im ersten Weltkrieg
militärisch heftig aneinander gerieten. Plötzlich
waren die
Deutschen und ihre Abkömmlinge Feinde in Feindesland
– und
gingen auf Tauchstation. Nach Kriegsende sahen sich die Deutschen in
Manchester wie überall in England bitteren
Ressentiments gegenüber, die nur
allmählich
wieder zu einer angespannten Normalität im Umgang mit der
englischen Bevölkerung abflauten. Bevor
Normalität
allerdings endgültig wieder einkehren konnte, brach
Deutschland
den Zweiten Weltkrieg vom Zaume. Nach dessen Ende konnte von einer
deutschen Präsenz in Manchester für etliche Jahre
kaum noch
die Rede sein. Zaghaft kam zuerst die deutsche Industrie
zurück,
ganz allmählich konstituierten sich die Reste der alten
Gemeinde
wieder, und erst in den letzten drei Jahrzehnten des zweiten
Jahrtausends ist die Zahl der Zuwanderer aus der inzwischen
krisengeschüttelten Republik ins neue Wirtschaftswunderland
Europas erneut auf nennenswerte
Größenordnungen
angewachsen.