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Vorsicht vor den falschen
Gigabyte
der große ChiPod-Schwindel
Das Angebot klingt zu gut, um wirklich wahr zu sein. Ein 8 GB MP4-Player steht da zur Versteigerung, und das derzeit höchste Angebot liegt bei 99 Pence, umgerechnet 1,50 ¤. Das Photo zeigt einen eleganten schwarzen iPod Nano Klon, über dessen farbigen LCD-Schirm ein Video zu flimmern scheint. Die Produktbeschreibung verspricht 8 GB Speicher für Musik, Fotos und Videos. Außerdem FM-Radio, Spiele und noch einiges mehr. Einen Markennamen allerdings sucht man vergeblich in der Beschreibung. Und das alles für einen Spottpreis. Die Versteigerung endet viereinhalb Minuten später, das Gerät geht für ein Pfund an einen Bieter aus Großbritannien. Der Verkäufer firmiert unter dem Namen „maryclassic“ und berechnet für den Versand von Hongkong nach Europa das zwanzigfache der Versteigerungssumme. 21 Pfund, rund 31 ¤ zahlt am Ende der erfolgreiche Bieter an „maryclassic“. Nicht als einziger, ein Blick auf seine eBay-Feedbacks zeigt, dass allein dieser Verkäufer in den letzten Tagen hunderte von MP4-Spielern abgesetzt hat.
Die meisten gingen nach
Großbritannien
und in die USA, zunehmend aber erhält „maryclassic“ auch
Feedback aus Deutschland, Österreich und anderen europäischen
Ländern. Das Geschäft mit den iPod-Klonen scheint zu
boomen, und „maryclassic“ ist nur einer von vielen Verkäufern.
Fast alle sitzen in Hongkong, manche auch in Shanghai oder in anderen
chinesischen Metropolen. Alle aber betreiben ihr Geschäft
beinahe ausschließlich über eBay.
Die Geräte werden in der Regel schnell geliefert, nur selten dauert der Versand von Hongkong nach Europa länger als sieben bis zehn Tage. Zum Lieferumfang gehören neben dem iPod-Klon ein Handbuch in so schlechtem Deutsch oder Englisch, dass es beinahe unbrauchbar ist, eine CD mit Software, Kopfhörer, ein USB-Kabel, eine Schutzhülle und ein Adapter, der es erlaubt, die interne Batterie auch über die Steckdose aufzuladen.
Soweit ist noch alles in Ordnung. Der erste Hinweis darauf, dass vielleicht doch nicht alles so gülden ist, wie es in der ersten Freude über den günstigen Kauf geglänzt hat, kommt meistens erst Tage später, dann nämlich, wenn der Käufer beginnt, den Speicher wirklich bis an den annoncierten Rand mit Musik, Fotos oder Filmen aufzufüllen. Zwar zeigen Windows, MacOs und Linux brav die vorgegaukelte Speicherkapazität an – je nach Gerät 2, 4 oder 8 GB, in manchen Fällen sogar schon 16 GB oder 32 GB – und schaufeln auch fleißig die entsprechenden Datenmengen auf den iPod-Klon, nur sind diese dann nicht weiter verwertbar. Denn mehr als ein simpler Eintrag im Index des Spielers ist von den überschüssigen Daten in Wahrheit nichts auf dem Player angekommen. Nicht nur das, oft versagt dann das Gerät auch noch jeden weiteren Dienst.
Des Rätsels ernüchternde Lösung: Die vorgeblichen Speichergiganten entpuppen sich als biedere MP3-Zwerge, deren Firmware gehackt worden ist. Das Formatieren des eingebauten Flashspeichers im FAT-Format entlarvt dann einen angeblichen 8 GB- MP3 Player als simplen 1 GB-Spieler. Wenn man Glück hat. Es kann durchaus auch vorkommen, dass am Ende von den erträumten Gigabytes nur noch 128 MB an tatsächlich vorhandenem Speicher übrig bleiben. Die Hersteller der Speicherchips, vornehmlich Samsung, deren Chips auch im originalen iPod stecken, trifft hier übrigens keine Schuld. Die deklarieren ihre Speicherchips aufrichtig als ein, zwei, vier oder acht Gigabit- Chips. Das aus den Gigabit dann Gigabyte werden, dafür tragen versierte Fälscher Sorge. Der Unterschied zwischen i und y ist beträchtlich: 1 Gigabit entspricht 128 Megabyte, 2 Gigabit entsprechend 256 Megabyte, und aus 8 Gigabit werden demnach gerade mal 1 Gigabyte.
Auf eine schlichte Verwechslung von Gigabit mit Gigabyte können sich die Händler spätestens dann nicht mehr herausreden, wenn die Geräte so manipuliert sind, dass sie nicht vorhandene Gigabyte vorspiegeln. Irren mag menschlich sein, vorsätzlicher Betrug allerdings auch.
Wer eBay als Fundgrube für Schnäppchen nutzt, der sollte als erstes gelernt haben, sich vor jedem Bieten einmal das Feedback-Profil eines Verkäufers anzuschauen. Eine Feedback-Bilanz, die weniger als 97 % positive Feedbacks ausweist, mahnt bereits zu äußerster Vorsicht. Dann lohnt sich auf jeden Fall das Studium der negativen und neutralen Feedbacks, weil diese einige Aufschlüsse auf die Art und Weise erlauben, in der der Verkäufer sein Geschäft betreibt.
Ausgerechnet im Falle der gefälschten iPod-Klone aus China allerdings versagt der Feedback-Mechanismus. Denn im Normalfall vergeben Käufer und Verkäufer ihre Feedbacks direkt nach Vollendung der Transaktion. Hat also der Käufer sein neues Spielzeug erhalten, ausgepackt und an den Computer angeschlossen, der natürlich die erwarteten, aber gefälschten Gigabytes anzeigt, wird er wenig später ein positives Feedback abgeben. Nur, um Tage oder Wochen darauf herauszufinden, dass er übers Ohr gehauen worden ist. Dann aber kann er sein Feedback nicht mehr ändern. Weswegen die Händler mit weißer Weste weiter scammen können. Und wenn doch mal einer zu viele negative Feedbacks auf seinem Konto angesammelt hat, wechselt er schlicht den Namen.
Weltweit geht die Zahl der Geschädigten mittlerweile in die Zigtausende, allein auf der amerikanischen Website www.mympxplayer.org haben sich rund 15.000 Geprellte organisiert.
Wenn der gefälschte MP3/MP4-Player wegen Überladung seinen Geist aufgibt, hilft nur noch eins: nur formatieren, am besten mit den MP3- Tools, die im Netz auf verschiedenen Sites, darunter auch www.mympxplayer.org zum freien Download angeboten werden.
Einmal wiederhergestellt, sind die ChiPods zwar wesentlich sparsamer mit Speicher ausgestattet, können aber auch richtig Spaß machen. Denn im direkten Vergleich mit Apples iPod-Nanos schneiden die kleinen ChiPods erstaunlicherweise gar nicht so schlecht ab. Zum Einen können sie außer iTunes-Files auch reine MP3s, Ogg-Dateien, WAVs und WMA-Dateien abspielen und haben zudem noch ein funktionsfähiges FM-Radio an Bord. Zum Anderen kann man sie dank des eingebauten Mikrofons auch als Aufnahmegerät verwenden. Außerdem spielen sie eben Videos ab, zeigen Fotos an, sind mit simplen Spielen ausgestattet, speichern Adressen oder lassen sich ganz simpel als USB-Speicherstick verwenden. Die schwachbrüstige Batterie trübt allerdings den guten Eindruck wieder.
Das erhoffte Schnäppchen war's also nicht, aber wenigstens auch kein Totalverlust.