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MuzikQuest Reportagen




Medienstudium in Salford
Von der Uni direkt ins Fernsehen

In Greater Manchester hat sich eine Universität einen eigenen lokalen Fernsehsender geleistet und ist seitdem ein Magnet für Mediastudenten nicht nur aus dem Inselreich, sondern auch aus Deutschland.

Constanze KöstersSalford. Ausgerechnet Salford. Diese Stadt, die auf den ersten Blick eigentlich gar keine ist, sondern nur ein Flickenteppich von endlosen, tristen Reihenhaussiedlungen, heruntergekommenen Arbeiter-Vierteln und verwilderten Industriebrachen. Eine Stadt von über 250.000 Einwohnern, die sich nicht mal eine eigene Innenstadt leisten kann, deren Zentrum sich im benachbarten Manchester befindet. Was verschlägt deutsche Studenten wie Constanze Kösters ausgerechnet in dieses Salford? An eine Universität, die bei flüchtigem Hinsehen kaum mehr als ein unbeachtetes Zwielichtleben im Schatten der benachbarten protzigen Universitäten von Manchester führt?

Erste Blicke können gewaltig täuschen. Denn zum Einen ist Salford derzeit mächtig im Kommen: Die Salford Quays, genau gegenüber vom Manchester United-Stadion gelegen und einst der Industriehafen Manchesters, haben sich in eine spektakuläre Variante der Londoner Docklands gewandelt, mit Einkaufszentren, Theater, Galerien und Museen.

Zum anderen ist da das internationale Medieninstitut an der Universität Salford, das seit zehn Jahren eine eigene Fernsehproduktion und zudem einen eigenen lokalen Fernsehsender vorweisen kann. In diesen zehn Jahren hat sich die kleine Hochschule zur britischen Topadresse im Bereich „TV- and Radio-Studies“ gemausert. Eine von denen, die einen der begehrten Studienplätze haben ergattern können, ist Constanze Kösters, die es aus dem beschaulichen Münster in die raue Zwillingsschwester Manchesters verschlagen hat. Sie ist im letzten Jahr ihres dreijährigen BA-Studiums. Im Rahmen dieses Studiums hat sie bereits Radiobeiträge produziert, ihre Fernsehreportage über einen bekannten Landschaftsmaler ist landesweit ausgestrahlt worden, und sie hat ein Praktikum im New Yorker ARD-Studio absolviert und dort Beiträge mitproduziert, die dann über deutsche Bildschirme geflimmert sind. Ausgerechnet nach Salford hat sie die Verbindung von Studium mit professionellem Umfeld gelockt. Eine Verbindung, die nicht nur in Großbritannien einzigartig ist.

Vom Lokal- zum Nationalsender

Der Sender heißt Channel M. Das „M“ steht für Greater Manchester. Heute ist Channel M freilich längst kein Lokalsender mehr, sondern per Kabel und SKY-Satellit überall auf den Inseln und zum Teil auch auf dem europäischen Festland zu empfangen. Ab November 2009 wird der Sender zudem im digitalen Freeview-Angebot vertreten und damit endgültig zum nationalen Sender avanciert sein. Für Salfords Studenten ist Channel M die einmalige Chance, schon während des Studiums unter Ernstfall-Bedingungen zu arbeiten– und damit auch eine gewaltige Herausforderung. Der sie sich allerdings gewachsen zeigen, denn schon mehrfach haben in den vergangenen Jahren von Studenten produzierte Programme regionale und nationale Fernsehpreise abgeräumt.

Uni Salford SchneideraumZu ihrem Fernsehsender war die University of Salford vor einem guten Jahrzehnt eher zufällig gekommen. Da hatten Techniker der britischen Fernmeldebehörde entdeckt, dass es auf den Inseln in sechs Ortsbereichen noch ungenutzte und für terrestrisches Fernsehen geeignete Frequenzen gab. Die Universität von Salford hatte sich um die Lizenz für Manchester beworben, den Zuschlag erhalten – und damit zunächst einmal ein Problem am Hals. „Denn“, so erinnert sich Paul Barron, damals selbst noch ein Student, heute verantwortlich für den Bereich TV-Studium an der Uni, „wir hatten zwar dann die Lizenz, aber nur beschränkte Produktionsmöglichkeiten. Die Universität brauchte Partner.“ Einer der Partner, und am Ende der wichtigste, ist die Guardian Media Group, das Mutterhaus der liberalen Qualitätszeitung The Guardian. Für sie hatte die Partnerschaft strategische Bedeutung. Obwohl Tageszeitungen nach wie vor das Kerngeschäft sind – neben dem Guardian und dem Observer vor allem eine Vielzahl lokaler Tageszeitungen wie die Manchester Evening News – , hat die Gruppe in den vergangenen Jahren ihr Portofolio zielstrebig um Radiostationen und digitale Angebote erweitert. „Die Guardian Media Group sah einen lokalen Fernsehsender natürlich auch als Gefahr“, sagt Paul Barron, „als potenziellen Konkurrenten der Manchester Evening News um Anzeigenetats. Der Einstieg in das Projekt hingegen eröffnete für sie ganz neue Möglichkeiten.“

Studenten räumen ab, Profis haben das Nachsehen

Im Laufe der Jahre hat sich bei Channel M eine redaktionelle Zweiteilung herauskristallisiert. Während das kommerzielle Tagesgeschäft in den Händen der Guardian Media Group liegt, produzieren die Studenten in Salford eigenverantwortlich Programme. Und auf die ist Paul Barron durchaus zu Recht stolz, denn diese haben sich zu tragenden Säulen des Programms entwickelt. Vor allem das Kulturmagazin „Zeitgeist“ hat die Uni fest in der britischen Fernsehlandschaft etabliert. Seit Jahren heimsen die Studenten dafür regionale und nationale Fernsehpreis-Nominierungen und Awards ein. Sehr zum Leidwesen der professionellen Channel M-Kollegen übrigens, die bis dato noch leer ausgegangen sind. „Allmählich wird’s schon ein bisschen komisch“, gesteht Paul Barron ein. „Zwar würde bei Channel M nie jemand offen zugeben, dass da ein kleines bisschen Neid im Spiel ist, aber mir wäre es trotzdem lieber, wenn die allmählich auch mal einen Preis bekämen.“

Auch Reel North, ein Programm, das regelmäßig sorgfältig ausgewählte Kurzfilme präsentiert, ist schon mehrfach preiswürdig geworden und hat Nachahmer bei anderen TV-Sendern wie ITV gefunden. Allerdings „... haben die unser Konzept nicht hundertprozentig verstanden. Wo wir uns mit der Auswahl der Kurzfilme sehr viel Mühe geben und nach strikten Qualitäts-Kriterien vorgehen, hat ITV einfach alles ins Programm genommen was kurz und Film war.“ Das Ergebnis: katastrophale Kritiken und sinkenden Einschaltquoten. Inzwischen ist Reel North wieder konkurrenzlos.

Dass das Zusammenspiel zwischen Studenten und professionellen Kollegen so gut funktioniert, mag auch daran liegen, dass mittlerweile ein Großteil der Channel M Redakteure selbst mal Salford-Studenten waren. Und nicht nur bei Channel M finden sich ehemalige Salford-Studenten: „Unsere Absolventen haben auf dem Arbeitsmarkt hervorragende Karten,“ sagt Paul Barron, und die Befriedigung in seiner Stimme ist unüberhörbar. „Sie finden sich bei der BBC, bei ITV, in namhaften internationalen Produktionsgesellschaften und Studios. Bei Vorstellungsgesprächen erhalten sie häufig den Vorzug vor ansonsten gleich qualifizierten Mitbewerbern, einfach weil die Güte der Ausbildung sich herumgesprochen hat.“


Noch ein Grund, warum die Entscheidung für den Umzug in das graue Salford und für einen BA in Television and Radio auch für Constanze Kösters wohl eine goldrichtige war.

Uni Salford

Channel M
Reel North
Zeitgeist


© 2009 Edgar Klüsener/ MuzikQuest
Zuerst veröffentlicht: Spiegel Online
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