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24 Hours Party People Abgesang auf einen schrägen Mythos Wie man sich fühlt, wenn man landesweit auf Plakaten als 'Twat' (Idiot) beschimpft wird? „Gut“, sagt Anthony Wilson und greift dann zum Handy, das penetrant klingelt. Anthony Wilson
ist Nachrichtensprecher bei Granada TV, der regionalen Fernsehanstalt
im Nordwesten Englands mit Sitz in Manchester, hat außerdem eigene
Sendungen, mal eine Talkshow, dann wieder eine politische
Dokumentation, ein Kunstprogramm oder eine Musiksendung. Wir sitzen in
der Atlas Bar, im Zentrum Manchesters. Rund 500 Meter entfernt gähnt
eine Baugrube, umfriedet von einem frisch lackierten Bauzaun. Ein
Apartment-Block sei da im Entstehen, erklärt ein Schild,
Luxus-Wohnkäfige in bester City-Lage. Wo sich jetzt die Bagger tief in
den Boden wühlen und erste Fundamente gelegt werden, stand noch vor
einem Jahr die Hacienda, Manchesters legendärer Raveclub. Und Tony
Wilson war deren Mitbesitzer, der Kopf hinter der Hacienda und hinter
Factory Records. Im Nebenberuf, denn seinen Job bei Granada TV hatte er
nie aufgegeben. Eben das, die bizarre Kombination aus erz-seriösem
Newsreader und Popmogul, hat den britischen Kultregisseur Michael
Winterbottom dazu gereizt, einen Film über Tony Wilson zu drehen.Winterbottom hatte einen Musikfilm drehen wollen, und da er aus dem Nordwesten Englands stammt, lag Manchesters Musikszene als Vorlage nahe. Es hätte auch ein ganz anderer Film werden können, schließlich kommen aus Manchester nicht nur Joy Division, New Order, die Happy Mondays und Tony Wilson. Letzterer wurde
für die Dreharbeiten als Berater angeheuert, und auch er wollte diesen
anderen Film, der 24 Hours Party People dann doch nicht geworden ist.
Sagt er zumindest. „Ich wollte einen Film über Manchester, über
die Musik der Stadt, über The Smiths, Barclay James Harvest, The
Hollies, die Bee Gees, New Order, Take That und all die anderen Bands
und Musiker, die Manchester hervor gebracht hat. Aber die Filmleute
scherten sich einen Dreck um das, was ich wollte. Ihnen schwebte ein
Film über den Fernsehmann vor, der nach Feierabend zum Bandmanager,
Labelboss und Clubbesitzer mutierte.“ Also wurde es ein Film über Tony Wilson, den Cambridge-Absolventen, von dem ITV-Kollegen sagen, er habe ein nahezu inzestuöses Verhältnis mit der Kamera. Etwas weniger fein ausgedrückt heißt das: Der gute Tony ist ein eitler Faun und ein hochtrabender, manchmal auch arroganter Selbstdarsteller. Ein hoch intelligenter allerdings. Genau so porträtiert ihn Steve Coogan denn auch im Film, mit einer Perfektion, die jeden verblüfft, der Tony Wilson kennt – oder zu kennen meint. Wie
zum Beispiel New Order- Bassist Peter Hook. Sein Kommentar zu Coogans
Leistung: „Das zweitgrößte Arschloch Manchesters spielt das größte.“
Eine Meinung, die so mancher Mancunian teilt. Tony Wilson kann damit
leben: „Ich habe gelernt damit umzugehen. Es gibt halt zwei Tony
Wilsons. Der eine ist der, der in den Köpfen der Leute herum spukt,
mein öffentliches Image. Ich bin der Mann aus dem Fernsehen, eine Art
Berühmtheit. Ich bin der Tony Wilson, der erst Factory Records ins
Leben gerufen hat, dann die Hacienda und schließlich beides
formvollendet in den Sand gesetzt hat. Das ist mein öffentliches Image,
das auch der Film recycelt. Tatsache ist allerdings: Ich habe nicht
allein Factory Records gegründet, war nicht für die Hacienda allein
verantwortlich. Ich hatte immer Partner, meinen Freund Rob Gretton –
der mittlerweile verstorbene New Order Manager – zum Beispiel. Ohne
meine Partner wäre diese skurrile Erfolgsstory nie möglich geworden.“Die Erfolgsstory ist vor allem eine Geschichte über blauäugigen Idealismus, schieren Größenwahn, blankes Chaos und jede Menge Musik. Am Anfang stand der erste Auftritt der Sex Pistols in einem britischen Fernsehprogramm, die Musiksendung It Goes, präsentiert von Anthony Wilson, damals der Shooting Star von ITV Granada. Wilson: „Meine zweite große Liebe neben dem Journalismus war schon immer die Musik gewesen. Es hatte mich einige Überzeugungsarbeit gekostet, meinen Bossen eine Musiksendung schmackhaft zu machen, in der sogar Punkbands auftreten durften.“ Das Programm hatte Folgen für Tony. „ Plötzlich hatte ich direkten Kontakt zu Musikern, sie grüßten mich, bevor sie auf die Bühne gingen, ich bekam Zutritt zu ihrer Welt.“ Wilson wollte mehr
von dieser Welt, mehr Musik, mehr Aufregung. Er sollte alles bekommen,
in einem Maße, das ihm am Ende nicht mehr recht sein konnte. Zusammen
mit seinem Freund Rob Gretton übernahm er das Management einer Band mit
dem heiklen Namen Joy Division. Der Vertrag mit Joy Division
garantierte der Band alle Einnahmen, absolute künstlerische Freiheit
und war mit Wilsons eigenem Blut geschrieben. Unterzeichnet wurde er in
einem Punk-Club namens The Factory, kurz zuvor von Wilson, seiner
damaligen Frau Lindsay und Gretton in einer herunter gekommenen Ecke
von Manchester eröffnet. Factory Records hieß dann auch das Label, an
dem alle irgendwie beteiligt waren, die Band, ihr Manager, Wilson als
Ideengeber und Mann für die Finanzen. Verträge gab's nicht, Buchhaltung
fand kaum mal statt, stattdessen wurde gekifft, philosophiert, ständig
über die Stränge geschlagen und vor allem Geld ausgegeben. Viel Geld.
So beginnt die Geschichte, die 24 Hours Party People nacherzählt und an
deren Ende der Untergang der Hacienda steht und ein Filmplakat mit der
Riesenaufschrift „Twat!“.Der Rest ist mittlerweile in jedem besseren Poplexikon nachzulesen. Joy Division-Sänger Ian Curtis erhängte sich in seinem Haus in Macclesfield, der Rest der Band machte als New Order weiter. Mit dem Geld, das New Order verdiente, kauften Wilson, die Band und Gretton einen Club im Herzen Manchesters, tauften den Hacienda. Peter Hook: „Bis dahin hatten Clubs im UK in der Regel einen Dresscode oder waren in abgewrackten Fabrikhallen untergebracht. Wir wollten einen Laden, in dem wir uns selbst wohlfühlen und Parties nach Belieben feiern konnten. Also machten wir ihn und finanzierten ihn mit dem Geld, das New Order verdienten.“ Es wurde ein Club nach New Yorker Vorbild, damals weitgehend einmalig in Europa und bald eine Attraktion nicht nur für Einheimische, sondern für Besucher aus aller Welt. Von der Hacienda aus trat Acid House, die „obskure Discomusik aus den Schwulenbars Chicagos und Detroits“ (Wilson), von den Haus-Djs importiert, den Siegeszug um die Welt an. Und eine neue Form britischer Popmusik wurde geboren. Die Happy Mondays wurden zum Prototyp der Raveband. Sie vermischten Acid House mit Britpop und Rock und inspirierten mit diesem Sound unzählige andere Bands. Die Hacienda brummte wie nie zuvor. Und mit ihr die Musikszene der Stadt. Dass der Club – und damit das Label – längst dem Untergang geweiht war, bekam anfangs kaum jemand mit. Tony Wilson: „Die Ravekultur hatte eine eigene Droge: Ecstasy. Das Problem damit war, dass Ecstasy so überreichlich vorhanden war, dass kaum noch jemand Alkohol trank. Die Hacienda lebte aber vom Ausschank. Der Club war jeden Abend gerammelt voll, trotzdem machten wir kaum Umsätze.“ Umsätze machten stattdessen die Drogendealer, die schleichend die Macht übernahmen, die Tür kontrollierten, ihre Streitigkeiten in den Straßen, aber auch im Club selbst ausschossen. Peter
Hook: „Heute schwärmt jeder von der Hacienda und erzählt mir, was für
Pioniere wir doch gewesen seien und welch phantastisches Ding wir da
aufgebaut hatten und wie schade es sei, dass am Ende alles den Bach
runtergegangen sei. Ich kann's nicht mehr hören! Wo waren denn all die
Leute, als wir die Gangs und Dealer im Haus hatten? Uns hat das
Abenteuer vor allem unglaublich viel Geld gekostet. Wir wissen bis
heute nicht genau wie viel eigentlich genau, denn ordentliche
Abrechnungen hat es nie gegeben. Wenn wir Geld brauchten, ging unser
Manager zu
Tony Wilson. Der gab ihm dann was.“Der Film endet mit dem Konkurs von Factory Records, der Schließung der Hacienda und dem Bankrott von Wilson. Wilson versuchte zwar noch, den Konkurs abzuwenden und Factory Records an eine große Plattenfirma zu verhökern, hatte damit allerdings ein Problem: „Factory hatte keine Verträge mit seinen Bands. Uns gehörte nicht einmal der Backkatalog. Also hatten wir auch nichts zu verkaufen.“ Das war das Ende. Factory pleite, die Hacienda pleite und von der Polizei geschlossen, Tony Wilson musste wieder hauptberuflich als Fernseh-Nachrichtensprecher arbeiten. 24 Hours People ist ein Film über die wilden Jahre von Madchester. Vor allem aber ein Film über Tony Wilson, ob dem das passt oder nicht. Das ist auch das Problem des Filmes. Der frühere Smiths-Gitarrist Andy Rourke bringt es auf den Punkt: „Die, die dabei waren, werden den Film lieben. Wer Tony Wilson kennt, wird sich über Coogans Darstellung kaputt lachen. Allerdings bezweifle ich, dass jemand außerhalb Manchesters diesen Film und seinen hinterfotzigen Witz wirklich wird verstehen können. Und für Leute außerhalb des UK wird das nahezu unmöglich sein.“ Außerhalb Manchesters wird man aber den Soundtrack lieben. Der bietet nur das Feinste von Joy Division, New Order, den Happy Mondays, The Fall und vielen anderen Heroen Madchesters. Und wie sieht „Twat“ Tony Wilson die Verfilmung der heißesten Jahre seines Lebens? „Eigentlich war alles ein bisschen anders als im Film dargestellt. Aber auch damit kann ich leben.“ Tony Wilson und seine jetzige Ehefrau sind heutzutage übrigens die Organisatoren von „In The City“, Großbritanniens Anwort auf die PopKomm und Europas drittwichtigste Musikmesse. So ganz kann er also noch immer nicht die Finger von der Musik lassen. © 2003 by
MuzikQuest/Edgar Klüsener.
Erstveröffentlichung in SPIEGEL online |
Reportagen 24
hours party people
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