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Muhammad ShahrurDer islamische Martin LutherDer syrische Denker Muhammad Shahrur ist angetreten, den Islam vom Ballast verkrusteter kultureller und pseudo-religiöser Traditionen zu befreien und ihn fit für die Gegenwart zu machen. Seine Bedeutung für die zeitgenössische islamische Welt wird inzwischen mit der von Martin Luther für das Christentum verglichen. In manchen arabischen Staaten sind seine Bücher schlicht verboten und werden nur unter der Ladentheke gehandelt. Im bevölkerungsreichsten muslimischen Land Indonesien hingegen werden sie in den Universitäten diskutiert. Auch unter europäischen Muslimen gewinnt er zunehmend neue Anhänger. Und Feinde. Denn seine Positionen machen ihn vielerorts äußerst unbeliebt, vor allem in der traditionellen Geistlichkeit und, mehr noch, unter radikalen Islamisten. Der
Martin Luther des Islam und seine Entourage sind im Deansgate-Hilton
untergekommen, eine fünfzigstöckige, postmoderne Glas- und
Stahl-Scheußlichkeit am Rande der Innenstadt von Manchester. Der Besuch
in Manchester ist nicht zufällig, denn hier lebt und lehrt der
renommierte deutsche Islamwissenschaftler Andreas Christmann, der
Shahrurs jüngstes Buch „The Qur'an, Morality and Critical Reason: The
Essential Muhammad Shahrur“ bearbeitet und ins Englische übersetzt hat.
Über das Buch und die darin vertretenen Thesen hat er am Morgen im
Rahmen der BRISMES-Konferenz mit Nahostwissenschaftlern aus der ganzen
Welt diskutiert. Nun sitzt der streitbare syrische Doktor der
Ingenieurswissenschaften in einem der Konferenzsäle des Hotels und
redet weiter über Gott, den Koran und den Propheten. Was er zu sagen
hat, stiftet seit Jahren Unruhe in der islamischen Welt.„Zunächst einmal galt es“, sagt er, „zu realisieren, dass der Islam ein essentieller Bestandteil unserer Kultur ist. Um unsere Kultur nicht nur zu verstehen, sondern sie auch zu verändern, sie in die heutige Zeit zu transformieren, muss ich mich daher zuerst vor allem mit dem Wesen des Islam auseinandersetzen. Was also ist Islam? “ Shahrurs Antwort auf diese Frage ist ebenso simpel wie unerhört und unverdaulich für islamische Orthodoxie: „Der Koran“, sagt er, „wurde im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel verfasst. In diesem spezifischen Kontext sollte er daher auch verstanden werden. Da ist die allgemeine Auffassung, dass der Koran Gültigkeit besitzt für jede Generation bis zum Ende aller Tage. Davon bin ich ganz und gar nicht überzeugt. Weiterhin soll der Koran für alle Völker, für die gesamte Menschheit gültig sein. Das sehe ich ebenfalls nicht so.“ Das Heilige Buch ist nach Shahrur keine ewig währende, unumstößliche Wahrheit und göttliche Handlungsanweisung, sondern in seinem Hauptteil reines Menschenwerk. Und als solches voll von kulturellem, ideologischem und zivilisatorischem Ballast aus vierzehn Jahrhunderten. Diesen Ballast zu identifizieren, den göttlichen Kern der Religion freizulegen und ihn von menschlichem Beiswerk zu befreien, das ist Shahrurs Hauptanliegen. Ein Unterfangen, das er mit der Logik und der Präzision eines Ingenieurs angeht. In einer Zeit, in der sich extremistischer Islamismus auf ebenso gewalttätige wie marktschreierische Art als einzig wahre Stimme des Islam zu etablieren sucht, verkündet der Doktor aus Damaskus eine weit stillere Botschaft. Eine Botschaft allerdings, die das Potenzial hat, den Islam von Grund auf zu revolutionieren. Oder, wie der einflussreiche TV-Geistliche Yusuf Al- Qaradawi auf Al-Jazeera öffentlich bekundete: „Das ist eine neue Religion“. Neu ist aber nicht die Religion, neu ist Shahrurs Auffassung und Interpretation des Islam. Sein Schlüsselerlebnis hatte er, als der Sechstage-Krieg der arabischen Staaten mit dem noch jungen Israel in einer vernichtenden Niederlage für die Araber endete. „Die Menschen in der arabischen Welt waren schockiert von der deutlichen Niederlage, und es gab die unterschiedlichsten Erklärungsversuche. Als ich das erste Freitagsgebet nach der Niederlage besuchte, verkündigte der Prediger, der Krieg sei verloren worden, weil unsere Frauen den Schleier abgelegt hätten. Er hatte anscheinend gar nicht mitbekommen, dass wir auch von jüdischen Mädchen in Shorts besiegt worden waren. Einige Tage später traf ich einen Kommunisten, und der erklärte mir, der Grund für unsere Niederlage sei das Fasten im Ramadan. Ich war nun wirklich perplex und sagte zu ihm: Du und der Prediger in der Moschee, ihr seid zwei Seiten derselben Medaille; der eine links, der andere rechts, das ist der einzige Unterschied. Das war der Moment, in dem ich realisierte, dass mit unserer ganzen Denkungsart etwas im Argen liegt, mit unserer Weltsicht und mit unserem Verständnis der Welt. Ich beschloss, dem auf den Grund zu gehen. Ein eminent wichtiger Bestandteil, eine der Wurzeln, unserer Kultur ist die Religion. Um unsere Kultur zu verstehen, musste ich also mit der Religion beginnen.“ Shahrurs grundsätzlicher methodologischer Ansatz ist der eines Wissenschaftlers, sein methodologisches Instrumentarium das des Linguisten. „Wenn Gott den Menschen eine Offenbarung gegeben hat,“ sagt er, „dann muss diese Offenbarung so klar und präzise sein wie ein Naturgesetz und ebenso universell gültig. Die Offenbarung vom Menschenwerk zu trennen war also meine erste Aufgabe. Dazu gehört auch die linguistische, kontextorientierte Analyse der Sprache des Koran.“ Islam ist in Shahrurs Verständnis nicht allein die Religion der Anhänger Mohammeds, sondern jede monotheistische Religion, also ebenso Christentum und Judentum. Der Glaube an den einen Gott und, damit verbunden, an einen universalen Ethos, wie er sich im Kern in allen drei Religionen wiederfindet und wie er ebenfalls in den zehn Geboten der Bibel artikuliert ist, ist der eigentliche Islam. Diese grundsätzliche Ethik, argumentiert Shahruhr, sei in der menschlichen Auslegung des Koran verlorengegangen. Stattdessen sei die Religion monopolisiert worden von einer Klasse religiöser Exegeten, deren Autorität eben dem Dogma entlehnt ist, dass der Islam unveränderlich sei. Die Religion ist demnach durch die Jahrhunderte zum Herrschafts-Werkzeug verkommen, zum Deckmantel, der autokratischen und despotischen Regimen Legitimität verleiht. In
Anspielung auf die dänischen Karikaturen, die in der islamischen Welt
für so viel Empörung gesorgt haben, macht er seinen Standpunkt
klar: „Nehmen wir mal an, statt des dänischen Zeichners hätte ein
ägyptischer Karikaturist einen Mohammed-Cartoon gezeichnet. Die
Empörung wäre gewaltig gewesen, und der Druck der Straße hätte die
ägyptische Regierung zweifellos dazu gezwungen, den Zeichner zu
verhaften und hinzurichten. Wenn aber dieselbe Regierung herginge
und mal eben an einem einzigen Tag in Kairo 10.000 Leute verhaftete,
dann hätte das kaum irgendwelche Folgen für sie. Und schon gar keinen
öffentlichen Aufschrei. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig! In unserer
Kultur schätzen wir den Wert von Freiheit nicht besonders. Ein Grund
dafür ist, dass wir von frühester Kindheit an eingetrichtert bekommen,
wir seien Gottes Sklaven. In meinem Buch schreibe ich, dass wir keine
Sklaven Gottes sind. Wir können die Sklaven anderer Menschen sein, aber
nicht die Gottes. Denn Gott hat uns als freie Wesen erschaffen. Wenn
wir Gott anbeten, dann aus unserer eigenen freien Entscheidung heraus.
Gott hält keine Sklaven und er will keine Sklaven.“Mit seiner von Maximen der kritischen Vernunft geleiteten Auslegung des Koran, der Hadith sowie der islamischen Jurisprudenz legt sich der Doktor aus Damaskus nicht nur mit der orthodoxen islamischen Geistlichkeit und radikalen Islamisten an, sondern auch mit den meisten Machthabern in der islamischen Welt, von Saudi Arabien bis Pakistan. Deren Problem ist, dass sich Shahrur weder einfach verbieten noch totschweigen lässt. Zwar gibt es vereinzelte Todesdrohungen gegen ihn, aber sie sind eher die Ausnahme. Was seinen religiösen Gegnern das Leben schwer macht, ist, dass Shahrur von innerhalb des Islam argumentiert; seine intime Detailkenntnis des Koran, der islamischen Jurisprudenz und der in den Hadith gesammelten Überlieferungen machen es für sie unmöglich, ihn als Scharlatan oder irregeleiteten Abweichler abzutun. Sie müssen sich mit seiner Argumentation ernsthaft auseinandersetzen. Und sie tun es. In den letzten Jahren ist eine Anzahl langer und ausführlicher Erwiderungen zu seinen Thesen veröffentlicht worden, und deren Zahl nimmt weiter zu. Zu nimmt aber ebenfalls die Zahl der Übersetzungen von Shahrurs Werk in andere Sprachen, die seine Thesen nun auch Muslims in Ländern wie der Türkei, Indonesien oder in den Staaten Europas zugänglich machen und damit die Debatte in der gesamten islamischen Welt forcieren. Eine Debatte, in der es um nichts weniger als die Seele – und damit die Zukunft – des Islam geht. Eine Debatte, deren Ausgang auch für die nicht-islamische Welt von entscheidender Bedeutung sein wird. „Wir brauchen“, sagt Shahrur zum Abschied noch, „dringend eine Reformation wie sie das Christentum erlebt hat. Eine Rückbesinnung auf den göttlichen Kern der Religion und eine Neuinterpretation des Koran, die unserer Zeit gerecht wird. Schließlich ist die Gabe der Vernunft das größte Geschenk, das Gott den Menschen gegeben hat. Also müssen wir auch von ihr Gebrauch machen.“ Edgar Klüsener
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