the pierces Bittersüße Ironie und ein Hauch von Vamp
Auch
ätzender Sarkasmus kann wunderschön sein. Mit „Boring“, ihrer so
stilvollen wie bittersüß-ironischen Ode auf die Langeweile, sorgen die
Schwestern Pierce derzeit für einigen Aufruhr.
Es
ist vor allem dieses eine Video, das die beiden Schwestern aus dem
tiefsten Süden der USA zunächst zu einem YouTube-Hit und dann zu einem
europäischen Popereignis gemacht hat. Ganz Femme Fatale und Hollywood
Glam-Vamp, räkeln sie sich in lasziven Posen vor der Kamera, erinnern
dabei an wilde Sechziger und die Dietrich, die Monroe oder die
Garbo, und hauchen die Namen von Edeldesignern, gefolgt von einem
gelangweilten „boring“.
Kokain?
Langweilig! Gucci? Langweilig!! Paris? Langweilig!!! Und dann die
beinahe resignierte Klage. „Uns kann einfach nichts mehr begeistern.“
Ganze
500 Dollar habe sie dieses Video gekostet, sagt Catherine Pierce, und
das klingt beinahe ein bisschen stolz. Mehr habe es auch nicht kosten
dürfen, weil sie eben doch nur bei einem kleinen Independent-Label
unter Vertrag seien und deshalb natürlich das Geld knapp sei. Äußerst
knapp.
Wohl denen, die Freunde haben
Der
Regisseur ist ein Freund der beiden und war zum Zeitpunkt des Drehs
noch ein New Yorker Filmstudent, der sich mit den Pierces ein nettes
kleines Portofolio aufbauen wollte. Inzwischen hat der Junge graduiert
und ist auch ziemlich gefragt. So profitieren halt alle von dem Video,
das er völlig umsonst für die Mädchen produziert hatte.
„Das
Geld“, sagt Allison Pierce, „ist für Champagner draufgegangen und für
dieses Wägelchen, auf dem die Kamera hin- und hergefahren wurde.“ Der
Drehort war ein Club, vom Besitzer, ein anderer Freund der beiden,
kostenlos für einen Nachmittag überlassen. Die Statisten, ebenfalls
Freunde, für sie auch der Champagner. Überhaupt, die Freunde: Seit die
Schwestern von Nashville nach New York übergesiedelt sind, haben sie im
Big Apple viele Freunde gefunden. Filmstudenten sind darunter,
Clubbesitzer, Künstler und natürlich Musiker. Die Strokes sowieso,
spätestens seit der Zeit, in der Allison mal mit Albert Hammond Jr.
liiert war. Die Beziehung mag längst beendet sein, die Freundschaft
lebt weiter.
„Wir
sind“, sagt Catherine, „Teil einer Szene von New Yorkern Musikern und
Künstlern, und profitieren natürlich auch davon.“ So singt zum Beispiel
Adam Green auf zwei Songs auf dem neuen Album. In der
atemlos-hektischen Glitzermetropole sind die Pierces heimisch geworden.
Die
hohle Aufgeregtheit, die Reizüberflutung, die stete Hatz nach dem
neuesten Kick, die so sehr zum Alltag moderner Metropolen gehören,
mögen sie sarkastisch kommentieren und dabei insgeheim an Britney
Spears oder Paris Hilton denken, der Verzicht darauf fiele dennoch
schwer.
„Wir
leben in einer Kultur der beinahe unbegrenzten Wahlmöglichkeiten“,
sagen sie. „Von Fernsehprogrammen über Einkaufsmöglichkeiten bis hin
zum McDonalds-Menü, man wird erschlagen von den Wahlmöglichkeiten.
Ähnlich ist's mit Musik, Film, Videospielen... wir leben in einer
überfütterten Zeit. Die konstante Stimulation stumpft ab. Aber sie kann
auch inspirieren. Und einige Angebote sind perfekt für uns. Man muss
sie nur finden.“
Weil
das Geld knapp ist bei den Pierces haben sie auch ihren Schlagzeuger
daheim in New York lassen müssen, der Auftritt auf der Secret Garden
Party im ländlichen Südosten Englands muss halt ohne ihn über die Bühne
gehen. Sie sind trotzdem bester Dinge. Bis zum Konzert sind's noch
einige Stunden, und so hocken sie auf dem Bett in ihrem Hotelzimmer,
sehen einfach nur atemberaubend gut aus und erinnern sich an frühere
Tage.
Kontrolle ist alles
Der
Weg von Birmingham in Alabama nach New York hatte die Schwestern
zunächst in das Country-Mekka Nashville geführt. Da waren sie noch bei
einer anderen Plattenfirma und nahmen Platten auf, die mit sanftem
Folkpop schmeichelhaft umschrieben werden könnten. Zwei Alben waren es
insgesamt, mit denen sie heute selbst nicht mehr allzu glücklich sind.
„Wir
waren jung, naiv und unerfahren“, konstatiert Allison nüchtern. „Die
Plattenfirma hatte ihre eigenen Vorstellungen davon, wie wir klingen,
aussehen und präsentiert werden sollten. Im Studio arbeiteten wir mit
Produzenten, die ebenfalls eine eigene Meinung davon hatten wie wir
klingen sollten. Die deckte sich nicht unbedingt mit unserer.“
Ähnlich erging es ihnen mit den legendären Songwritern Nashvilles.
„Wir
haben uns mit dem einen oder anderen zusammengesetzt, darunter auch
wirklich namhafte wie Josh Roush oder David Mead, aber unsere
Arbeitsweise ist einfach zu anders. Diese Songwriter erledigen ihren
Job wie einen Bürojob. Die verabreden sich auf einen Kaffee, um mal
eben ein Lied zu schreiben. So geht das bei uns nicht. Immerhin, wir
haben dabei auch einiges gelernt.“
Am
Ende stand die Erkenntnis, dass weder Nashville noch der bisherige
musikalische Weg gut für die Pierces war. Die Schwestern wollten auf
eigene Verantwortung herausfinden, wer sie waren und was sie wollten.
Kontrolle war das Zauberwort, Kontrolle über sich selbst, die Kunst,
aber auch die eigene Vermarktung.
„Ich
bin ein Kontrollfreak“, gesteht Catherine unumwunden ein. „Wir wollen
die totale künstlerische Kontrolle, auch in Sachen Video. Wir bestimmen
unser Auftreten, unsere Präsentation bis hin zum Makeup selbst. Und ich
will alle Fotos sehen, bevor sie verwendet werden.“
Beide
Schwestern haben eine Vergangenheit als klassisch ausgebildete
Ballett-Tänzerin, eine Karriere, die Catherine wegen einer
Hüftverletzung beenden musste. Sie verstehen daher sehr genau, wie sie
sich inszenieren und präsentieren müssen. Sie kreieren ein
Gesamtkunstwerk Pierces, von dem auch die schräge Biographie ein Teil
ist, in der ein fahrender Zirkus, eine entführte Schwester und liberale
Hippie-Eltern die Hauptrollen spielen. Zugleich leben sie auf ihrem
dritten Album „Thirteen Tales Of Love And Revenge“ endlich ihre
Kreativität und Spielfreude bewusst aus. Das Ergebnis ist angenehm
vielfältig und spannend. Die Schwestern erlauben sich einige
musikalische Freiheiten, vereinen spielerisch Vaudeville mit
verführerischen Folk-Melodien, klingen mal ein wenig wie von Nancy
Sinatra inspiriert, nur um im nächsten Moment mit jazzigen Grooves oder
Reggae zu überraschen. Ein bisschen rockt es auch gelegentlich und
manchmal ist da ein Hauch von bittersüßer Schwermut. Aber Vorsicht: Die
musikalischen Stimmungen werden oft von den sarkastischen,
scharfzüngigen Texten – ihre herausragende Stärke -
konterkariert.
Mit
„Boring“ haben die Pierces einen Überraschungs-Sommerhit gelandet. Es
wird nicht ihr einziger bleiben. Denn die beiden Schwestern sind ein
beinahe perfektes gebündeltes Paket: Sie sind schön genug für
jedes Magazin-Cover von Elle bis zum Rolling Stone, sie sind
selbstbewusst, und sie sind talentierte und intelligente Songwriter.
Vor allem aber verstehen sie die Regeln des Popgeschäftes gut genug, um
sie zum eigenen Nutzen anzuwenden.
Wenn's ihnen nur nicht zu schnell zu langweilig wird.