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MUSE
Britisch,
aber nicht britisch
Die drei Jungs sind
müde. Es ist
früher Mittag, letzte Nacht haben sie ein Konzert gespielt und
anschließend ein bisschen gefeiert. Das schlaucht. Trotzdem
sind sie hoch konzentriert und mehr als bereit, über ihr neues
Album zu sprechen. Kostproben davon haben sie in der vergangenen
Nacht zum Besten gegeben, neue Songs, die vor allem eins gemeinsam
hatten: sie waren heavy. Aber nicht typisch für das neue Album,
sagt Matt Bellamy. Denn da gäbe es noch eine andere Seite, und
die sei eher mellow, mit Piano, Orgel, schönen Harmonien und so.
Das Album ist noch nicht fix und fertig
im Kasten, das Konzert im Londoner Sound war lediglich eine kurze –
und der Band durchaus willkommene – Unterbrechung des
Studio-Alltags. Die Messlatte für das zweite Album des Trios aus
dem Badeort Teignmouth an der Küste von Devon liegt hoch, denn
das Debüt „Showbiz“ hat weltweit für einiges Aufsehen
gesorgt. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, es kein
typisch-britisches Gitarrenpop-Album ist. Eine Einschätzung, die
Matt Bellamy gar nicht gefällt. Der Sänger, Songwriter und
Gitarrist der Band hält Muse durchaus für eine typisch
britische Band, aber: „Muse hat nichts, aber auch gar nichts, mit
dem zu tun, was heutzutage so unter dem Etikett „britisch“
verkauft wird. Wenn ich trotzdem sage, dass wir eine typisch
britische Band sind, dann beziehe ich mich damit eher auf Gruppen wie
die frühen Queen oder The Police. Es ist deren musikalisches
Erbe, das wir antreten. Also auch klassisch britisch, aber leider in
den letzten Jahren ziemlich in Vergessenheit geraten.“
Frühe
Queen und Police also, hohe
Vergleichsmaßstäbe, die sich die Jungspunde – alle Drei
sind gerade mal Anfang 20 – da selbst zurecht gezimmert haben. Dass
und ob sie den eigenen Ansprüchen gerecht werden, hängt in
erster Linie von Matt Bellamy ab. Er schreibt die Songs, er singt
sie, sein Gitarrenspiel prägt den Sound von Muse. Eine ganze
Menge Verantwortung für einen Mann allein. Doch Bellamy wird der
Rolle gerecht, nicht zuletzt auch, weil er neben Talent noch über
reichlich Charisma verfügt. Vor allem aber sind es seine
manchmal fast verzweifelt, dann wieder kryptisch klingenden Texte,
die ihn aus der Masse seiner Kollegen herausheben und häufig
Vergleiche mit Radiohead provozieren.
Bellamy: „Ich thematisiere in meinen
Texten einen persönlichen Konflikt, eine Art quälender
Suche. Ich bin ein Atheist, der glauben möchte. Ich will an
etwas glauben können, das mir Ruhe schenkt, Frieden und
Zufriedenheit, kann es aber nicht, weil ich zu skeptisch bin. Ich
suche nach Antworten, nach tieferen Wahrheiten hinter den
vordergründigen Fakten, die Wissenschaft und Religionen als
gegeben und bewiesen verkünden. Allein das Nachdenken, die
Suche, führt zu eigenartigen, verstörenden Gedanken, Ideen
und Möglichkeiten. Ich verarbeite in meinen Liedern aber auch
persönliches Erleben, die gravierenden Veränderungen, die
mein Leben in den letzten Jahren bestimmt haben.“
Seine
Songs schreibt er teilweise auf
der akustischen Gitarre, dann wieder auf dem Klavier oder dem
Keyboard, „...es hängt ganz davon ab, wo ich mich gerade
befinde, ob auf Tour oder daheim, und welches Instrument mir im
Moment zur Verfügung steht. Manchmal bestimmt das Instrument
auch den Sound des Stückes. Ich habe zum Beispiel eine neue
E-Gitarre, die ein Typ in meiner Heimatstadt speziell für mich
gebaut hat, die liebe ich einfach. Ich habe diese Gitarre bekommen
und spontan eine Reihe von Songs drauf geschrieben, die wesentlich
dynamischer und heavier sind als das meiste von unserem anderen
Material.“
Als Produzent hat das Trio für das
zweite Album einen alten Bekannten verpflichtet: John Leckie, der
bereits beim Debüt mit von der Partie war. Leckie ist, sagen
sie, der Mann, der für den Klang zuständig ist, der Mann,
der mit merkwürdigen, manchmal uralten Mikros ankommt, um einen
ganz speziellen Sound hinzukriegen, der an den Knöpfen und
Reglern ihrer Musik den letzten Feinschliff gibt. „Eigentlich“,
so Bellamy selbstsicher, „brauchen wir keinen Produzenten. Wir
wissen, was wir wie haben wollen, wie unsere Songs sein müssen.
Wir brauchen niemanden, der uns beim Spielen oder beim Komponieren
reinredet.“ Außer Leckie war auch Dave Bottril (dEUS, Tool)
als Producer mit von der Partie.
Das Album wird Anfang Juni erscheinen,
die erste Single „Plug In Baby“ ist bereits draußen – und
im UK derzeit in den Top Twenty. Es sieht so aus, als sei von Muse
auch in Zukunft noch einiges zu erwarten.
© 2002/ Muzik
Quest/
Edgar Klüsener
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