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Melanie
C
Eine
Träne für den
nächstbesten Superstar
Als
Sporty Spice hüpfte sie im
Trainingsanzug über die Bühne, hatte Teil an einer
durchaus
ansehnlichen Girlband-Weltkarriere und diente – zumindest auf
den
britischen Inseln – für Jahre als Jagdobjekt
für
Heerscharen von Paparazzi im Wettrennen nach dem nächsten
Goldenen Schuss. Sie war das burschikose Spice Girl, das fitte und
sportliche, der perfekte Kontrapunkt zur elegant-aufgemotzten
Victoria Posh Spice, heutige Beckham. So weit, so bekannt. Schon
weniger bekannt ist, dass sie außerdem für eine
ganze
Reihe der Spice Girls-Hits die kompositorische Mitverantwortung
trägt. In der Tat, Melanie Chisholm hat in ihrer immer noch
recht jungen Karriere bereits einen britischen Rekord gebrochen: Zum
heutigen Tage ist sie die Frau mit den meisten selbst geschriebenen
Hits in der Insel-Popgeschichte. Was sie selbst erstaunt.
„Ist schon ein bisschen merkwürdig“, sagt sie. „Ich habe vor kurzem eine dieser unzähligen Auflistungen in die Hände bekommen, und da standen ganz oben John Lennon, Paul McCartney, Abba und dann Mel C. Also bitte“, lacht sie, „Mel C. in einem Atemzug mit denen, ja passt das denn ...?“
Doch, das passt. Obwohl Melanie Chisholm weniger eine Lennon oder McCartney, sondern vielmehr eine Elton John ist. Nicht, weil sie wie dieser zur Ikone der Schwulen und Lesben dieser Welt geworden ist, sondern weil sie wie er auf die enge Zusammenarbeit mit Komponisten-Partnern setzt. Nur dass Elton John wesentlich monogamer ist. Wo er seit Jahr und Tag treu und brav zu Bernie Taupin hält, wechselt sie schon mal gerne den oder die Songwriter, mit denen sie arbeitet. Vor allem seit dem Ende der Spice Girls. Seit dem nämlich macht die Göre aus Liverpool allein weiter und segelt unter eigener Flagge. Nicht mehr im Trainingsanzug, dafür tätowiert und zunehmend rockiger. Außerdem recht erfolgreich. Rund drei Millionen Tonträger hat sie als Solokünstlerin mittlerweile weltweit abgesetzt.
Dabei soll's möglichst nicht bleiben. Deswegen sitzt sie nun in einem spartanisch ausgestatteten Umkleidezimmer und spricht bereitwillig über sich und ihr jüngstes Album „Beautiful Intentions“, während sich nebenan ihre Band fürs in Kürze anstehende Konzert fertig gemacht. Ungeschminkt, in Jeans und T-Shirt und mit Tattoos auf beiden Amen,von Kopf bis Fuß Rock'n'Roll statt Sporty Spice.
Zwei
Jahre Zeit hat sie sich für
das neue Album genommen. Einige Monate davon hatte sie allerdings in
erzwungener Untätigkeit zunächst im Krankenhaus und
dann
daheim bei Muttern verbringen müssen. Ein schwere
Knieverletzung hatte alle Zeit-, Lebens- und Arbeitspläne
gründlich über
den Haufen geworfen. Seitdem weiß sie, dass Judo
schädlich
für die Gesundheit sein kann.
„Ich hatte mich zu einer dieser dämlichen TV-Shows verpflichten lassen, in denen die Teilnehmer allen nur erdenklichen Unsinn treiben müssen. In dieser Show sollte ich mich in mehreren Sportarten fit machen, eine davon Judo. Und dabei ist's dann passiert. Das Kniegelenk war ganz schön lädiert und musste im Krankenhaus von Grund auf rekonstruiert werden.“
Im heuer gar nicht mehr so tristen Liverpool entstanden die ersten Ideen für das neue Album. Und für das neue Label. Denn Mel C. hat sich noch ein Stückchen weiter selbständig gemacht. Von ihrer alten Plattenfirma Virgin hat sie sich getrennt und eine eigene Firma gegründet. „Red Girl Records“ heißt die, ein Zeichen der Treue des Fußballfans Mel C zum Lieblingsverein Liverpool FC. Der Schritt in die Unabhängigkeit birgt, allen vergangenen Erfolgen zum Trotz, natürlich Risiken, deren sie sich auch voll bewusst ist. „Es ist schon ein bisschen furchteinflößend“, sagt sie. „Ich werde heilfroh sein, wenn das Album all die Ausgaben wieder einspielt, die wir bis jetzt schon hatten.“ Und fügt dann hinzu: „Aber ich bin da recht zuversichtlich. Ich finde nämlich, dass das Album großartig geworden ist.“
Aber warum überhaupt ins Lager des ebenso freien wie riskanten Unternehmertums umgesiedeln, wenn frau einen Plattenvertrag hatte, der ihr nicht nur großartige Einnahmen, sondern auch großzügige künstlerische Freiheiten sicherte?
„Ganz einfach“, lächelt sie. „Weil ich es tun konnte. Ich hatte neun Jahre lang einen Vertrag mit Virgin. Im größten Teil dieses Zeitraums war meine Beziehung zur Firma fantastisch. Virgin hat mich als Künstlerin aufgebaut und weltweit etabliert, aber in den letzten Jahren hat es dann gravierende Veränderungen gegeben. EMI hat die Firma übernommen, mein A&R-Manager ging, viele von den Leuten, mit denen ich lange gut und eng zusammen gearbeitet hatte, waren auf einmal nicht mehr da – es war einfach nicht mehr dasselbe. Deswegen habe ich zusammen mit meiner Managerin dann das Label gegründet. Ihre Arbeitsbelastung hat sich seitdem vervielfacht, die Arme.“
Virgin war seinerzeit auch die Plattenfirma gewesen, die die Spice Girls ganz groß heraus gebracht hatte. Die Mädchen haben sich seitdem zwar längst in alle Himmelsrichtungen und Fußballhochburgen verstreut, ihre Vergangenheit werden sie trotzdem nicht so einfach los. Selbst dann nicht, wenn sie wie Mel C. längst eindeutig Eigenes auf die Beine gestellt haben. Die Vergangenheit mit der Girlie-Truppe, von Posh bis Sporty damals der perfekt besetzte Wunschtraum eines jeden Marketingmannes, mag fantastisch gewesen sein, doch mittlerweile drückt sie auch.
„Die Spice Girls waren ein Segen“, erklärt sie, „ weil sie mir den Einstieg in dieses Leben ermöglicht und eine brillante Karriere beschert haben. Ohne die Spice Girls wäre ich heute kaum Inhaberin eines Plattenlabels und eine erfolgreiche Solokünstlerin. Aber mittlerweile ist die Vergangenheit als Spice Girl auch ein Fluch. Es ist verflixt schwer, dieses alles überschattende Image wieder los zu werden.“
Deswegen liegt ihr auch „Next
Best
Superstar“ durchaus am Herzen, obwohl es das einzige
Stück des
Albums ist, an dem sie nicht mitkomponiert hat. Geschrieben hat den
richtig schön schwerfälligen Rocker Adam Argyle. Auf
den
Leib geschrieben hat er ihn ihr, findet Frau Chisholm. „Wir
waren
wahrscheinlich der Prototyp der modernen gecasteten
Mädchen-Popgruppe“, sagt sie. „Alles war
von vornherein
perfekt geplant, die Garderoben, die Charaktere, unser ganzes
Erscheinungsbild. Und wir hatten einen Koffer voll von eigenen Songs.
Deshalb haben sich die Plattenfirmen damals um uns gerissen. Das hat
uns einige Macht gegeben. Wir konnten in aller Seelenruhe
sensationelle Verträge aushandeln, weil wir wussten, dass uns
jeder haben wollte. In dieser Zeit haben wir die
Entertainmentindustrie gründlich von innen kennen gelernt, mit
allen ihren schönen Versprechungen und fiesen Schattenseiten.
Deswegen tut's mir heute in der Seele weh, wenn ich mit ansehen muss
wie hoffnungsfrohe junge Menschen völlig naiv, schutz- und
machtlos in Casting-Shows verheizt werden. Sie geben schon im Vorfeld
alle Rechte aus der Hand und machen sich selbst zum Spielball der
Haie hinter den Kulissen. Im besten Fall haben sie dann einen Hit
lang Erfolg, bevor sie wieder im Nirgendwo verschwinden, wo bereits
der nächste „Casting-Show-Superstar für
einen Tag“ auf
sein Glück hofft. Am Ende bleibt ihnen kaum mehr als die
Erinnerung an einen zerbrochenen Traum. Darum geht’s in 'Next
Best
Superstar', und der Song drückt genau meine eigenen
Erfahrungen
mit dem und meine Meinung über das Business aus.“
Melanie Chisholm liebt nach wie vor süffige Pianoballaden und den gelegentlichen Streicher-Bombast. Aber sie rockt auch gerne. Auf ihrem neuen Album so sehr wie selten zuvor. Deswegen klingt „Beautiful Intentions“ auch mehr nach Los Angeles als nach Liverpool. Im amerikanischen Glam-Rock-Mekka hat sie nach dem Ende der Spice Girls zwei Jahre lang gelebt, ihre Vorliebe für guten Rock allerdings ist älter.
„Ich stehe arg auf Bands wie Foo Fighters oder Queens Of the Stone Age“, gesteht sie ein. „Wie übrigens auch der Rest der Band“.
Ach ja, die Band. Melanie C steht zwar auf allen Verpackungen als Markenzeichen, aber ganz so solo ist die Dame schon länger nicht mehr. Der Kern ihrer Live-Band ist von der ersten Solominute an mit von der Partie, und mittlerweile mischen sich die Jungs und Mädchen auch ins Songwriting ein, was sie im übrigen ganz ausgezeichnet findet. „Die ersten beiden Alben habe ich noch im Alleingang zusammen mit externen Komponisten geschrieben. Das hat sich jetzt gewaltig geändert. Die Band war nicht nur von Anfang an in allen Phasen beteiligt, einige der Songideen auf dem Album kamen auch von den Bandmusikern. Ich will in Zukunft diese Art der Zusammenarbeit noch intensivieren, so dass die Band und ich am Ende eine wirkliche, organische gewachsene kreative Einheit sind.“
© 2005 Text und Fotos: MuzikQuest/Edgar Klüsener