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Haven
Jungspunde
mit Attitude
Das
Debütalbum produziert vom Smiths-Gitarristen Johnny Marr, gemanaged vom
früheren Smiths-Manager Joe Moss - traumhafte Startbedingungen für eine
junge Band. Sollte man meinen. „Stimmt nur eingeschränkt“, sehen's Gary
Briggs und Nat Wason ein klein wenig anders. „Diese Kombination erlaubt
nur dann einen traumhaften Start, wenn man auch in der Lage ist,
erstklassige Songs zu schreiben und ein eigenes Profil zu entwickeln.“
Briggs und Mason sind Sänger und Gitarrist von
Haven. Das Quartett - außer den beiden sind noch Bassist Iwan Gronow
und Schlagzeuger Jack Mitchell mit im Bunde - hat gerade sein
Debütalbum „Between The Senses“ veröffentlicht und gilt schon als
kommende Größe. Nicht, weil Johnny Marr das Album produziert hat, auch
nicht, weil ihr Manager Joe Moss heißt, wohl aber, weil die Band
großartige Songs schreibt, Gary Briggs ein begabter Sänger und Texter
ist und weil alle Vier trotz iher Jugend schon genau zu wissen
scheinen, was sie wollen und vor allem wie sie es wollen. Sowas findet
man selbst in Englands Pop-Metropole Manchester nicht alle Tage - aber
häufiger als anderswo. Deshalb ist die Band auch im Februar aus dem
idyllischen, warmen und fast ein wenig mediterranen
Kleinstädtchen Penzance am äußersten Ende Cornwalls in die kalte,
verregnete Großstadt im Nordwesten Englands umgezogen. „Wir wollten
dahin, wo die Action ist“, erklärt Nat Mason. „Wir hätten auch nach
London übersiedeln können“, sagt er weiter. „Das liegt schließlich fast
vor der Haustür. Aber London wäre keine Herausforderung gewesen.
Manchester hingegen ist eine. Fast alle großen englischen Bands der
letzten Jahre kommen von dort, die Stadt und ihr Umland ist das
kreative Zentrum der Insel, hat für England die Bedeutung wie Los
Angeles für Amerika. Entsprechend hart ist die Konkurrenz. Wie in L.A.
Ist jeder Taxifahrer ein Musiker, hat jeder Kellner wenigstens ein
fertiges Film-Manuskript in der Tasche und der Gemüsehändler an der
Ecke schreibt gerade sein Romandebüt. In Manchester müssen wir mit
Dutzenden Bands konkurrieren, von denen jede einzelne absolute
Spitzenklasse ist. Als wir in der Stadt ankamen, hatte wir etwa dreißig
fertige Songs im Gepäck. Aber schon nach kurzer Zeit mussten wir
erkennen, dass von diesen dreißig höchstens drei oder vier auch
wirklich gut waren.“
Haven nahm
die Herausforderung an. Unterstützt von Manager Joe Moss, den sie eher
zufällig ein Jahr zuvor in ihrer Heimatstadt kennen gelernt hatten,
arbeiteten sie an neuen Songs und präsentierten diese in regelmäßigen
Abständen einem kritischen Publikum im Night & Day - Café. Das
Night & Day ist eine kuriose Mischung aus Café, Club, Szenetreff
und Live-Venue. Außerdem die Heimat der Musikszene Manchesters. Jeden
Abend spielen mehrere lokale Bands auf, in manchen Nächten bis zu
sechs oder sieben, von Travis bis zu Badly Drawn Boy hat nahezu jede
erfolgreiche britische Band der letzten Jahre ihre frühen Konzerte im
Night & Day- Café gegeben. Für Haven wurde es zur zweiten Heimat.
„Jede Band braucht eine Heimat“, sagt Gary. Die Doors hatten das
Whiskey A Gogo in Los Angeles, die Byrds hatten das Fillmore, die
meisten großen Bands hatten einen speziellen Club, mit dem sie eng
verbunden waren.“ Die Byrds, The Doors
- Namen, die einiges über die wahre musikalische Heimat von Haven
aussagen. Die Band sieht sich in der Tradition amerikanischer
Westcoast-Bands der späten Sechziger und frühen Siebziger und gibt das
auch unumwunden zu. „Musikalisch unsere Heimat, weil diese Periode eine
der kreativsten der Popgeschichte war. Und die amerikanische Westcoast
war das Epizentrum. Bands wie Grateful Dead, Quicksilver Messenger
Service, aber auch Einzel-Musiker wie Bob Dylan oder Neil sind unsere
Helden. Was nicht heißen soll, dass wir deren Musik kopieren, wohl aber
ihre Attitüde, ihren Spirit. Dazu gehört auch der Verzicht auf jede Art
von Egotrip. Haven ist nicht ein Sänger und ein paar Mitmusiker oder
ein Gitarrist mit Begleitband, sondern eine in sich geschlossene Gruppe
gleichwertiger Musiker, von denen sich keiner in den Vordergrund
drängelt, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet: immer bessere
Songs, neue Ideen, das vollkommene Ausschöpfen des individuellen wie
des kollektiven kreativen Potenzials.“
Dabei nehmen sie gern
auch Hilfe von außen an. Die von Johnny Marr zum Beispiel. Der
Smiths-Gitarrist hat nicht nur das Debüt-Album produziert, er hat auch
wertvolle Hilfestellung beim Songwriting gegeben. „Mit Johny arbeiten
zu dürfen, war für uns ein großartiges Erlebnis und ein enormer
Lernprozess. Johnny Marr ist nicht nur ein exzellenter Gitarrist,
sondern auch ein herausragender Songwriter. Wir hatten anfangs dazu
geneigt, uns selbst Fallen zu stellen. Gute Songideen hatten wir
verwässert, weil wir die Stücke nach und nach mit zu viel überflüssigem
Ballast befrachtet hatten. Hier noch ein Gitarrenlauf, da ein unnötiger
Trommelwirbel, die Songs verloren ihre klare Konturen. Johnny hat uns
in solchen Situationen wieder auf den richtigen Weg zurück geführt, uns
bewusst gemacht, worauf es wirklich ankommt.“
Den
Kontakt zu Johnny Marr hatte Joe Moss hergestellt. Dass der mal der
Manager der Smiths gewesen war, hatte die Band übrigens erst nach
längerer Zeit herausgefunden. „Joe war einfach ein guter Freund. Wir
saßen nächtelang herum, tranken Rotwein und fachsimpelten über Musik.
Sein Muikwissen ist so unglaublich wie seine Plattensammlung. Dann sah
ich eines Tages zufällig eine Fernsehdokumentation über The Smiths und
wollte meinen Augen kaum trauen: Da war Joe zu sehen, sprach über die
Band und wurde als ihr Manager präsentiert. Erst da fanden wir heraus,
dass unser guter Freund Joe eine solche Vergangenheit hatte.“
Die
Vergangenheit erweist sich nun als nützlich. Mit Joe Moss als Manager,
Johnny Marr als Produzenten und einem der besten Debütalben des Jahres
in der Tasche dürften Haven alle Türen offenstehen. Englische Medien
munkeln von der Geburt einer neuen Supergruppe. Soweit wollen wir noch
nicht gehen, aber eine große Band werden Haven allemal. Das ist so
sicher wie der notorische Regen in Manchester.
© 2002 Muzik Quest/
Edgar Klüsener
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