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Amplifier Schlafplatz für eine Nacht gesucht
Eine gute Aussicht, die den Dreien allerdings ziemlich egal zu sein scheint. Sie hocken in ihrem Übungsraum im Gewölbe 61 unter dem Oxford Road Bahnhof und freuen sich lieber auf ein anstehendes Konzert von Jane's Addiction denn auf eine potenzielle glorreiche Karriere. Nicht, dass ihnen letztere unwillkommen wäre, sie steht halt nur nicht so weit oben auf der Prioritätsliste, wie bei vielen der geschäftstüchtigeren Popkollegen, die als allererstes einen Manager verpflichten, anschließend einen Anwalt und erst dann in einen Laden marschieren, um eine Gitarre und die dazugehörigen Handbücher für den Selbstunterricht zu erstehen.
Ein Rock-Trio hat es schwer im Konzert, die einzelnen Instrumentalisten müssen nicht nur das Gerüst der Musik liefern, sondern zugleich auch noch Mauerwerk, Fassade und Inneneinrichtung, Teile der Architektur, für die in umfangreicher besetzten Gruppen Keyboarder, zweite Gitarristen, Bläserensembles oder Hintergrund-Chöre zuständig sind. Ein Trio darf sich in Konzerten keine Fehler erlauben, weil jeder Fehler nicht nur die Fassade ankratzt, sondern gleich das Fundament selbst beschädigt. In einem funktionierenden Trio müssen die Musiker einander blind verstehen. Dieses blinde Verstehen haben sich Amplifier hart erarbeitet. Sel Balamir: „Wir haben vier Jahre lang in unserem Gewölbe gehockt und Tag für Tag an unserer Musik gearbeitet. Nicht, weil uns das dunkle Kämmerlein besonderen Spaß gemacht hat, sondern weil wir uns und unsere Ideen, unseren Stil entwickeln wollten. Und wir haben uns gut dabei gefühlt. Als dann der Tag kam, an dem wir das Gefühl hatten, dass wir endlich die Songs hatten, für die wir einstehen konnten, sind wir mit denen nach draußen gegangen. Nein, nicht mit einem Demo in der Hand zur nächsten Plattenfirma, sondern in die kleinen Kneipen und Clubs der Insel.“
Die Reisebedingungen haben sich mittlerweile verbessert: statt auf den Wohnzimmercouches oder in den Betten von Konzertbesuchern verbringen sie nun ihre Nächte im Nightliner, und statt in zweifelhaften Kaschemmen spielen sie jetzt in den namhaften Rockclubs. Einen Ruf als „Band, die man unbedingt gesehen haben muss“ haben sie zudem. Der ist wohlverdient, denn auch optisch sticht Amplifier aus dem Rahmen. Da ist zunächst einmal der charismatische Balamir, der es schafft ein Publikum allein mit seiner Gitarre und seiner Stimme in Bann zu schlagen, ohne dabei in die Klischee-Klamotten- und Kostümkiste greifen zu müssen. Neben ihm agiert mit nervöser Energie Bassist Neil Mahony, vor sich auf dem Boden ein wüstes Arsenal von Effektgeräten, auf dem er Step tanzt, während er seinen Bass so überzeugend wie eine Gitarre spielt, dass der Zuschauer fast sechs Saiten zu sehen vermeint, wo doch nur ganz normale vier aufgespannt sind. Und im Hintergrund liefert Brobin seine Beats mit der Präzision einer Taktmaschine und dem Einfühlungsvermögen eines Buschtrommlers in mystischer Selbstversenkung. Livekonzerte des Trios sind pure Magie, und so mancher Youngster im Publikum bekommt ganz plötzlich eine Ahnung davon, was seine Eltern oder Großeltern an Gruppen wie Led Zeppelin oder Pink Floyd so gemocht haben könnten.
Den Job hatte damals, Amplifier hatten sich gerade erst gegründet, ein Freund vermittelt. Freunde und Bekannte spielen in der Geschichte der Band eine große Rolle. Sie hat sich immer darauf verlassen, dass sich für gute Musiker irgendwann schon alles irgendwie fügen wird. Sel Balamir: „Freunde und Bekannte, einige davon mit Beziehungen und Funktionen in der Musikindustrie, haben sich von sich aus für uns engagiert, einfach weil sie an uns geglaubt haben, manchmal mehr als wir an uns selbst.“
Die Band hat keinen
Masterplan, keine Marketingstrategie, nicht einmal den unbedingten
Wunsch Karriere um jeden Preis zu machen. Die Drei wollen einfach nur
gute Musik schreiben, den eigenen Ansprüchen gerecht werden und
bei all dem auch noch ein bisschen Spaß haben. Das alles
allerdings konsequent und mit höchstem Einsatz. Der Rest, so
ihre Überzeugung, wird schon irgendwie werden. Die
Überzeugung
dürfte sich kaum als irrig erweisen; das Debütalbum, das in
Deutschland iam 10. Mai erschienen ist, lässt den
Verdacht zur Gewissheit werden, dass mit Amplifier eine Band in den
Startlöchern steht, die viel zu gut für einen Hype ist und
viel zu viel Substanz hat, um schnell wieder in der Versenkung zu
verschwinden. Die britische Rockmusik knüpft endlich wieder an
ihre großartige Vergangenheit an! Weblink: offizielle
Bandsite Amplifier © 2004 MuzikQuest-
Edgar Klüsener/ SPIEGEL online,
Erstveröffentlichung am 22. Mai 2004 auf www.spiegel.de |
AMPLIFIER Wer ist/war der größte Gitarrist aller Zeiten? Stimmt ab! |