Logo



Startseite
News
Interviews
Reportagen
CD-Kritiken
DVD-Kritiken
Konzert-Tips
Archiv
Interaktiv:
Quiz
Streams
Chat
Forum
Gästebuch
Kontakt/
Impressum
Amplifier
Schlafplatz für eine Nacht gesucht

AmplifierWährend ganz Großbritannien noch nach dem diesjährigen Überhype fahndet und von Franz Ferdinand über Keane bis hin zu den Scissors Sisters auch wieder einmal – zumindest vorübergehend – fündig wird, probieren im kalten Manchester drei junge Burschen Schuhe an, die ursprünglich Bands wie Led Zeppelin, Black Sabbath oder Pink Floyd auf Maß geschnitten hatten. Schuhe, die sich seitdem für viel zu viele ihrer Möchtegern-Erben als viel zu groß erwiesen hatten. Sel Balamir, Matt Brobin und Neil Mahony allerdings scheinen eben diese Treter wie angegossen zu passen. Die Drei haben sich den Künstlernamen Amplifier gegeben, gelten bislang als Ultra-Geheimtipp und könnten sich schon bald als die unerwartete, aber großartige Zukunft der britischen Rockmusik jenseits von Hype und Untergang entpuppen.

Eine gute Aussicht, die den Dreien allerdings ziemlich egal zu sein scheint. Sie hocken in ihrem Übungsraum im Gewölbe 61 unter dem Oxford Road Bahnhof und freuen sich lieber auf ein anstehendes Konzert von Jane's Addiction denn auf eine potenzielle glorreiche Karriere. Nicht, dass ihnen letztere unwillkommen wäre, sie steht halt nur nicht so weit oben auf der Prioritätsliste, wie bei vielen der geschäftstüchtigeren Popkollegen, die als allererstes einen Manager verpflichten, anschließend einen Anwalt und erst dann in einen Laden marschieren, um eine Gitarre und die dazugehörigen Handbücher für den Selbstunterricht zu erstehen.

Sel BalamirDas Trio ist da eher konservativ. Sie haben nicht nur alle drei vorher schon in diversen Bands gespielt, sondern sich als Amplifier auch zunächst mal einige Jahre in ihrem Übungsraum eingeschlossen und dort in aller Ruhe an ihrer Musik gearbeitet. Die scheint gar nicht so recht in unsere Zeit zu passen. Die ausgefeilten, bleischweren und psychedelischen Rockkompositionen mit den feinen Melodien erinnern eher an die guten alten Tage des britischen Rock, an Led Zeppelin, Pink Floyd und Cream, aber auch an The Verve vor „Bittersweet Symphony“. Mit allen diesen haben Amplifier mehr als nur die Ähnlichkeiten im Sound gemeinsam, auch das kompositorische Talent ist durchaus vergleichbar. Das manifestiert sich vor allem in Sänger und Gitarrist Sel Balamir. Der hagere Frontmann ist der unbestrittene musikalische Kopf des Trios, er schreibt die Musik, die Texte und er ist es auch, der dem Debütalbum als Co-Produzent den letzten Schliff gegeben hat. Mit Brobin und Mahony hat er zwei Musiker an seiner Seite, die ihr Handwerk ebenfalls nahezu perfekt beherrschen. Dass die Drei zu einer eingeschworenen musikalischen Gemeinschaft verschmolzen sind, die ihre ganz eigene Wellenlänge gefunden hat, wird vor allen bei den Liveauftritten deutlich.

Ein Rock-Trio hat es schwer im Konzert, die einzelnen Instrumentalisten müssen nicht nur das Gerüst der Musik liefern, sondern zugleich auch noch Mauerwerk, Fassade und Inneneinrichtung, Teile der Architektur, für die in umfangreicher besetzten Gruppen Keyboarder, zweite Gitarristen, Bläserensembles oder Hintergrund-Chöre zuständig sind. Ein Trio darf sich in Konzerten keine Fehler erlauben, weil jeder Fehler nicht nur die Fassade ankratzt, sondern gleich das Fundament selbst beschädigt. In einem funktionierenden Trio müssen die Musiker einander blind verstehen. Dieses blinde Verstehen haben sich Amplifier hart erarbeitet. Sel Balamir: „Wir haben vier Jahre lang in unserem Gewölbe gehockt und Tag für Tag an unserer Musik gearbeitet. Nicht, weil uns das dunkle Kämmerlein besonderen Spaß gemacht hat, sondern weil wir uns und unsere Ideen, unseren Stil entwickeln wollten. Und wir haben uns gut dabei gefühlt. Als dann der Tag kam, an dem wir das Gefühl hatten, dass wir endlich die Songs hatten, für die wir einstehen konnten, sind wir mit denen nach draußen gegangen. Nein, nicht mit einem Demo in der Hand zur nächsten Plattenfirma, sondern in die kleinen Kneipen und Clubs der Insel.“

Neil Mahony - AmplifierIn einem Minibus, so voll gepackt mit Instrumenten und Verstärkern, dass für die drei Musiker kaum noch Platz zu Sitzen war, tourten sie folgerichtig einige Monate lang kreuz und quer über die britischen Inseln, spielten in Spelunken, Dorf-Kaschemmen und gelegentlich auch in richtigen Rock-Clubs. Da nie genug Geld für Übernachtungen in Pensionen oder Hotels da war und weil der Minibus, vollgepackt wie er war, keinen Raum für einen, geschweige denn drei, Schläfer bot, musste die Band auf Plan B zurückgreifen: Zum wichtigsten Tourutensil avancierte neben Instrumenten, Verstärkern und Zahnbürste ein großes Pappschild mit der Aufschrift „ we need a floor to crash on“ (wir brauchen einen Schlafplatz)“, das Abend für Abend zu Konzertbeginn am Bühnenrand aufgestellt wurde. Die Methode funktionierte überraschend gut. Mahoney: „Wir haben so gut wie immer einen Schlafplatz gefunden, meistens schon lange vor Ende des Konzertes.“

Die Reisebedingungen haben sich mittlerweile verbessert: statt auf den Wohnzimmercouches oder in den Betten von Konzertbesuchern verbringen sie nun ihre Nächte im Nightliner, und statt in zweifelhaften Kaschemmen spielen sie jetzt in den namhaften Rockclubs. Einen Ruf als „Band, die man unbedingt gesehen haben muss“ haben sie zudem. Der ist wohlverdient, denn auch optisch sticht Amplifier aus dem Rahmen. Da ist zunächst einmal der charismatische Balamir, der es schafft ein Publikum allein mit seiner Gitarre und seiner Stimme in Bann zu schlagen, ohne dabei in die Klischee-Klamotten- und Kostümkiste greifen zu müssen. Neben ihm agiert mit nervöser Energie Bassist Neil Mahony, vor sich auf dem Boden ein wüstes Arsenal von Effektgeräten, auf dem er Step tanzt, während er seinen Bass so überzeugend wie eine Gitarre spielt, dass der Zuschauer fast sechs Saiten zu sehen vermeint, wo doch nur ganz normale vier aufgespannt sind. Und im Hintergrund liefert Brobin seine Beats mit der Präzision einer Taktmaschine und dem Einfühlungsvermögen eines Buschtrommlers in mystischer Selbstversenkung. Livekonzerte des Trios sind pure Magie, und so mancher Youngster im Publikum bekommt ganz plötzlich eine Ahnung davon, was seine Eltern oder Großeltern an Gruppen wie Led Zeppelin oder Pink Floyd so gemocht haben könnten.

AmplifierDass Mahony seinen Bass wie eine Gitarre spielt, mag übrigens auch daran liegen, dass der Ire, der mit seiner Band von Dublin nach Manchester gekommen und dann hängen geblieben war, von Haus aus Gitarrist ist. Auf den Bass war er eigens für Amplifier umgestiegen. Und für einen chinesischen Popmusiker, der im Studio einen Bassisten gebracht hatte. Mahony: „Das war ziemlich bizarr, ich spielte nicht mal drei Wochen lang Bass, da wurde ich auch schon als Studiobasser für eine Plattenproduktion gebucht. Irgendwie habe ich mich bei den Aufnahmen durchgewurschtelt, aber im Nachhinein tut mir der Mann wirklich leid. Er hatte sich für viel Geld einen blutigen Anfänger eingehandelt.“

Den Job hatte damals, Amplifier hatten sich gerade erst gegründet, ein Freund vermittelt. Freunde und Bekannte spielen in der Geschichte der Band eine große Rolle. Sie hat sich immer darauf verlassen, dass sich für gute Musiker irgendwann schon alles irgendwie fügen wird. Sel Balamir: „Freunde und Bekannte, einige davon mit Beziehungen und Funktionen in der Musikindustrie, haben sich von sich aus für uns engagiert, einfach weil sie an uns geglaubt haben, manchmal mehr als wir an uns selbst.“

Sel BalamirUnd da es im Popuniversum gelegentlich auch mal gerecht zugeht, fügt sich nun wirklich langsam zusammen, was ihnen zusteht. Freunde haben aus eigener Initiative heraus den Kontakt zur Plattenfirma hergestellt und diese von dem Trio überzeugt. Freunde, die zufällig auch Agenten sind, vermitteln ihnen Tourneen mit größeren Bands auf gleicher Wellenlänge, Freunde erledigen das Management. Einige Freunde sind ziemlich hochkarätig. Wie zum Beispiel Steve Lyon. Der hatte in früheren Tagen Platten von Depeche Mode und The Cure produziert und ist Sel Balamir bei der Produktion des Debütalbums „Amplifier zur Hand gegangen. Oder wie Chris Sheldon, der das Album abgemischt hat. Sheldon hat ähnliche Arbeit auch für die Foo Fighters, Feeder und Hell Is For Heroes geleistet.

Die Band hat keinen Masterplan, keine Marketingstrategie, nicht einmal den unbedingten Wunsch Karriere um jeden Preis zu machen. Die Drei wollen einfach nur gute Musik schreiben, den eigenen Ansprüchen gerecht werden und bei all dem auch noch ein bisschen Spaß haben. Das alles allerdings konsequent und mit höchstem Einsatz. Der Rest, so ihre Überzeugung, wird schon irgendwie werden. Die Überzeugung dürfte sich kaum als irrig erweisen; das Debütalbum, das in Deutschland iam 10. Mai erschienen ist, lässt den Verdacht zur Gewissheit werden, dass mit Amplifier eine Band in den Startlöchern steht, die viel zu gut für einen Hype ist und viel zu viel Substanz hat, um schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden. Die britische Rockmusik knüpft endlich wieder an ihre großartige Vergangenheit an!

Weblink: offizielle Bandsite Amplifier

© 2004 MuzikQuest- Edgar Klüsener/ SPIEGEL online, Erstveröffentlichung am 22. Mai 2004 auf www.spiegel.de




AMPLIFIER

Wer ist/war der größte Gitarrist aller Zeiten?Poll Stimmt ab!

Hauptseite
   News   Interviews   Reportagen   CD-Rezensionen   DVD -Rezensionen   Konzert-Termine   Downloads/Streams   Archiv   Quiz   Forum   Chat   Gästebuch   Impressum  
Kontakt