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Iran und die USA
ein
schwieriges Verhältnis

Ruinen im IrakAuszüge aus einem Interview mit Prof. Dr. Ervand Abrahamian vom Baruch Institut der Columbia University of New York. Das Interview wurde im Januar 2007 telefonisch geführt.Seitdem sind britische Nahostexperten zu der Auffassung gekommen, dass ein Auseinanderbrechen des Irak, und damit ein totaler Bügerkrieg, kaum noch zu verhindern ist (Chatham House, Middle East Programme Briefing Paper MEP BP 07/02, 'Accepting Realities in Iraq'). Dier USA und Iran reden inzwischen miteinander. Irgendwie. Zugleich aber droht der amerikanische Unobotschafter John Bolton im Interview mit der BBC (17.5.2007, BBC1, Today-Programme) dem Iran mit schweren Militärschlägen. 

Frage: Herr Dr. Abrahamian, hat Iran Interesse an einer Verschlechterung der Lage in Irak?

Frauen im IrakDr. Abrahamian: Nein, ganz gewiss nicht. Im besten Interesse Irans wäre die Erhaltung des irakischen Staates, solange in diesem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen fair repräsentiert sind. In diesem Fall würden die Schiiten eine dominierende Rolle spielen, weil sie die größte Gruppe darstellen. Und solange im Irak die Schiiten dominieren, solange wäre der Irak auch pro-iranisch. Das Problem für Teheran ist nur, dass Iran außerstande ist, den irakischen Staat zu erhalten, weil die USA diesen bereits weitgehend zerschlagen haben. Der Iran kann kaum einschätzen, welche Folgen es letztlich haben wird, sollte der Irak wirklich völlig auseinanderfallen. Teheran weiß nur, dass die Folgen auf keinen Fall gut für den Iran sein werden. Iran kann dieses Auseinanderfallen auch nicht verhindern. Die brennende Frage ist daher vor allem, wie sich der zu erwartende Schaden eindämmen und minimieren lässt. Auch hier hat Iran kaum eine Möglichkeit wirklicher Einflussnahme. Es sind die USA, die am Ende alle Karten in der Hand halten und nach Belieben ausspielen können, während der Iran an der Seitenlinien zum Zuschauen verdammt ist. Iran hat nicht das geringste Interesse an Chaos im Irak, könnte dieses aber auch nicht verhindern

Frage: Aber ein gravierender Vorwurf, den vor allem die Amerikaner gegen Iran erheben, ist doch gerade der der aktiven Einmischung in irakische Angelegenheiten und die Unterstützung von terroristischen schiitischen Elementen im Irak.

Dr. Abrahamian: Natürlich unterhält Iran seit eh und je gute Beziehungen zu verschiedenen schiitischen Gruppen im Irak. Vor allem zu Sciri, die eine sehr starke Miliz unterhält und außerdem an der Regierung beteiligt ist. Das Verhältnis Irans zu Dawa, die den derzeitigen irakischen Premierminister stellt, ist traditionell ebenfalls sehr gut. Das ist auch kein Geheimnis. Beide Gruppen sind schließlich ursprünglich mit massiver iranischer Unterstützung gegründet worden. Ebenfalls kein Geheimnis ist, dass die Badra Miliz von Iranern gegründet und bewaffnet wurde. Das alles ist kein Geheimnis. Wenn man dann allerdings hingeht und den Iran beschuldigt, auch andere Gruppen, hier vor allem Muktada al-Sadrs Mehdi-Army, zu unterstützen, dann ist der Vorwurf zumindest zweifelhaft. Sadr war in der Vergangenheit ausgesprochen skeptisch gegenüber Iran und hat sowohl Dawa als auch Sciri heftig wegen ihrer engen Verbindungen zu Iran kritisiert. Deswegen kann ich mir kaum vorstellen, dass der Iran in der Vergangenheit Waffen an die Mehdi Army geliefert hat.

Frage: Es scheint aber so, als zeichne sich eine Besserung im Verhältnis Irans mit Muktada al-Sadr ab.

Dr. Abrahamian: Sollte es einen amerikanischen oder israelischen Angriff auf Iran geben, wäre Muktada al-Sadr tatsächlich ein natürlicher Verbündeter Irans. Vor allem, wenn er sich dann bereit zeigen sollte, US-Streitkräfte offensiv anzugehen. Deshalb revidiert Teheran seine Einschätzung al-Sadrs und hält sich deshalb nun auch die Option offen, Sadrs Mehdi Army im Falle eines Angriffs mit Waffen massiv aufzurüsten. Ich glaube allerdings nicht, dass Iran jetzt schon Waffen an Sadr liefert.

Frage: Hat Iran Muktada al-Sadr früher nicht ernst genug genommen?

Dr. Abrahamian: Das kann man so sagen. Als die USA und ihre Verbündeten Irak besetzten, war al-Sadr kaum mehr als ein kleiner Prediger und wurde deshalb in Teheran nicht für voll genommen. Doch seitdem hat er dramatisch an Einfluss und Ansehen gewonnen. In kaum mehr als zwei Jahren ist er zum populärsten Mann im Südirak und in Bagdad geworden. Die Iraner nehmen ihn deshalb nun sehr viel ernster. Seine Popularität schlägt sich ja auch in den Wahlergebnissen nieder. In den Wahlen erhielt er die höchste Zahl von Block-Stimmen. Wer Demokratie ernst nimmt, wird nicht umhin können zu akzeptieren, dass al-Sadr nun die bedeutendste Persönlichkeit in der irakischen Politik ist.

Frage: Sie haben gesagt, dass Irans oberstes Interesse ein stabiler Irak sei. Würde es dann nicht Sinn machen, wenn Teheran sich umgehend mit den USA an einen Tisch setzt?

Dr. Abrahamian: Natürlich. Aber auch hier gilt: Entscheidend ist nicht, was Iran will, sondern ganz allein die Agenda der USA. Wenn die USA keine guten Beziehungen mit Iran will, dann gibt’s nichts, was Iran dagegen tun kann.

Frage: Warum haben sich die Beziehungen eigentlich so verschlechtert?

Dr. Abrahamian: Es gab Phasen in der jüngeren Vergangenheit, in denen die Beziehungen zwischen Iran und den USA gar nicht so schlecht waren. Nach dem 11. September zum Beispiel haben die Amerikaner vom Iran Unterstützung für den Angriff auf Afghanistan erbeten und auch erhalten. Zu dem Zeitpunkt war die amerikanische Führung durchaus bereit, konstruktiv mit dem Iran zusammenzuarbeiten. Für die spätere Verschlechterung des Verhältnisses zwischen beiden ist hauptsächlich Washington verantwortlich. Erklärtes politisches Ziel der Neokonservativen um Präsident Bush ist Regimewechsel im Nahen Osten, und der Iran war von Anfang an das nächste Ziel nach dem Irak. Die Erwartung war, dass die Niederwerfung Iraks kaum länger als drei Wochen dauern werde, und dass man sich dann Iran vornehmen könne. Es ist dann alles etwas anders gekommen als es sich die Neokons ausgemalt hatten. Aber Regimewechsel im Iran steht nach wie vor auf der Agenda.

Frage: Und womit sollte das immerhin weitgehend demokratisch legitimierte Regime dann ersetzt werden? Hat Washington denn eine glaubwürdige Alternative?

Dr. Abrahamian: Nein. Aber das dürfte die Neokonservativen kaum aufhalten. Es gab auch keine wirkliche Alternative im Irak. Regimes mit militärischen Mitteln zu vernichten ist kein großes Problem. Das Danach allerdings ist ein um so größeres.

Frage: Bei der Vorbereitung des Angriffs auf den Irak und unmittelbar danach hat Washington eng mit diversen irakischen Exilgruppen zusammengearbeitet. Ist im Falle Iran ähnliches zu beobachten?

Dr. Abrahamian: Es gibt Versuche. Allerdings haben die meisten Exilgruppen jede Zusammenarbeit mit Washington abgelehnt. Selbst die Monarchisten halten sich lieber fern von Washington. Nur sehr wenige lassen sich mit der Bush-Administration ein. So wie die Mujahedin-e Khalk.

Frage: Die von Washington offiziell als Terroristengruppe geführt sind?

Dr. Abrahamian: Richtig. Aber das hält das Pentagon nicht von einer Zusammenarbeit mit ihnen ab. Die Mujahedin-e Khalk haben ein Ausbildungslager direkt vor den Toren von Bagdad, und das wird vom Pentagon geschützt. In letzter Zeit sind weitere Exilorganisationen in Washington aufgetaucht, die überwiegend nur auf dem Papier existieren. Das sagt einiges über die Denkweise Washingtons. Iran ist ein Land, in dem viele verschiedene Nationalitäten leben. Also, so der Grundgedanke, hetzt man die am besten gegen die Zentralregierung auf, und schon fällt der Staat auseinander. Das erklärt das Auftauchen von Gruppen in Washington, die die Befreiung von Aserbeidschan, Khuzestan, Belutschistan oder Kurdistan auf ihre Fahnen geschrieben haben. All diese Exilorganisationen behaupten, im Namen der jeweiligen Bevölkerungsgruppen zu sprechen.

Frage: Unterstützt Washington Aktivitäten dieser Gruppen innerhalb Irans?

Dr. Abrahamian: Es hat eine Reihe von Bombenanschlägen in Khuzestand, Kurdistan und anderen Gegenden Irans gegeben, genauso wie lokale Tumulte. Die Iraner beschuldigen die USA, diese Ereignissen initiiert zu haben. Ich weiß nicht, ob die USA wirklich dahinter stecken, aber es ist eindeutig, dass diese kleinen ethnischen Gruppen von außen unterstützt werden.

Frage: Welche Erfolgsaussichten hätte denn eine Strategie, die auf die Schwächung Irans von innen her setzt?

Dr. Abrahamian: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Regierung in Teheran vor ernsthafte Probleme stellen würde. Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein, denn sie gibt der Zentralregierung einen wunderbaren Vorwand, massiv gegen alle bekannten Dissidenten in den betroffenen Regionen vorzugehen. Die Frage ist eher, was passieren würde, sollte es zu massiven Luftangriffen auf Regierungsbüros und öffentliche Einrichtungen kommen. Washington nutzt dafür den Begriff „elite decapitation“. Sollten die Bombardierungen zu einem Zusammenbruch der Zentralregierung führen, dann könnte in der Tat in den Provinzen die Hölle losbrechen und Iran sich in eine Kopie des Irak verwandeln.

Frage: Wieviel Unterstützung genießt Präsident Ahmadi Nejad im Iran für seine extreme Position gegen Israel?

Dr. Abrahamian: In der Vergangenheit, unter Präsident Khatami, war Iran bereit, die eher moderate palästinensische Position zu unterstützen, wie sie von Arafat vertreten wurde, also auch das Konzept der zwei Staaten. Die Falken um Ahmadi Nejad waren auch damals schon für einen sehr viel radikaleren Kurs gegenüber Israel eingetreten. Grundsätzlich kann man sagen, dass sich an diesen unterschiedlichen Einstellungen nichts geändert hat. Die Wahl von Ahmadi Nejad und seiner Falken hat daher zwangsläufig zu einer Verschlechterung der Beziehungen zu Israel geführt. Man muss allerdings berücksichtigen, dass auch die Moderaten um Khatami stets hundertprozentig hinter Hisbollah gestanden haben. Als daher Israel Hisbollah angriff, hatten sie kaum eine andere Wahl als sich hinter Hisbollah und damit hinter Ahmadi Nejad zu stellen.

Frage: Wird Teheran die Hisbollah benutzen, um gegen Israel und Amerika zurückzuschlagen, sollte es zu Luftangriffen auf Iran kommen?

Dr. Abrahamian: Das ist die konventionelle Befürchtung, die davon ausgeht, dass Iran als erste Gegenmaßnahme der Hisbollah befehlen wird, Israel mit Raketen anzugreifen. Ich glaube allerdings nicht an dieses Szenario.

Frage: Was spricht denn dagegen?

Dr. Abrahamian: Hisbollahs Selbständigkeit. Die Hisbollah trifft ihre eigenen Entscheidungen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hisbollah das eigene Überleben für den Iran aufs Spiel setzen wird. Wenn es zu einer direkten Konfrontation käme, bei der Israel alle militärischen Machtmittel einsetzte und in den Libanon einmarschierte, dann wäre Hisbollah nicht einmal ansatzweise ein gleichwertiger Gegner. In einem solchen Fall gäbe es auch kaum etwas, was Iran unternehmen könnte, um Hisbollah beizustehen. Deswegen glaube ich nicht, dass im Falle einer militärischen Auseinandersetzung Irans mit den USA die Hisbollah-Karte gespielt würde. Irans Sache wäre weit besser damit gedient, die Amerikaner dort zu treffen, wo es ihnen wirklich weh tut, also im Irak und vor allem in Afghanistan.

Frage: In Afghanistan? Das Verhältnis zwischen den Taliban und Iran war doch in der Vergangenheit alles andere als freundschaftlich?

Dr. Abrahamian: Daran hat sich auch nicht viel geändert. Aber Iran hat seit jeher sehr gute Beziehungen mit der Nordallianz gepflegt. Viele von jenen Mitgliedern der Nordallianz, die dazu überredet worden waren die Karzai-Regierung zu unterstützen, sind nicht glücklich mit dieser und wären jederzeit bereit, sich gegen sie zu kehren. Tatsächlich würde sich der größte Teil des Nordens Afghanistans, vor allem die Gebiete der Uzbeken, Tadschiken und Hazara, freier fühlen, wenn sie sich von der Karzai-Regierung lösen und ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen könnten. Mit der Rückendeckung und Unterstützung durch Iran könnten sie dies.

Frage: Ihrer Meinung nach würde also ein amerikanischer Angriff auf Iran einen militärischen Erfolg der USA und ihrer Alliierten in Afghanistan enorm erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen?

Dr. Abrahamian: Allein um den Süden, also die Gebiete, in denen die Taliban aktiv sind, zu kontrollieren, brauchen die USA und ihre Verbündeten schon erheblich mehr Truppen als im Moment verfügbar sind. Die USA könnten den Status Quo in Afghanistan für eine lange Zeit aufrecht erhalten, aber selbst dafür benötigten sie am Ende die Hilfe Irans. Sollten allerdings die Nord Allianz, die zur Zeit noch die Karzai-Regierung stützt, sich gegen diese stellen, dann könnte die sich wohl kaum halten.

Frage: Im Falle eines militärischen Konflikts, wer hätte eigentlich den Oberbefehl über die iranischen Streitkräfte? Präsident Ahmadi Nejad?

Dr. Abrahamian: Nein, den Oberbefehl hat der Faqih (Rechtsgelehrter), das geistliche Staatsoberhaupt Ali Khameini. Khameini ist es auch, der alle wesentlichen Entscheidungen trifft, die die Streitkräfte betreffen. Die Führer der Teilstreitkräfte, der Marine, des Heeres, der Luftwaffe und der Revolutionsgarden werden von ihm ernannt.


© 2007 MuzikQuest/Edgar Klüsener
Erstveröffentlichung: April 2007, Readers Edition