Was
blieb schon groß von Liam? Ein Dealer, der den Verlust eines
Kunden bedauern mochte, vielleicht. Vielleicht auch ein
Sachbearbeiter, der über zusätzlichen Papierkram
fluchen
mochte, am Ende vielleicht sogar ein Anflug von Trauer beim Vater in
seiner Zelle und eine vage Erinnerung an einen im Stich gelassenen
Sohn bei der Mutter, wo immer die auch gerade sein mochte. Im
Gedächtnis der Parkmenschen würde Liam vielleicht
für
einige Tage überleben, doch die Nöte und Leiden des
täglichen Kampfes um ein kleines bisschen Sinn und
Wärme
würde die Erinnerung an ihn schnell verdrängen. Zu
viele
waren schon gekommen und gegangen wie er.
Im
Moment allerdings war Liam noch sehr gegenwärtig, und Neil
hatte
nach wie vor keinen blassen Schimmer, was er mit ihm anstellen
sollte. Allein mit einer Leiche in einem Park mitten am Tag mitten in
Manchester – seine Vorstellungen von einem ruhigen Sommertag
sahen
anders aus. „Ich sollte ihn einfach hier liegen lassen
für die
Müllsammler“, grummelte er leise vor sich hin, wohl
wissend,
dass er eben das unter keinen Umständen übers Herz
bringen
würde.
Er
sollte wohl ein Telefon suchen und die Notrufnummer wählen,
überlegte er. Nur war weit und breit kein
öffentliches
Telefon zu sehen. Außerdem wusste er die Notrufnummer nicht.
Er
horchte in sich hinein, hoffte auf die Stimmen, auf einen Ratschlag,
eine Hilfeleistung oder doch wenigstens eine Telefonnummer. Doch wo
beinahe immer Stimmenwirrwarr herrschte und erregte Diskussionen ihm
manchmal Kopfschmerzen bereiteten, war plötzlich nichts als
totales Schweigen. Nicht einmal ein leises Summen im tiefsten
Untergrund seines Stammhirns deutete auf die zu anderen Zeiten
unvermeidliche Anwesenheit von Cassandra, Engels, Captain George und
den gelegentlichen Anderen hin. Neil war so gänzlich auf sich
allein gestellt wie nur selten sonst in seinem kargen Leben.