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Das Buch

Die Bewegung störte eine Elster auf, die sich gerade über die Überreste einer Taube hermachen wollte, die Teenager in der Nacht zuvor mit einer Luftpistole erlegt hatten. Der Vogel beobachtete Neil misstrauisch und flatterte dann hoch, fand einen guten Ausguck auf einem Ast der riesigen Silberbirke und protestierte von da aus empört keckernd gegen die Störung seines Tauben-Imbisses. „Geschieht dir recht, Kannibale,“ dachte Neil beiläufig, während er langsam zu Liam hinüber schlurfte. Der lag da zusammen gekrümmt wie ein Embryo auf der Seite, die Schenkel an die Brust gezogen. Der Kopf ruhte auf dem rechten Oberarm, der linke Arm lag ausgestreckt, die dünne Einweg-Spritze steckte noch in der Vene. An der Einstichstelle war ein wenig Blut schwärzlich angetrocknet. Zögernd näherte sich Neil dem reglos daliegenden Taschendieb weiter.

Für einen Junkie, Taschendieb und Gelegenheits-Straßenräuber war Liam eigentlich ganz nett. 




Zumindest zu den Parkbewohnern. Mehr als einmal hatte er mit Neil Zigaretten geteilt, ein Stück Brot oder, echte Festtage, ein Kebab aus dem Gemini Imbiss. Neil wusste ansonsten nicht viel über Liam, außer dass der schon seit seinem sechzehnten Lebensjahr auf der Straße lebte. Der Vater saß im Knast, weswegen hatte Liam nie verraten, und die Mutter war eines Tages einfach abgetaucht. Wenig später war Liam dann auf der Straße gelandet und hing seitdem an der Nadel. Seine Opfer wählte er in der Regel unter den unerfahrenen Studenten, die die Regeln des Asphaltdschungels noch nicht begriffen hatten und Börsen oder Handys offen in der Hand trugen – leichte Opfer eben. Ein schneller Zugriff, seltener zudem ein kurzer Faustschlag, dann ein scharfer Sprint – mehr war fast nie nötig, um den unvorbereiteten und von der Plötzlichkeit der Attacke geschockten Opfern ihre gut verkäufliche Habe zu entreißen.

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