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THE BLACK
CROWES
Schöne Grüße an Cleansman
Sommer 1996, in Großbritannien läuft gerade die Fußball-EM, die bereits
den Abstieg des deutschen Fußballs in die internationale
Zweitklassigkeit andeutet. Die Nationalelf ist in einem wunderschönen
Landhaus in der Nähe von Manchester untergebracht. Während die
Spielerfrauen sich den Tag mit ausgedehnten Einkaufsbummeleien in
der Innenstadt von Manchester vertreiben, bereitet nicht weit entfernt
ein Kommando der IRA die Bombe vor, die wenig später große Teile eben
dieser Innenstadt in Schutt und Asche legen sollen. Von all dem ist im
rheinischen Köln zur selben Zeit kaum die Rede, da geht's eher um Musik
denn um Fußball. In der Stadt sind die Black Crowes, und die wollen
über ihr aktuelles Album reden. Dachte ich wenigstens, doch dann kam
Cleansman ins Spiel.
Chris
Robinson sieht aus wie eine Mischung aus Jesus Christus und
Charles Manson. Hager, lang aufgeschossen, das Gesicht verschwindet
beinahe völlig hinter einem Vorhang aus langen, strähnigen Haaren und
unter einem dicht wuchernden Vollbart, der bis fast auf die Brust
reicht. So einer hätte gut in jene Hippie-Gemeinde gepaßt, die San
Francisco in den späten Sechzigern zu einer Legende kurzfristiger
Flower Power-Blütenträume werden ließ. Neben ihm hockt auf der
schwarzen Ledercouch der Suite im Kölner Crowne Plaza Hotel
Schlagzeuger Steve Gorman.
Beide sollen eigentlich über das vierte Black Crowes-Album ,Three Snakes And One Charme' reden.
Doch die Konzentration auf das Interview fällt ein wenig schwer, denn
gleichzeitig flimmert eine Aufzeichnung des EM- Viertelfinalspiels
Deutschland gegen Rußland über den Schirm des genau im richtigen
Blickwinkel plazierten Fernsehers. Ständig wandern ihre Blicke zwischen
mir und der Mattscheibe hin und her. Möller schlägt einen Paß auf
Klinsmann, der dreht sich in einem gleitenden Bewegungsablauf weg von
seinem Gegenspieler, unisono stöhnen Chris und Steve auf: »Wowww, was
für ein Fußballspieler«, bewundert Steve den blonden deutschen
Stürmerstar.
»Ohne Cleansman wäre das
deutsche Team nur die Hälfte wert«, zeigt sich sein Kollege als
Soccer-Experte.
Nanu, Amis die was von Fußball verstehen?
»Aber klar, warum denn
nicht?«, wundert sich Herr Gorman über die Skepsis, die in der Frage
mitschwingt. Wir haben beide jahrelang selbst Fußball gespielt. Auch in
richtigen Teams. In den Staaten ist Soccer unter Jugendlichen längst
ein absoluter Modesport , der auf Dauer in der Publikumsgunst wohl
Baseball ersetzen wird. Vielleicht ja sogar Football.«
»Schönen Gruß an Cleansman von den Black Crowes«, zieht Chris Robinson
einen Schlußstrich unter die EM-Diskussion.Die beiden kommen gerade aus
Amsterdam, wo sie einige »...wunderschöne Tage verbracht haben«, sagt
Chris Robinson. Und fügt grinsend hinzu:«Es geht halt nichts über
holländische Koffie-Shops.« Amsterdam sei, überlegt er dann, eine
Stadt, in der zu leben er sich durchaus vorstellen könne, eine echte
Alternative zu Kalifornien oder zur Heimatstadt Atlanta. Mal sehen, was
die Zukunft bringen wird. Die bringt zunächst keinen Umzug ins Venedig
des Nordens, sondern eine erneute, ausgedehnte Welttournee, auf der sie
»Three Snakes And One Charme« vorstellen wollen. Das Album bietet in
erster Linie Altvertrautes. Retro-Rock der bekannten Machart, schöne
Songs in bester Southern Rock-Manier. Allman Brothers, Greatful Dead,
frühe Jefferson Airplane, aber auch die Stones oder The Who - sie alle
lassen grüßen. Behaupten zumindest Kritiker in den US von A.
»Bullshit!«, ereifert sich Chris Robinson. »Ich bin diese ewigen
Vergleiche allmählich übersatt. Wir kopieren nicht die Allman Brothers
oder sonstwen, wir sind die Black Crowes, wir klingen wie die Black
Crowes, wir machen konsequent unser eigenes Ding. Wenn das
zufälligerweise Ähnlichkeiten zur Musik von Wasweißichwem aufweist,
dann steckt da ganz bestimmt kein Kalkül hinter. Auch der dümmste
Kritiker sollte inzwischen kapiert haben, daß die einzige Schublade, in
die wir musikalisch passen, die mit der Aufschrift ,Black Crowes' ist.
Wenn denn schon eine Schublade sein muß.« »Wowww, hast du das gesehen,
absolut klasse gemacht«, unterbricht Steve und weist auf den
Bildschirm. Gemeint hat er einen energischen Vorstoß von Matthias Sammer.
Doch Chris ignoriert den Zwischenruf einfach. Der Mann ist hyperaktiv,
rutscht auf seinem Sessel hin und her, sein Redefluß, ist, einmal ins
Rollen geraten, kaum noch zu stoppen. Die Worte sprudeln nur so aus ihm
raus. »Mag sein«, fährt er fort, »daß die Black Crowes in einer
bestimmten musikalischen Tradition stehen, die sich auch in unserer
Musik niederschlägt. Aber für welche Band gilt das nicht? Dennoch ist
ganz klar, daß unsere Songs aus uns selbst heraus entstehen. Black
Crowes- Musik spiegelt in alle rerster Linie The Black Crowes wieder,
unser Lebensgefühl, unsere Gedankenwelt. Wir sind einfach wir selbst.
Und das schlägt sich auch in unserer Musik wieder.«
»Ich kann ja verstehen«, wirft
Steve Gorman ein, »daß Kritiker und Rezensenten ihre Schubladen und
Kategorien brauchen, aber das heißt nicht, daß wir nun auch tatsächlich
diesen von Anderen geprägten Klischees entsprechen müssen. » Wenn Steve
Gorman von »unserer« Musik oder »unseren« Songs redet, ist das
eigentlich Etikettenschwindel. Denn Komponisten und Texter, die wahren
Chefs im Ring, sind eindeutig - und unwidersprochen - Chris Robinson
und sein Bruder Rich. Die beiden sind The Black Crowes, der Rest ist
Staffage, beliebig austauschbar. Nein, ganz so sei es eigentlich nicht,
versuchen Chris und Steve zu relativieren. »Es stimmt natürlich«,
erläutert Steve Gorman das Bandgefüge, »daß Chris und Rich die Gründer
und die kreativen Kö pfe der Black Crowes sind. Aber im Laufe der
Jahre, vor allem während der endlosen Tourneen, sind wir alle sehr eng
zusammengewachsen. Die Black Crowes sind heute eher sowas wie eine
Familie.« Deren Väter die Gebrüder Chris und Rich sind. Ein Paar, bei
dem allerdings im Laufe der letzten Jahre die Chemie ein wenig
durcheinandergeraten ist, sich zu einer hochbrisanten Mixtur entwickelt
hat. Von endlosen Streitereien zwischen den beiden wurde berichtet, von
handfesten Auseinandersetzungen und von Krisen, die den Fortbestand der
Band ernsthaft in Frage gestellt haben. »Wir hatten eine schwierige
Phase miteinander«, gibt Chris Robinson unumwunden zu und versucht sich
dann als Hobbypsychologe:«Ich denke mal, das hat sehr viel damit zu
tun, daß Rich und ich eine wichtige Phase in der Entwicklung des
Verhältnisses von Geschwistern zueinander schlicht übersprungen - oder
vielmehr endlos hinausgezögert hatten.«
»Was Chris damit meint«, führt
Steve Gorman weiter aus, als er merkt, daß dieser dieses Statement
nicht fortzusetzen gewillt scheint, »ist, daß normalerweise Brüder zwar
zusammen groß werden, sich aber dann irgendwann, normalerweise mit
Eintritt der Pubertät, ihre Wege voneinander zu trennen beginnen. Je
erwachsener sie werden, desto mehr entwickeln sie sich auseinander,
beginnen sich ein eigenes Leben aufzubauen.«
»Genau«, nimmt nun Chris den
Faden wieder auf. »Nur, bei mir und Rich ist das anders gelaufen. Wir
haben schon als Teenager zusammen in Bands gespielt, haben gemeinsam
die Black Crowes gegründet, haben uns nie wirklich voneinander gelöst.
Wir waren nicht zwei Musiker, die zusammenarbeiten, mit all ihrer
unterschiedlichen Lebenserfahrung, sondern immer zuallererst zwei
Brüder, die nebenbei auch noch in derselben Band spielen und ansonsten
seit dem Krabbelalter kaum jemals etwas getrennt voneinander
unternommen haben. Um unsere Beziehung zueinander auf eine neue Ebene
hieven und halbwegs ,normal' miteinander umgehen zu können, mußten wir
uns unbedingt voneinander lösen, jeder für sich sein eigenes Leben
aufbauen. Was nicht einfach ist, wenn du im Studio, auf Tournee, auf
Promoreisen oder sonstwie ständig zusammengepfercht bist. Wie soll man
da Abstand zueinander gewinnen? Es begann sich erst dann allmählich zu
ändern, als Rich seine eigene Familie gründete und wir uns auch
räumlich voneinander trennten, als wir tatsächlich damit begannen,
eigene Leben zu führen. Heute können wir wieder weitgehend unbefangen
miteinander umgehen - und besser zusammen Songs schreiben, als in den
letzten Jahren.« Womit wir zurück beim aktuellen Album wären. Bei
dessen Produktion haben die Black Crowes auf ein altbewährtes Team
gesetzt. Als Co-Produzenten holten sie sich erneut Jack Joseph Puig ins
Studio. Aber was heißt hier schon Studio? Denn »... gebucht hatten wir
natürlich auch diesmal wieder ein konventionelles Tonstudio. Aber dann
kam's doch alles ein wenig anders.« Denn da war ja noch das alte 71-
oder 72- («die Seriennummer weiß ich jetzt auch nicht so genau...«)-
24-Track-APR- Board, das sich Rich Robinson zugelegt hatte und das
einen »...wundervollen Sound hat.« Eine Schande wäre es gewesen, dieses
Board nicht auch einzusetzen, fanden Rich, Chris und der Rest der Band.
Womit klar war: »Wir lassen das Studio Studio sein und nehmen
stattdessen in diesem Haus in Atlanta auf, das wir ursprünglich
angemietet hatten, damit die von auswärts eingeflogenen Mitglieder der
Band während der Studiozeit eine Bleibe haben. In einem Raum, der mal
gerade halb so groß wie dieses Hotelzimmer ist.« Die nutzbare
Grundfläche besagten Zimmers beträgt maximal 20 m². Natürlich reichte
das alte APR-Board allein noch nicht aus für eine amtliche Produktion.
»Unser Co-Produzent Jack Puig ist ziemlich krank, wenn's um solche
Sachen geht, ein Fanatiker«. erzählt Chris weiter. » So kam im mer mehr
zusammen, alte EMI-Konsolen aus Abbey Road, ein 10-Track- Sidecar, dann
die alten UA 2- Komponenten. Zusätzlich haben wir noch ne Zweizoll
Tapemaschine aus Nashville gemietet. Damit hatten wir schon eine Menge
Zeugs im Haus, mußten aber noch weite re Ausrüstung besorgen.« Da kam
es sehr gelegen, daß Jack Puig passionierter Sammler von Vintage-Mikes
ist.«Die hat er dann auch angebracht. Er wollte aber noch zusätzlich
einige alte Mikes, die zu selten und zu kostbar sind, um sie selbst zu
besitzen. Die mußten wir mieten. Wir haben das Zeugs dann alles
irgendwie zu einem brauchbaren Studio zusammengesetzt. Und zwar«,
ergänzt er, und jetzt schwingt ein Hauch von Stolz mit in der Stimme,
»in der absoluten Rekordzeit von vier Tagen. Aber es war die Mühe wer
t, am Ende haben wir einen wirklich phantastischen Sound hinbekommen.
Was wohl getan hat, war der weitgehende Verzicht auf Computer und
überflüssige elektronische Sound- und Effektspielereien. Ich habe
nichts gegen diesen ganzen Elektronikkram«, betont er dann noch«, aber
er kann auch gewaltig im Weg sein oder gar die Musik zerstören, wenn
man seiner Faszination zu sehr erliegt.«
Vor den endgültigen
Beginn der Recording-Sessions allerdings hatten die Götter des
Rock'n'Roll noch einiges an Schweiß und Arbeit gesetzt. Denn mit dem
Aufbau der technischen Gerätschaften allein war es ja noch nicht getan.
Vorher mußte die Raumakustik ve rmessen werden, Wände und Decke wurden
mit Teppichen verhangen, Leitungen wurden verlegt, es war halt »... was
ganz anderes als die Arbeit in einem kommerziellen Studio...«. Und die
Hauseigentümer wunderten sich derweil ebenso wie die Nachbarn, was
diese Horde Neo-Hippies da eigentlich trieb. »Die hatten ja keine
Ahnung«, lacht Gorman, »schließlich hatten wir das Haus ursprünglich zu
ganz anderen Zwecken gemietet.« Mit ,Three Snakes And One Charme' legen
die Black Crowes noch mal einen drauf. Die Band ist wahrhaftig nur
schwer in eine Schublade zu packen. Die Robinson-Brüder nehmen sich
alle nur erdenklichen stilistischen und musikalischen Freiheiten,
zeigen erneut erhebliches Gespür für wunderschöne Harmonien und
Melodien. Sie verarbeiten Soul-Elemente, jede Menge Blues, grooven
gewaltig und doch relaxt los. Vor allem aber meldet sich mit ,Three
Snakes And One Charme' eine der derzeit außergewöhnlichsten - und
querköpfigsten - amerikanischen Rockbands zurück im Ring. Denn was
immer man sonst auch von den Black Crowes sagen mag, eins sind sie
sicherlich nicht: Das klassische, glattpolierte Rock-Plastikprodukt,
pflegeleicht und unbedingt MTV- und Teenie-Postillen-Poster-tauglich.
Die Band hat ausgeprägte Ecken und Kanten, ist, gemessen an den
Maßstäben des heutigen Musikgeschäftes, ausgesprochen widerborstig und
unbequem. Sie bestimmt selbst die Eintrittspreise für ihre Konzerte,
akzentuiert sich politisch, verweigert sich konsequent allen Versuchen
Dritter, den Erfolg der Black Crowes für eigene Belange auszunutzen.
The Black Crowes sponsored by Volkswagen? Undenkbar! Eine gemeinsame
Tournee mit ZZ Top zum Beispiel hatten sie platzen lassen, als bekannt
wurde, daß die Tour von einem US-Großkonzern gesponsort wurde.
»Was soll's«, erklärt Chris
Robinson. »Okay, mag sein, daß wir uns damit den Ruf erworben haben,
arrogant und unberechenbar zu sein, aber das ist nicht der Punkt. Zum
einen ist Rock'n'Roll für uns immer noch gleichbedeutend mit einer
gewissen Art von Aufle hnung und Rebellion. Zum anderen haben wir
schlicht persönliche Grundüberzeugungen. Und zu denen stehen wir, egal
was es kostet. Wir sind keine politische Band im eigentlichen Sinne,
aber was in der Gesellschaft passiert, geht jeden etwas an, weil
letztlich auch jeder selbst betroffen ist. Und wenn ich von etwas
persönlich betroffen bin, dann will ich mich gefälligst auch dazu
äußern dürfen!« Punktum. Persönlich betroffen sind sie bis zu einem
gewissen Grad auch von der Olympiade, die in diesem Jahr in ihrer
Heimatstadt Atlanta ausgetragen wird. Und sei's nur wegen der vielen
Baustellen, die das Verkehrschaos in der Stadt unerträglich machen.
Chris sieht's mit gemischten Gefühlen:« Ich habe nichts gegen die
Olympiade an sich, wohl aber dagegen, wie eine ursp rünglich sicher mal
gute Idee mittlerweile in unerträglichem Maße kommerzialisiert worden
ist. Die Gelder, die da verschwendet werden, wären anderweitig
sicherlich besser verwendet gewesen.« Zum Beispiel als Investition in
Nachbarschaftsprojekte, Sozialhil fe oder Alphabetisierungsprogramme.
Oder in die AIDS-Hilfe, für die die Band gerade ein Benefizkonzert
gegeben hat.»Wow, Cleansman ist ein so verdammt guter Spieler«,
bewundert Steve Gorman einmal mehr einen Spielzug des Münchner
Stürmerstars. Beide blicken gebannt auf den Bildschirm, wo sich die
Russen heldenhaft - und in spielerischer Hinsicht oft auch überlegen -
gegen eine sich immer deutlicher abzeichnende Niederlage gegen das
deutsche Team wehren. Was kann man dem noch hinzufügen?
© 1996 / 2003
MuzikQuest/Edgar Klüsener
Erstveröffentlichung in
PLAY Magazin
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